Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Jede Minute, die nach dem Notruf verstreicht, wird zur Ewigkeit.

Im Notfall zählt jede Sekunde. Doch die Chancen, am Leben zu bleiben, dürften in Berlin noch weiter sinken, denn der Rettungsdienst der Hauptstadt ist hoffnungslos unterbesetzt.

In diesem Jahr rief die Feuerwehr nach Angaben eines Sprechers bereits 133-mal den sogenannten Ausnahmezustand (AZ) Rettungsdienst aus, zuletzt an diesem Montag. Weil das an manchen Tagen zweimal passiert, sind die Retter im Durchschnitt jeden Tag im Ausnahmezustand. Im vergangenen Jahr war er 178-mal ausgerufen worden und 64-mal im Jahr 2020.

Der AZ Rettungsdienst wird dann ausgerufen, wenn die Rettungswagen zu 80 Prozent ausgelastet sind und die vorgegebenen zehn Minuten von der Notrufannahme bis zum Eintreffen nicht eingehalten werden können. Im Jahr 2020 wurden die Hilfsfristen in der Notfallrettung nur in 52,1 Prozent der Fälle eingehalten. Vorgegeben sind aber 90 Prozent.

Fast 400.000-mal rückten Rettungswagen aus

Ausnahmezustand bedeutet: Die Feuerwehr muss zusätzliche Leute in den Rettungsdienst holen. Feuerwehrleute steigen dann von den Löschfahrzeugen auf leer stehende Rettungswagen (RTW) um.

„So machen wir uns bei der Brandbekämpfung oft nackig, um überhaupt RTW besetzen zu können“, sagt Oliver Mertens von der Gewerkschaft der Polizei. „Die Folge ist dann unter Umständen, dass die Feuerwehr im Fall eines Brandes nicht so schnell wie geboten vor Ort wäre.“

Im Jahr 2020 wurde die Feuerwehr 470.238-mal alarmiert. Das waren im Schnitt knapp 1300 Einsätze pro Tag. 8500-mal wurde die Feuerwehr zu Bränden gerufen. Den weitaus größten Teil machte der Rettungsdienst aus: rund 397.000 Einsätze. Ihre Zahl steigt seit Jahren stark an. Vor fünf Jahren lag die Zahl noch bei knapp 372.000 Einsätzen. Für das vergangene Jahr liegt der Jahresbericht der Feuerwehr noch nicht vor.

Patienten rufen lieber den Rettungsdienst, als zum Arzt zu gehen

Die Gründe dafür, dass die Rettungswagen immer öfter gerufen werden, sieht die Behörde unter anderem in der Bevölkerungszunahme in Berlin, in der Alterung der Bevölkerung – aber auch in einem gestiegenen Anspruchsdenken.

So kritisiert GdP-Mann Mertens, der selbst im Rettungsdienst arbeitet, etwa die mangelnde Selbsthilfefähigkeit in der Bevölkerung, „sodass wir auch wegen saurer Milch rausfahren“.

Die Deutsche Feuerwehrgewerkschaft sieht das ähnlich. „Zum einen ist die hausärztliche Versorgung schlechter geworden. Gerade wenn ein Patient zu einem Facharzt muss, wird das mittlerweile alles auf die Krankenhäuser abgewälzt“, sagt der Vorsitzende der Landesgruppe Berlin-Brandenburg, Lars Wieg.

Arbeitsgemeinschaft: „Es gibt eine gewisse Vollkaskomentalität“

Die Versorgung durch die Haus- und Fachärzte sei mittlerweile so schlecht, dass eher der Feuerwehr-Rettungsdienst gerufen werde. Es gebe Bürger, „die denken, wenn ich mit der Feuerwehr ins Krankenhaus komme, werde ich schneller behandelt“. Die schwierige Lage im Rettungsdienst beruhe vor allem auf einem gesundheitspolitischen Problem.

Auch die Arbeitsgemeinschaft der Feuerwehren im Rettungsdienst schlägt Alarm. Sie sieht das Problem bundesweit. Unter anderem spiele eine gewisse „Vollkaskomentalität“ in der Bevölkerung eine Rolle, und auch der Kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 sei häufig schwer erreichbar. „In solchen Fällen wird dann oft die Notrufnummer 112 gewählt – auch, wenn es sich nur um eine Bagatelle handelt“, so Sprecher Jörg Wackerhahn.

Hinzugekommen ist ein weiteres Problem: die heißen Sommer der letzten Jahre. So hatte die Feuerwehr im vergangenen Sommer rund 1600 Einsätze am Tag, von denen ein größerer Teil aus Kreislaufproblemen herrührte. Im Jahr 2020 musste die Feuerwehr innerhalb von drei Stunden 280 hitzebedingte Notfälle versorgen.

Zu Spitzenzeiten hat die Berliner Feuerwehr rund 140 Rettungswagen

Für die vielen Notrufe hat die Feuerwehr zu wenige Rettungswagen im Einsatz. „Zu Hochzeiten, wenn alle voll besetzt sind, dann haben wir rund 140 RTW“, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. „Wenn die aber nicht alle im Dienst sind, haben wir schnell einen Ressourcenmangel.“

Laut Kirstein befindet sich Berlin im bundesweiten Wettbewerb beim Anwerben von Notfallsanitätern. Denn der Kampf mit den Mangelressourcen bestehe bundesweit in Ballungsgebieten. „Wir haben Interessenten, die durchaus nach Berlin wollen. Das Problem: Wo sollen sie wohnen? Die Mieten kann sich keiner leisten.“