Bei meinem Restaurantbesuch im Les Papilles tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan hatte. Ich outete mich als Kritikerin. Ich hatte gerade den letzten Happen Lachs, der perfekt gegrillt war, heruntergeschluckt, zusammen mit dem sepiageschwärzten Hefebrötchen, auf dem sich noch Tropfen von Minzsoße und Hollandaise befanden, als es passierte. Eher spontan rutschte es mir heraus, als der entzückende Franzose beim Abräumen auf Englisch fragte, ob ich denn „appy“ sei. Statt nun einfach nur wahrheitsgemäß mit „Ja, danke, sehr glücklich“ zu antworten, wollte ich ihm aber gern klar machen, wie begeistert ich von der Küche hier war.

Mein Abend hatte überraschend begonnen, mit zwei Vorspeisen, die ich so zuvor noch nirgends probiert hatte. Einer Tarte Tatin, in die statt süßlichem Apfel karamellisierter Chicorée eingebacken war. Und einem im Ofen geschmolzenen Camembert mit einer herrlichen Pesto-Nuss-Kruste. Bei beiden fand ich nicht nur die Idee verdammt gelungen, sondern auch deren Umsetzung – etwas wirklich Neues entzückt den Kritiker ja umso mehr. So oder so ähnlich formulierte ich es wohl, in der Hoffnung, dass der Kellner mein Lob der Küche mitteilte. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass er der Chef war – und dies sein allererstes eigenes Restaurant.

Selbst der Koch ist aus Paris

Sofort wollte er mich auf das Essen einladen. Ich sei die erste Kritikerin, die bei ihm vorbeikäme. Er schien sich ernsthaft darüber zu freuen. Natürlich lehnte ich ab, außerdem hätte ich so oder so vom Les Papilles geschwärmt. Mich wiederum freute, dass ich in dieser Zeitung nun die Premiere feiern darf.

Ich hatte schon viel Gutes von Gästen des Les Papilles gehört; als ich es besuchte, war es auf den Tag ein Jahr alt. Wir haben es wohl den Mieten in Paris zu verdanken, dass dieser Laden nicht dort, sondern in der Flughafenstraße in Neukölln aufgemacht hat, wo die Immobilien inzwischen auch teuer, aber noch nicht unerschwinglich sind. Auch der Koch ist aus Paris mitgekommen.

Die vier bis fünf Vor- und Hauptspeisen, die sie sich täglich überlegen, werden nicht auf eine Karte gedruckt, sondern mit Kreide an die mit Tafelfarbe schwarz gestrichenen Wände geschrieben oder persönlich erklärt. Das ist nicht nur nett, zumal der Service sich viel Zeit dafür nimmt, sondern hörte sich bei meinem Besuch auch sehr gut an: Es gab einige französische Bistro-Klassiker wie eine Käseauswahl und überbackene Austern, aber auch Eigenkreationen.

Zum Beispiel die umdekorierte Tarte Tatin. Statt Apfelscheiben wurde Chicorée in den Blätterteig eingebacken. Der Apfel war als Beilage in den Salat zur Tarte verbannt, roh und in kleinen Schnitzen, zusammen mit Chicoréespitzen, schwarzem Mohn und einem sauersüßen Fruchtdressing. Das passte ganz hervorragend, weil sich so Süßes zum Bitteren des Chicorées gesellte und die butterschwere Tarte mit einem fruchtig-leichten Salat kontrastierte. Großartig auch, dass aus einem Dessert so kurzerhand eine Vorspeise wurde.

Pure Begeisterung

Ebenso einfach wie überzeugend war auch der Camembert. Dieser war im Ganzen im Ofen gebacken und mit Basilikum-Macadamianuss-Pesto dekoriert, das mit den Camembert-Aromen harmonierte. Dazu gab es ein paar hauchdünn geröstete Baguettescheiben und ein paar Blättchen grünen Salat.

Dieser wird ja oftmals in vielen Restaurants nur als Deko missbraucht. Hier aber bildete er ein eigenes Geschmackselement durch ein wohlüberlegtes Dressing. Gerade an solchen Kleinigkeiten offenbart sich der Ehrgeiz eines Kochs. Dass dieser eine ganze Menge davon haben muss, bewies mir auch der Lachs-Burger, bei dem jedes Detail vom Brot bis zu den Soßen sorgfältig gemacht und aufeinander abgestimmt war. So etwas begeistert – und das darf doch eine Kritikerin ausnahmsweise nicht nur hier, sondern einmal auch dem Chef persönlich sagen.

LES PAPILLES

Flughafenstraße 25,

12053 Berlin

Tel.: 030 / 62 90 07 63. 

Öfunungszeiten: Di–Fr 9–15 und 18:30–23 Uhr, Sa/So 10–15 u. 18:30–23 Uhr.

Im Les Papilles gibt es Vorspeisen für 6–12, Hauptgerichte für 10–16 und Desserts von 4,50 bis 6 Euro.

Weitere Informationen finden Sie unter https://www.facebook.com/Papilles-372129329647882/?fref=ts