Berlin - Rummel, Gras und Messerstechereien: Die Berliner Zeitung wollte hin, wo’s wehtut und erlebte Überraschendes - die Neuköllner Hasenheide ist ein funkelnder Mikrokosmos der Diversität und hat für jeden und jede was zu bieten. Wir haben unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Volkspark im Herzen der Stadt zusammengetragen.

Sommer 2021. Es ist schon vier Uhr in der Früh und da sitzen sie im Schneidersitz, die beiden Engländer, die sich für ein Berlin-Wochenende verabredet haben. Beide sind Mitte 30 und Banker. Einer kommt aus London und der andere aus der schönen und sonnigen Grafschaft Kent, in der so viele Londoner Millionäre ihre Sommerhäuser haben. Nun aber hocken die beiden hier mit großen Augen oberhalb der Senke auf der Hauptwiese des Neuköllner Parks und schauen sich ungläubig das Treiben unten in der staubigen Kuhle an.

Seit ein paar Stunden sitzen die beiden jetzt schon hier. An den Sixpack-Papphüllen und ausgetrunkenen Berliner Pilsner-Flaschen (Berlins schäbigstes Bier!), die kreisförmig verteilt sind, kann man ganz gut hochrechnen, wie lange die beiden hier schon „Berlin genießen“, wie sie auf Englisch sagen. Und Berlin, dass bedeutet natürlich für junge Leute nur eines: Party, Party, Party. Und so haben sich die beiden mit Kokain beim Drogentaxi in Kreuzberg etwas Vertrautes bestellt. Und mit einem Tütchen Ketamin – das, Sie wissen das als Berliner, mitunter mit Kokain gemischt eingenommen wird und eigentlich ein Betäubungsmittel für Pferde und andere Paarhufer ist – etwas, das sich ein bisschen wie Berliner Bär und Berghain anfühlt.

Morris Pudwell
Ketamin, Schweiß, Staub und klebriges Bier auf der Haut: Was viele Berliner abschreckt, lieben offenbar unsere Freunde von den britischen Inseln.

Und wie das so war im Sommer 2021, als die Clubs der Stadt nicht geöffnet waren, blieb für die beiden Jungs natürlich nur die Neuköllner Hasenheide. So schauen die beiden Briten mit großem Staunen auf die Massen herab, die da zwischen den abgelegten Fahrrädern, Einweggrills und Pfeffi-Flaschen in chemischer Extase durch den Staub tanzen, kriechen und robben. Mit ihren Hemden von Turnbull & Asser trauen sich unsere beiden betäubten Briten natürlich an diesem Tag nicht ins Getümmel. Warum auch, denn vollgeschwitzte und ausgewaschene schwarze Schlabber-Tanktops und von Staub, Schweiß und getrocknetem Bier verschmierte Unendlichkeits-Tattoos und nackte Füße im Schlamm sind dann wirklich ein bisschen viel auf einmal.

Kokain, Ketamin, Techno und Berliner Pilsner

Was sie aber natürlich begeistert, ist der offene Umgang mit Alkohol, Drogen und lauter Musik in einer öffentlichen Grünanlage. Und tatsächlich, die Polizei in Neukölln reitet nicht wie im Londoner Hyde Park hoch zu Ross über die Wiesen, sondern hält sich vornehm zurück. Die Polizei-Corsas und -Mannschaftswagen parken artig in ein paar hundert Metern Entfernung auf den erhöhten Gehwegen und hüllen die Szenerie mit ihrem Blaulicht in einen angenehmen 80er-Jahre-Disco-Glow.

Morris Pudwell
Daumen hoch und Arsch zeigen: Dieses Bild erinnert an britische Freizügigkeit nachts um halb drei in Nottingham oder Newcastle. Nur die Schlägerei fehlt auf diesem Bild.

Illegale Raves in Berliner Parks, und die Polizei schaut zu

„Im Londoner Hyde Park wäre sowas natürlich nicht möglich“, sagt Freddie zu seinem Freund und ist beeindruckt von der Berliner Freizügigkeit. Prinzipiell laufe das in England, einem Land, wo es nie eine echte Revolution gegeben habe und sich die materiellen Besitzverhältnisse der Menschen seit mehr als 1000 Jahren nicht verändert hätten, doch so: Parks werden abends natürlich abgeschlossen, dass schließe das Gesindel aus und gebe der Natur ein bisschen Ruhe. In den meisten Grünanlagen dürfe man den Rasen, anders als in der Hasenheide, wo es eigentlich im Sommer 2021 gar keinen Rasen mehr gab, gar nicht betreten.

Das einzige Mal, als der Rasen im Hyde Park wirklich mal verdreckt gewesen sei, sei nach dem Rolling-Stones-Konzert gewesen, aber aus diesem großartigen Spaß habe die Parkverwaltung ihrer Majestät nicht geschlussfolgert, dass es eine wunderbare Idee wäre, den von astronomischen Immobilienpreisen geplagten Londonern einen vollkommen ruinierten Rasen und eine 24-Stunden-Öffnung der Parkanlagen zu schenken. Sondern einfach gleich am Montag für ein paar Millionen Pfund neuen Rollrasen zu verlegen und alles beim alten zu belassen.

Imago
Dreck und Müll in Massen: Solch eigenwillige Müll-Skulpturen kennt man aus Brighton Beach, aber doch nicht aus dem Londoner Hyde Park

Man stelle sich den 142 Hektar großen Londoner Hyde Park in Form einer riesigen Hasenheide (rund 50 Hektar) vor. „Wie das die britische Hauptstadt aufwerten würde“, sagt Tom zu Freddy, während die beiden, den verlockenden Klängen der Technomusik folgend, hinter einem Vorhang aus Rhododendron-Blättern verschwinden, „sowas wünschen wir uns für zu Hause auch.“