Vom Architekturbüro im Gartenhaus an der Schönhauser Allee führt ein Verbindungsweg direkt in den Hof der Kulturbrauerei. Stefan Weiß muss sich anstrengen, die Türen zu öffnen – so geschmeidig wie vor 25 Jahren lassen sich die Schlösser nicht mehr bewegen, und so oft benutzt Weiß diesen Weg auch nicht mehr.

Im Sommer 1990 war das anders, da schloss der Architekt und Designer Stefan Weiß diese Türen ständig auf und zu. Tagsüber arbeitete der damals 38-Jährige im Büro, und abends saß er bei den Treffen des Vereins Kulturbrauerei, dem er vorstand. Es war die Nachwendezeit, die Ära der verrückten Ideen. Stefan Weiß diskutierte mit Künstlern über Nutzungsmodelle, Finanz- und Umbaupläne. Die Kulturaktiven wollten aus der verfallenen Brauerei in Prenzlauer Berg, etwa 40 000 Quadratmeter groß, ein selbstverwaltetes Stadtteil- und Kulturzentrum zu machen.

Bereits 1987 hatte Weiß diese Idee gehabt. Zur 750-Jahr-Feier Berlins stellte er einen Antrag beim Magistrat von Berlin. Fernab „staatstragender Kulturprojekte und Paläste“ sollte ein selbstverwalteter Kulturort entstehen. Prompt kam die Absage. Im Sommer 1990 gab der Architekt seiner Idee eine zweite Chance. Mit etwa 50 bildenden Künstlern aus Prenzlauer Berg – dazu gehörten die Sängerinnen Angelika Weiz und Tamara Danz sowie Hein Köster, Herausgeber der DDR-Designzeitschrift Form und Zweck – gründete Stefan Weiß auf Empfehlung erfahrener West-Berliner Kollegen einen Verein und plante die freundliche Übernahme der Brauerei.

„Großer Dilettantismus verband sich mit hohem Einsatz. Wir waren überzeugt, dass wir was Großartiges machen“, sagt Weiß heute. Der Plan damals war, die maroden Gebäude, die als Möbellager genutzt wurden, neu herzurichten und das gesamte Areal für Ateliers und Probenräume, für Kunstausstellungen, Lesungen, Theater, Konzerte und kulturpolitische Debatten zu nutzen.

"Eine extreme Ausnahmesituation"

Im Sommer 1990 besetzten Weiß und weitere ostdeutsche Künstler die Brauerei. „Wir sind einfach da rein“, sagt Weiß. Die Besetzer besorgten Tische und Stühle, legten Anschlüsse für Telefone und begannen mit der Treuhand, der das Gelände gehörte, über das Konzept zu debattieren. „Es war eine extreme Ausnahmesituation“, sagt Weiß. Verantwortliche der Treuhand hätten das Konzept der Künstler aber „wohlwollend“ geprüft.

Am Ende bekam der Verein Kulturbrauerei etwa 10.000 Quadratmeter Fläche für sein Konzept, das war ein Drittel der gesamten Fläche, für nicht-kommerzielle Kunst. Der Rest soll kommerziell genutzt werden. Die Programmplanung des Vereins begann, erste Künstler traten auf. 1993 entdeckte eine Fernsehproduktionsfirma das alte Kesselhaus, dort moderierte Ulrich Meyer für Sat.1 die Talksendung „Einspruch“.

Der Sender sanierte das Kesselhaus für 800.000 D-Mark und nutzte es zwei Jahre lang. Die Kulturbrauerei hatte ihren ersten Veranstaltungsort. „Das war eine Sensation!“, sagt Weiß. Doch dem Triumph des Anfangs folgten Niederlagen und Fehlbesetzungen. Die Kulturaktivisten scheiterten an bürokratischem Unverständnis und Widerstand und mussten Insolvenz anmelden.

Zwei Jahrzehnte später steht Stefan Weiß auf dem Hof der Kulturbrauerei, er blickt auf Kino, Soda-Club, Rewe und Möbelmärkte. „Die Kulturbrauerei ist heute nur noch ein Name. Die Nutzung entspricht dem Zeitgeist und den gesellschaftlichen Verhältnissen“, sagt Weiß. Vereine wie Sonnenuhr hingegen müssten um jeden Cent kämpfen.

Zum Verein gehört das renommierte Theater Ramba Zamba, in dem Schauspieler mit und ohne Handicap spielen. Mitgründerin Gisela Höhne gehörte 1990 mit zu den ersten Initiatoren auf dem Gelände. Acht Stellen und die Miete finanziert das Land Berlin. „Wir kämpfen jedes Jahr ums Geld“, sagt sie. Am Montag war sie im Kulturausschuss, um dabei zu sein, wenn die Abgeordneten Höhnes Antrag auf eine höhere Förderung behandeln.

Stefan Weiß geht, als wolle er den Praxistest für seine Zeitgeist-Kritik liefern, zu den Bronze-Figuren Adam und Eva, die vor dem Maschinenhaus stehen. Der Bildhauer Rolf Biebl hat sie geschaffen. Weiß erzählt, Besucher würden ihre Räder an den Skulpturen anschließen. Unmöglich finde er das. Und weiß doch, dass er mit Kultur etwas komplett anderes meint, als jene, die 25 Jahre nach der Gründung von der Kulturbrauerei als dem „Motor der Berliner Kulturwirtschaft“ reden.