Am Mittwochvormittag kommt es in der Kollwitzstraße zu einem heftigen Disput. Als ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Pflanzenkübel vor einem Café fotografiert, ruft ein Gast wütend: „Sie wollen wohl, dass hier alles Grün zu Beton wird!“ Umstehende reden vehement auf den Amtsmann ein.

Dafür gibt es einen Grund: Gastronomen in Prenzlauer Berg sind auf das Pankower Ordnungsamt nicht gut zu sprechen. Denn die Behörde verlangt, dass Bäume und Sträucher vor Cafés rund um den Kollwitzplatz und am Wasserturm verschwinden. In einer „gigantischen Höhe“ stünden sie dort, schreibt eine Mitarbeiterin an die Inhaber.

Gartenatmosphäre für den Gast

Ein Meter hohes Straßengrün? Irritiert schaut Sybille Hirsch in ihre gültige Genehmigung, in der das Ordnungsamt Pankow erlaubt hat, Tische, Stühle und Blumenkübel vor das Café Anna Blume in der Kollwitzstraße zu stellen. Von einer Ein-Meter-Begrenzung steht da nichts.

Vor elf Jahren haben Sybille Hirsch und ihre zwei Geschäftspartner das bekannte Café mit Blumenladen eröffnet und junge Bäume in Kübeln davor gestellt. Haselnuss, Felsenbirne, Pfaffenhütchen und Flieder sind jetzt über zwei Meter hoch. Niemanden hat das bisher gestört, auch nicht das Ordnungsamt. „Wir wollen dem Gast eine Gartenatmosphäre vermitteln“, sagt Mit-Inhaberin Britta Biebach. „Wir hegen und pflegen die Kübel.“ Sybille Hirsch sagt: „Es sieht einfach schön aus! Die Bäume halten Wind und Staub ab, sie mindern auch den Lärm.“ Es sei unmöglich, die Bäume so zu kürzen, dass Kübel und Baum nur einen Meter hoch sind. „Dann müssten hier alle Pflanzen weg.“

Der zuständige Stadtrat Torsten Kühne (CDU) begründet das Vorgehen seines Amtes mit der „Vermeidung von Sichtbehinderungen“. Die Verkehrssicherheit von Fußgängern, Kindern und Rollstuhlfahrern müsse sichergestellt werden.

Weil es Beschwerden wegen eines Schankvorgartens in der Knaackstraße gegeben habe, hätte das Amt auch andere Cafés im Kiez überprüft. Nun müssen 13 Gastronomen rund um Kollwitzplatz und Wasserturm ihre Pflanzen auf Bonsaigröße stutzen. Tun sie es nicht, droht ihnen ein Bußgeld von 50 Euro. „Später sind deutlich höhere Bußgelder möglich“, sagt Kühne.

Das Vorgehen des Ordnungsamtes erinnert an einen ähnlichen Fall im Jahre 2004. Damals hatte das Tiefbauamt Hausbesitzer aufgefordert, Efeu, Knöterich und Wilden Wein von Hausfassaden zu entfernen, weil bei Sturm das Fassadengrün auf die Straße stürzen könne. Nach Protesten von Umweltverbänden und Bezirkspolitikern verzichtete das Amt auf seine Forderung, der Stadtrat entschuldigte sich.

Auch im aktuellen Fall kritisieren Naturschützer die Pankower Praxis. „Das Land Berlin versucht gerade in den Innenstadtbezirken, Grünflächen und Pflanzungen zu erhalten, um die Stadt lebenswerter und klimatisch ausgeglichener zu gestalten“, sagt Andreas Faensen-Thiebes, vom Berliner Landesvorstand des BUND. „Die Sichtbarrieren durch parkende Autos sind beim Überqueren, von Straßen viel gefährlicher. Was passiert mit denen?“

Die Geschäftsführerin der Grünen Liga, Karen Thormeyer, sagt: „Eine Beschränkung der Höhe von Kübelpflanzen auf einen Meter erscheint eher kleinlich und geht am doch sehr gewünschten bürgerlichen Engagement in Zeiten knapper Kassen gänzlich vorbei.“