Integrationsforscher zu Silvester-Krawallen: „Es ist nur eine kleine Minderheit“

Hat Deutschland ein Problem mit „Integrationsverweigerern“? Nach den Silvester-Krawallen haben Politiker dies behauptet. Nun meldet sich ein Integrationsexperte zu Wort.

Silvester-Knallerei in Berlin-Neukölln 2022/23 an der Ecke Sonnenallee/Reuterstraße.
Silvester-Knallerei in Berlin-Neukölln 2022/23 an der Ecke Sonnenallee/Reuterstraße.Volkmar Otto

Die neue Randale-Statistik der Berliner Polizei zur Silvesternacht zeigt: Geht es um die reinen Böllerattacken auf Polizisten und Feuerwehrleute, stellen deutsche Staatsbürger unter 21 Jahren eine Mehrheit mit Blick auf die 38 festgenommenen Personen dar. Lediglich im Gesamtbild, also wenn man noch die Delikte wegen Brandstiftung und Landfriedensbruch, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und kleinere Straftaten dazuzählt, fallen andere Nationalitäten, vor allem Afghanen und Syrer, unter den insgesamt überwiegend männlichen 145 Festgenommenen vor den Deutschen auf.

Ein Grund genug für CDU-Politiker wie Thorsten Frei, um ein „erschreckendes Problem mit rohen, gewaltbereiten Integrationsverweigerern“ festzustellen. Auf der anderen Seite sorgte die SPD-Politikerin und ehemalige Staatssekretärin Sawsan Chebli mit der Verniedlichung der Straftaten für hitzige Debatten auf Twitter. „Viele der Jungs“, schrieb sie, würden Hunderte Bewerbungen schreiben, um eine Arbeit zu finden, und nur Absagen bekommen. „Wie soll so Integration funktionieren?“, fragte Chebli.

„Deutschland steht bei der Integration der Migranten relativ gut da“

Dem Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin, Herbert Brücker, erscheint die Erklärung von Chebli nur wenig plausibel, denn die sogenannten Jungs scheinen besser beschäftigt zu sein als viele glauben. Im Grunde genommen findet Brücker die ganze Debatte über die Herkunft der Gewalt in der Silvesternacht schwierig. Es handle sich bei den Festgenommenen „um eine kleine Minderheit“ unter den Migranten, die gewalttätig geworden seien, betont der Forscher. Man könne aufgrund dessen keine Schlüsse über die Grundgesamtheit der Migranten in Deutschland ziehen, zudem wisse man nicht, wie viele von den festgenommenen deutschen Staatsbürgern einen Migrationshintergrund haben, inklusive der früheren Einwanderungswelle aus Libanon. Nach letzten Polizeiangaben wurden unter Menschen mit anderen Nationalitäten nur fünf Libanesen festgenommen.

Brücker gibt zwar zu: Generell hätten Geflüchtete es schwerer auf dem Arbeitsmarkt als andere Migranten, denn sie seien unvorbereitet nach Deutschland gekommen, ohne Job und Sprachkenntnisse. „Und trotzdem sind von den Menschen, die 2015 zu uns gekommen sind, bundesweit nach unseren Informationen gut die Hälfte erwerbstätig, darunter etwa zwei Drittel der Männer und viel weniger Frauen“, so Brücker. In Berlin würden die Zahlen „nicht dramatisch abweichen“. Das spreche für eine schnellere Integration als bei den früheren Flüchtlingswellen, wie etwa nach dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Diejenigen, die noch nicht arbeiten, sind entweder in einen Integrationskurs involviert oder machen derzeit eine Ausbildung.

„Wir können davon ausgehen, dass nur 20 Prozent vielleicht nichts tun, die anderen aber in irgendeiner Form erwerbstätig oder anders beschäftigt sind“, sagt Brücker weiter und weist darauf hin, dass die Beschäftigungsquote bei Deutschen mit 70 Prozent zwar deutlich höher sei, aber sich auch nicht auf 100 Prozent belaufe. Geht es um die Indikatoren wie die Erwerbsbeteiligung, Art der Erwerbstätigkeit und Verdienste steht Deutschland im internationalen Vergleich bei der Integration der Migrantinnen und Migranten laut Forschern relativ gut da. Zum Beispiel sollen rund 60 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten inzwischen als Fachkräfte mit einer mittleren Qualifikation arbeiten, etwa im Handwerk.

„Wo Deutschland relativ schlecht dasteht, ist die Bildungsungleichheit“, bemängelt der Integrationsforscher. Migrantinnen und Migranten hätten geringere Chancen im Bildungssystem und daher auch auf eine höhere Qualifikation. Der Staat müsse daher bei Jugendlichen mehr in die Schulbildung und bei Erwachsenen mehr in die berufsbegleitende Sprachförderung und die Weiterbildung investieren und vor allem den in strukturschwachen Regionen untergebrachten Geflüchteten so helfen, sich besser zu integrieren.

Geflüchtete bräuchten dann in der Regel acht bis zehn Jahre, um eine ähnliche Erwerbstätigenquote zu erreichen wie die anderen Migrantinnen und Migranten. Ob sie in dieser Zeit anfälliger für die Kriminalität sind, will der Experte nicht pauschal bestätigen, die Ursachen seien komplex. Allgemein gilt aber, dass Menschen mit geringeren Beschäftigungschancen und niedrigeren Einkommen unabhängig von ihrem Migrationshintergrund eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, durch bestimmte Formen der Kriminalität auffällig zu werden. Bei anderen Formen, etwa Steuer- und Wirtschaftsdelikten, steige die Wahrscheinlichkeit dagegen mit dem Bildungsgrad und Einkommen.

„Ukrainische Flüchtlinge wohl schon zu 25 Prozent beschäftigt“

Laut dem Ausländerzentralregister sind 2022 infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine über eine Million Menschen nach Deutschland geflüchtet. Laut einer repräsentativen Umfrage von IAB, BiB, BAMF und SOEP waren im August und September rund 17 Prozent der Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter bereits in Deutschland beschäftigt. Das klinge auf den ersten Blick zwar wenig, sei aber für den kurzen Zeitraum seit der Ankunft vergleichsweise hoch, sagt der BIM-Direktor. Auch die Perspektiven seien günstig.

Etwa 80 Prozent davon sind Frauen, die ihrerseits zu 75 Prozent höhere Schulabschlüsse haben. Ein Drittel hat dabei in der Umfrage angegeben, dass sie nach dem Krieg in die Ukraine zurückkehren möchten, ein Drittel, dass sie länger in Deutschland bleiben wollen und ein Drittel weiß es noch nicht. Da mit zunehmender Aufenthaltsdauer die Bleibewahrscheinlichkeit steige, müsse man davon ausgehen, dass viele, wahrscheinlich gut die Hälfte, hier bleiben werden. Rund 50 Prozent würden schon einen Sprachkurs besuchen, ein Drittel einen Integrationskurs des BAMF. Zum Jahresende 2022 dürften schon bis zu 25 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer im erwerbsfähigen Alter in Deutschland beschäftigt gewesen sein, schätzt Brücker ein. Allerdings auch oft unter ihrer Qualifikation, die erst anerkannt werden müsse.

„Eines der größten Hemmnisse für eine bessere Integration dieser Frauen bleibt die mangelnde Kinderbetreuung, inklusive der begleitenden Betreuung in der Schule“, bemängelt Brücker zum Schluss. Im Ausbau der Kinderbetreuung sieht der Experte eine Schlüsselfrage generell für die Integration von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, nicht nur von Geflüchteten.

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