Berlin - Auf ihm ruhen an diesem verregneten kalten Mittwochnachmittag alle Hoffnungen. Kaum hat Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn die Turnhalle in der Wackenbergstraße betreten, kommen die Bewohner zu ihm, sie bilden einen Kreis um den Mann von der Linkspartei. Dankbar sind sie über seinen Besuch, Dolmetscher werden herangewinkt. Endlich kommt mal ein Politiker zu ihnen, endlich schaut sich so einer mal an, wie diese 92 Flüchtlinge seit Oktober 2015 in dieser runtergekommenen Polizeisporthalle leben müssen.

„Wir können nicht länger hierbleiben“, sagt eine Frau Benn bei der Gelegenheit. Sie hat sieben Kinder. In dem mit Stoffbahnen abgeteilten Verschlag stehen fünf Doppelstockbetten, es gibt keine Schränke, keine Regale, alle Dinge liegen auf dem Boden und auf den Betten. „Wir vertrauen keinem mehr“, sagt Tofigh, ein junger Mann, geflüchtet aus dem Iran.

Am Tag zuvor hat Bürgermeister Benn von Tofigh und anderen Bewohnern der Notunterkunft einen langen Brief bekommen. Darin haben sie die katastrophalen Zustände beschrieben, unter denen sie seit mehr als einem Jahr in dieser Halle mitten im Gewerbegebiet leben müssen. Waschmaschinen und Trockner sind oft wochenlang kaputt, Toiletten und Duschen funktionieren nicht. Bewohner leiden an Ausschlägen und Krankheiten. Die Halle wird mit Lüftern beheizt. Die sind laut, auch nachts. Werden sie ausgestellt, wird es kalt. Es fehlt jegliche Privatsphäre, jeglicher Ansatz selbstbestimmten Lebens.

„Die Turnhalle als Provisorium hat sich zu einem für die Menschen unhaltbaren Dauerzustand entwickelt“, haben Flüchtlingsinitiativen diese Woche an den Senat geschrieben. „Es kann nicht sein, dass in Deutschland Menschen unter diesen unwürdigen Bedingungen leben müssen.“ In Berlin leben immer noch 20.000 Flüchtlinge in Notunterkünften, etwa 3000 in Turnhallen wie die in der Wackenbergstraße.

„Die Menschen brechen hier reihenweise zusammen“

„Die Menschen brechen hier reihenweise zusammen“, sagt Birgit Geist, die dort die ehrenamtliche Arbeit koordiniert. Viele Bewohner seien mittlerweile hoffnungslos und depressiv. „Seit dem Sommer wird ihnen versprochen, dass sie zum Jahresende umziehen können.“ Doch daraus wird mangels kurzfristigen Ersatzes sobald wohl nichts.

„Schon aus Hygienegründen sind die Bedingungen für die Bewohner aber längst nicht mehr akzeptabel“, sagt Geist. Im Brief der Bewohner steht: „Wir leben im Dreck. Und wir wissen überhaupt nicht, wann wir jemals die Turnhalle verlassen können.“

Auch aus anderen Notunterkünften berichten Helfer von absurden Zuständen. In der von Flüchtlingen bewohnten Grundschule am Hasengrund in Pankow brennt seit einem Jahr Tag und Nacht das Licht. Es ist eine per Solaranlage gesteuerte Notbeleuchtung, die sich offenbar nicht regulieren lässt. „In der Halle ist es nachts so hell, dass die Menschen Schlafstörungen haben“, sagt Helferin Sarah Neumeyer.

Das monatelange Leben in den Turnhallen wirkt sich mittlerweile massiv auf die Psyche der Menschen aus. Viele reagieren zunehmend aggressiv. Von Depressionen, Traumata und Alkoholmissbrauch berichtet der Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, Sascha Langenbach. „Auch mit dem Thema Drogen werden wir uns beschäftigen müssen.“

Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Andreas Heinz, sieht die Gefahr „körperlicher Auseinandersetzungen“ bei den Bewohnern. „Bei Perspektivlosigkeit steigt die Anfälligkeit.“ Die Geflüchteten könnten sich von der Gesellschaft abwenden, sich als Ausgeschlossene fühlen.

Das spürt auch Bürgermeister Benn bei seinem Besuch. Eine Frau mit Kopftuch sitzt traurig und apathisch an der Heizung. Sie hat vier Kinder und sei bisher, so berichten Helfer, stabil und stark gewesen. „Jetzt kann sie diese Situation nicht mehr ertragen.“ Benn sagt: „Ich gucke, was ich machen kann. Haltet durch und werdet nicht verrückt.“ Ein großes Zelt zum Kochen will er jetzt besorgen. Wenigstens das.