Im Mauerpark verkaufen fliegende Händler Getränke.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

BerlinSonntags im Mauerpark sind die Kehlen der Flaneuere oft trocken. Dann freuen sie sich, wenn auf dem weitläufigen Areal ein fliegender Händler mit Getränken auf dem Fahrrad oder Handwagen ihre Wege kreuzt und kaufen Brause oder Bier. Erlaubt ist das offiziell nicht. Doch das Ordnungsamt ist wegen Personalmangels selten vor Ort und daher außer Stande, die Händler von ihrem lukrativen Tun abzuhalten. 

Die eingesetzten Parkläufer dürfen nur mahnen, nicht ahnden. Nun überlegen sie in Pankow, wie man das Problem lösen kann. Lizenzen an die Bier-Walker ausgeben und Verbotenes einfach erlauben, lautet ein Vorschlag, der ausgerechnet von einer Ordnungsamtsmitarbeiterin kommt. Damit hätten die Berliner Parks einen weiteren Schritt getan, in Corona-Zeiten Ersatz für Clubgänger zu werden.

„Amtlich zugelassene Bierverkäufer in einer Grünanlage nach dem Prinzip der mobilen Würstchenverkäufer – das wäre nicht nur in Berlin, sondern wohl auch deutschlandweit ein Novum“, schreibt der Tagesspiegel in seinem Bericht über den Vorschlag bei einem Runden Tisch zum Mauerpark vor zwei Wochen. „Wir haben ein Problem mit illegalem Handel, und wir suchen nach lebenspraktischen Lösungen“, so Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke).

Doch so praktikabel ist die Idee in den Augen des Vereins Freunde des Mauerparks nicht: „Eine Vergabe von Ausschankgenehmigungen würde das Problem des illegalen Handels nicht lösen, sondern deutlich verschärfen“, so dessen Vorsitzender Alexander Puell. Für ein friedvolles und respektvolles Miteinander im Park brauche es nicht noch mehr Alkohol im Park – im Gegenteil.

Außerdem gäbe es bereits genug Gelegenheiten, sich mit Getränken zu versorgen. „Diese legalen Angebote bieten auch WC-Nutzung und sorgen dafür, dass die Kaufbeschränkungen von Alkohol an Jugendliche eingehalten werden“, so Puell weiter. Satt einer Erlaubnis für Bier-Walker, deren Lizenzen sowieso keiner kontrollieren könnte, wünscht sich Puell echte Kontrollen. „Das Ordnungsamt versucht hier, Feuer mit Feuer zu löschen. Zielführend wären vielmehr regelmäßige Kontrollen."

Illegale Partys in der Neuköllner Hasenheide

In der Neuköllner Hasenheide kümmert man sich um das Ordnungsamt hingegen recht wenig. Hier wird gefeiert ohne Erlaubnis: „Wir haben Corona, Leute! Abstand oder Masken!“, schallt es vom DJ-Pult. Und tatsächlich rühren sich die Tanzenden und lassen etwas mehr Platz. Die Musik läuft weiter. Es ist die Nacht zu Samstag in der Hasenheide. Unter einem Baum auf einer Wiese haben sich Dutzende Menschen versammelt, um die Veröffentlichung eines Musikalbums zu feiern. Für die Musik sorgt DJ Himself. Die Gruppe hat alles mitgebracht, was es braucht: Eine Musikanlage plus Generator, bunte Lichter und eine Diskokugel.

Als die Corona-Pandemie im März Deutschland erreichte, waren die Clubs die ersten, die ihre Türen schlossen. Sogar in Berlin, das sich vor Corona damit rühmte, nie zu schlafen, herrscht seitdem Ruhe. Wann es wieder losgeht, ist nach wie vor ungewiss.

