Berlin - Kürzlich waren die Parkplätze vor dem Haus Immanuelkirchstraße 35 abgesperrt. Lastwagen einer Filmfirma standen dort, sie drehten eine neue Folge der ZDF-Krimireihe „Ein starkes Team“. Der Schauspieler Florian Martens ging über die Straße zu dem Haus, es sah aus wie besetzt. Über den Eingang hatte das Drehteam eine Rolle Stacheldraht gewickelt, aus den Fenstern hingen Transparente mit handgemalten Parolen. „Wir bleiben!“ stand auf einem, „Widerstand“ und „Wir lassen uns nicht wegsanieren!“ auf anderen. Mehr Requisiten brauchte das Drehteam nicht. Die Kulisse war echt, wie zu Besetzerzeiten.

Das Haus in der Immanuelkirchstraße ist eines der letzten unsanierten Gebäude in Prenzlauer Berg. Der Putz ist abgefallen, die Fassade verwittert, viele Wohnungen stehen leer. Oft bleiben Touristen stehen und fotografieren, so ein Gebäude ist ein seltenes Motiv geworden in Berlin. Im Winsviertel zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee findet man solche Häuser nicht mehr. Die meisten sind längst saniert, sie haben helle Fassaden, glänzende Klingelschilder und grüne Innenhöfe. Das Viertel steht unter Milieuschutz. Mieter sollen vor Verdrängung geschützt werden, die soziale Struktur soll erhalten bleiben, so lautet das politische Ziel.

Der Künstler heizt mit Kohlen

„Wir bleiben!“ steht am Hauseingang. Kein Überbleibsel von den Krimi-Dreharbeiten, sondern die trotzige Forderung der Bewohner. Jemand hat den Spruch an die ramponierte Tür geschrieben. Neun Mieter müssen ihre Wohnungen verlassen. Der Hauseigentümer hat ihnen gekündigt, weil es die Wohnungen, in denen sie leben, bald nicht mehr geben wird. Das Haus wird komplett saniert. Bis Oktober müssen die Mieter raus. Wohnungen werden zusammengelegt, Grundrisse verändert, der Bestandsschutz gilt nicht mehr. All das hat das Bauamt Pankow genehmigt.

Und die Aufregung ist plötzlich groß in Berlin. Mieter verlieren ihre Wohnungen – mitten im Milieuschutzgebiet? Wie konnte das passieren? Wer ist verantwortlich?

Die letzten Bewohner

Das Haus ist eine Baustelle. Ein Bagger steht im Hof, Schuttberge liegen herum. Bauarbeiter lärmen, sie montieren Gerüste, Bauplanen verdecken Fassaden. Wer jetzt noch hier wohnt, braucht starke Nerven.

Christian Sauer gehört zu den letzten Bewohnern des Hauses, die meisten Mieter sind längst ausgezogen. Sauer, 40 Jahre alt, ist ein freundlicher, redegewandter Mann, er hat Malerei an der Universität der Künste studiert. Sauer wohnt im zweiten Hinterhaus. 45 Quadratmeter groß ist seine Wohnung und einfach ausgestattet. Der Flur ist schmal, die Küche klein, im Winter heizt der Künstler mit Kohlen. Die Schlafecke im Zimmer ist mit einem Tuch verhängt, es gibt Bücherregale, Grafikschränke, einen Schreibtisch und ein Sofa. Sauer hat kein Bad, die Toilette befindet sich eine halbe Treppe tiefer – wie früher.

Viele kleine, einfache Wohnungen

Vor 14 Jahren ist Christian Sauer eingezogen. Er sagt, er sei damals der einzige Bewerber gewesen, der zur Besichtigung kam. 89 Euro Kaltmiete zahlte er damals, heute ist es etwas mehr. „Die Wohnung ist okay“, sagt er. Etwa die Hälfte der 50 Wohnungen im Haus hat nur ein Zimmer, etliche haben kein Bad und keine Innentoilette. Sauer fehlt der Komfort nicht. „Als ich einzog, war ich Student. Das Wichtigste war damals, dass ich in Prenzlauer Berg leben kann.“ Sauer fühlte sich wohl.

Seine Nachbarn waren Künstler, Studenten und Alteingesessene, man kannte und grüßte sich, das reichte. „Es gab kein großes Miteinander“, sagt Sauer, der aus Brandenburg stammt. Erst in den vergangenen Jahren lernten sich die Bewohner besser kennen. „Jetzt sind wir eine Schicksalsgemeinschaft“, sagt er und muss jetzt lauter reden. Ein Presslufthammer dröhnt, man spürt das Vibrieren, wenn man auf dem Sofa sitzt.