Berlin - Schon Bob Dylan wusste: „The Times They Are A Changin“. Natürlich gilt das Gesetz der sich ändernden Zeiten auch auf dem Gelände der Kindl-Brauerei in Neukölln. Zehn Jahre, nachdem zwischen Mainzer-, Rollberg-, Boddin- und Neckarstraße der letzte Liter gebraut wurde, tummeln sich Immobilienentwickler (die Firma Ziegert baut 119 Eigentumswohnungen), Kunstmäzene, die ein „Zentrum für zeitgenössische Kunst“ herrichten, eine Kartbahn, das Schwulenzentrum SchwuZ – und in der Privatbrauerei am Rollberg auch wieder zwei Brauer.

Ein wichtiges Zeichen war im Mai dieses Jahres die Fertigstellung der sogenannten Kindl-Treppe. Sie überwindet einen Geländesprung von etwa acht Metern Höhe und schafft gemeinsam mit dem neuen Aufzug einen barrierefreien Zugang von Neckar- und Isarstraße hinauf auf das frühere Brauereigelände. Dieses war stets eine unüberwindbare Barriere gewesen, die teils Hunderte Meter Umweg erzwang.

Einer der wichtigsten Mit-Spieler auf dem Kindl-Gelände ist die Stiftung Edith Maryon aus der Schweiz. Vorigen Herbst haben die Baseler einen 17.000 Quadratmeter großen Anteil erworben. Nun werden Einzelflächen per Erbbaupacht an Interessenten vergeben. Am Dienstag tagte der Wirtschaftsausschuss des Neuköllner Bezirksparlaments und ließ sich die Pläne erklären.

Schweizer haben auch Immobilie in Rigaer Straße erworben

Angelika Drescher, Chefin der Firma Vollgut, die der Schweizer Stiftung gehört, erläuterte, dass die Mitte des Geländes als öffentlicher Platz gestaltet werden soll. Gebaut wird an den Rändern. An zwei Brandmauern sollen Gebäude für temporäres Wohnen etwa für betreute Wohngruppen entstehen. Außerdem ist vorgesehen, auf einer Halle, in der zurzeit eine Gruppe namens Agora Collective Forschungen zum Thema Kreislaufökonomie anstellt, weitere Stockwerke aufzusetzen.

Noch offen ist die Zukunft der Kartbahn. Wollte man auch hier nach oben bauen, müsste die Kart-Halle abgetragen werden. Darunter befinden sich stabile Grundmauern, auf denen man ein neues Gebäude aufsetzen könnte, so Angelika Drescher. Noch nicht entschieden sei auch, was mit den unterirdischen, bis zu viergeschossigen Lagerhallen unter der Kartbahn passieren soll, in denen Kindl einst sein Bier kühlte.

„Doch bei all dem geht Nachhaltigkeit vor Schnelligkeit“, sagte Drescher. Über allem stehe der Anspruch der gemeinnützigen Stiftung Edith Maryon, Liegenschaften langfristig zu entwickeln. Alle Partner verpflichten sich, gekaufte Flächen nicht weiterzuverkaufen. Sollte eine Unternehmung insolvent gehen, fiele das Gelände an die Stiftung zurück. So werden die Flächen der Grundstücksspekulation entzogen.

Mit diesem Geschäftsmodell, bei dem das Geschäft gerade nicht im Vordergrund steht, hat sich die Stiftung schon an einigen Stellen in Berlin engagiert. Zum Beispiel gehört ihr das Haus an der Ackerstraße in Mitte, in der sich der Schokoladen befindet. Und auch in der so umkämpften Rigaer Straße haben die Schweizer eine Immobilie erworben und ermöglichen dort ein soziales Wohnprojekt ohne Furcht vor Mieterhöhungen.