Und die Lage ist ernst. Die Clubbetreiber machen sich große Sorgen um ihre Zukunft und fürchten, ihre Läden gar nicht wieder aufzumachen. Mit Crowdfunding-Kampagnen und dem Konzert-Livestream „United We Stream“ sammelten sie Geld. Die, die können, verkaufen Bier oder Sekt im eigenen Garten. Sogar am Berghain, wo sonst Menschen aus aller Welt das Wochenende durchtanzen, kann nun gesellig Bier getrunken werden. 

In Berlin sind Partys im Freien normalerweise nichts Besonderes – doch seit Corona ist, ist nichts mehr normal. Die Clubs sind zu, die jungen Leute treffen sich in den lauen Sommernächten zum Feiern im Park. Besonders beliebt sind laut Polizei die Hasenheide, der oben genannte Mauerpark, der Park am Gleisdreieck oder der Treptower Park. Immer wieder wird dort auch getanzt. In der Hasenheide nahe der Szeneviertel von Kreuzberg und Neukölln gibt es viele versteckte Wiesen, die sich für mehr oder weniger geheime Raves eignen.

An diesem Abend sind auch wieder viele Leute gekommen. Sie treffen sich auf einer weiteren Wiese – nicht weit entfernt von dem Baum, unter dem später getanzt wird – und warten darauf, was heute noch passiert.

Unter ihnen ist Tobias aus St. Gallen, der für fünf Tage in Berlin zu Besuch ist. Der BWL-Student zeigte sich erschrocken, dass in Berlin noch alles zu sei. In der Schweiz sei alles wieder normal. Er sei auch schon wieder feiern gewesen. Ein schlechtes Gewissen habe er schon gehabt. Trotzdem: „Ich bin halt noch jung und so und hab auch das Gefühl, irgendwann muss ich auch wieder mal raus und Leute treffen“, sagt er. Nicht ganz so locker sieht es Marie aus Neukölln. „Wenn wir mit drei Metern Abstand tanzen, fände ich es okay“, sagt sie. Wenn es zu dicht wäre, würde sie passen.

Ist das Feiern unterm Himmel also eine Lösung?

Die Partys bringen jedenfalls Probleme mit sich: Müll, Lärm und auch Gewalt. Im Juni wurden im Gleisdreieck-Park Polizisten bei Krawallen von Feiernden angegriffen. Der Berliner Senat schilderte die Lage sehr eindrücklich: „Insbesondere in den Abendstunden kommt es zu massiven Vandalismusschäden, Lärmbelästigungen sowie anderen Ereignissen.“

Die Berliner Clubs und Partyveranstalter hätten eine Idee, wie diese Probleme in den Griff zu bekommen wären. Die Club Commission sprach sich dafür aus, legale Alternativen zu ermöglichen, etwa in Parks oder in den Außenbereichen von Clubs. Schließlich sei das Feiern im Freien auf Abstand laut Infektionsschutzgesetz nicht verboten, sagte Sprecher Lutz Leichsenring. Eine Erläuterung dazu veröffentlichte der Verband auf seiner Internetseite. Vom kontrollierten Feiern hätten am Ende alle was – nicht nur die, die diesen Sommer tanzen wollen.

Kontrolliert, fast schon nüchtern wirkt auch die Party unter dem Baum. Die Musik ist nicht zu laut, die Tanzenden genießen die Musik. Vergessen sie dabei, auf die Abstände zu achten, kommt sofort die Ansage vom DJ-Pult: „Haltet mal bitte Abstand!“ DJ Himself, der eine weiße Zottelweste und Sonnenbrille trägt, sagt: „Wir sind keine Verfechter von illegalen Keller-Raves oder sonstigen Super-Spreader-Events.“ Das wollten sie tunlichst vermeiden. „Wir würden uns ja ins eigene Fleisch schneiden.“ Partys zu legalisieren, fände er ein Zeichen: „Passt auf: Ihr könnt eure Musik draußen haben, aber achtet darauf, dass wir alle gesund bleiben.“ (mit dpa)