Abgeschnitten von der Außenwelt seien sie aufgewachsen, sagen die Männer.
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BerlinLange Jahre mussten sie in den 90ern bei einem pädophilen Pflegevater abgeschnitten von der Außenwelt leben, wurden Opfer von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt – so schildern die Männer, die sich Marco und Sven nennen, in einem Spendenaufruf auf Facebook ihre Kindheit und Jugend.

Senatsbildungsverwaltung bestätigt den Fall

Marco und Sven sammeln Spenden, weil sie das Land verklagen und beweisen wollen, dass die Senatsbildungsverwaltung von dem Missbrauch durch ihren Pflegevater wusste und dennoch nichts unternahm – mehr sogar: den Missbrauch unter Umständen unterstützte. Es sei wichtig, schreiben sie, dass Aufarbeitung geleistet und das Versagen des Senats gerichtlich festgestellt werde. Missbrauch und Verwahrlosung hätten tiefe Spuren hinterlassen.

Die Senatsbildungsverwaltung kennt die Männer und bestätigt den Fall. Ob das Land den Beiden bei der Aufarbeitung entgegenkommt oder den Prozess verhindert, ist allerdings noch offen. Denn das Land hat als Beklagter die Möglichkeit, eine sogenannte Einrede wegen Verjährung einzulegen – und Prozess wie Aufklärung damit zu verhindern.

Das „Kentler-Experiment“

Der Fall der beiden Männer steht in direktem Zusammenhang mit dem „Kentler-Experiment“, ein beispielloser, aus heutiger Sicht unfassbarer Skandal in der Jugendhilfe: Berliner Jugendämter vermittelten über Jahrzehnte Straßenkinder im Alter von 13 bis 15 in die Obhut pädophiler Männer, initiiert von dem renommierten Pädagogen Helmut Kentler – und abgesegnet von der Bildungsverwaltung. Das hat Kentler, der 2008 verstorben ist, zu Lebzeiten mehrfach bestätigt. Kentler argumentierte, die Straßenkinder würden von der Zuwendung der Pädophilen profitieren.

Der Pflegevater von Marco und Sven nahm die Kinder zwar erst ab 1990 bei sich auf. Er war allerdings ein enger Vertrauter Kentlers, wie die Senatsbildungsverwaltung bestätigt. Den Betroffenen zufolge stellte Kentler ein positives Gutachten aus, um den Pädophilen zu decken und als Pflegevater im System zu halten. Dabei, so schreiben Marco und Sven, sei gegen ihren Pflegevater bereits wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt worden. Ihre Sorge: Dass das Land Berlin die Einrede nutzen könnte, um den Prozess abzuwürgen. Passiert das mit dem Argument der Verjährung, haben die Betroffenen keine Chance auf Durchsetzung mehr.

Scheeres hat Aufklärung zugesichert

Für Marianne Burkert-Eulitz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, darf das nicht sein: „Ich frage mich: Warum müssen diese Männer überhaupt klagen?“, sagt sie. Dass die Verwaltung von dem kranken, von Kentler etablierten System wusste, sei erwiesen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat das Kentler-Experiment bereits gegeißelt und Aufklärung zugesichert. Aus der Senatsbildungsverwaltung heißt es, sie habe lange engen Kontakt mit den Betroffenen gehabt, sie beraten und alle möglichen Formen der Entschädigung ausgeschöpft. Es stehe den Männern offen, zu klagen. Für die Prozessführung ist formal die Senatsfinanzverwaltung zuständig. Die beiden Verwaltungen prüften nun, „ob das Land aus übergeordneten Gründen auf die Einrede der Verjährung verzichten kann“.