Der neue Teil des Mauerparks mit dem Schriftzug „Mauerpark“.
Foto: dpa/Christophe Gateau

BerlinDie Gegensätze könnten deutlicher kaum sein. Auf der einen Seite ist die Wiese eher braun als grün und von ausgetrampelten Pfaden durchzogen, Abfall liegt herum, überall Schmierereien – rauer Berliner Charme im Mauerpark auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Hinter einer Asphaltfläche und einem Bauzaun erstreckt sich eine heilere Welt: Der Rasen grün, die Sitzgelegenheiten aus hellem Granit, hinter Hochbeeten zeigt sich kurz ein Fuchs. Das Areal, das vorher Gewerbegebiet war, wird nun Teil des Mauerparks.

Die Fläche verdoppelt sich mit der Erweiterung auf fast 15 Hektar. Von Freitagnachmittag an (17 Uhr) sollen Besucher das neue, (noch) gepflegte Areal an der Grenze der dicht besiedelten Stadtteile Prenzlauer Berg und Wedding in Beschlag nehmen können. Kostenpunkt: mehr als 14 Millionen Euro. Sogar Toiletten sind vorhanden.

Wer mit einer Ausweitung der Partyzone rechnet, irrt – zumindest wenn es nach dem Willen der Macher geht. Das Gelände solle Platz für „ruhigere Nutzungen“ bieten, sagt Projektleiterin Eva Stokman vom Betreiber Grün Berlin. Sie spricht von Angeboten für Familien und Jugendliche, Kinderspiel und Picknick, gemeinsamem Gärtnern und Sport. Sogenannte Parkläufer sollen ein Auge darauf haben, dass die Menschen ihren Müll entsorgen und nur in dafür vorgesehenen Bereichen grillen. Nachts patrouilliert ein Sicherheitsdienst.

Im neuen Teil des Mauerparks stehen auf eine Wiese Schaukeln.
Foto: dpa/Christophe Gateau

Historisch Interessierte können zwischen rund 500 alten und neu gepflanzten Bäumen auf Relikte früherer Zeiten wie alte Gleisstücke stoßen, die erhalten wurden. Zwei Reihen Pflastersteine markieren, wo einst die Mauer die Stadt in Ost und West teilte. Der bisherige Park entstand dort nach der Wende. Mit der Erweiterung wurden nun mehr als 25 Jahre alte Pläne des Landschaftsarchitekten Gustav Lange vollendet. Ziel ist auch das Zusammenwachsen der umliegenden Kieze. Ein Platz mit großem Granittisch ist als Treffpunkt angelegt.

Soweit die Vision, mit der man Bedürfnissen von Anwohnern gerecht werden will. Aber ob sie der Berliner Realität standhält? Die Frage stellt sich, denn seit vielen Jahren schon ist der Park für Berliner kaum mehr mit dem Begriff Naherholung verbunden, sondern eher mit Partylärm, Dreck und Menschenmassen. Auch in Polizeimeldungen spielt der Park immer wieder mal eine Rolle.

Vor allem die sonntägliche Festivalstimmung ist für Anwohner zur Belastung geworden: Der Flohmarkt und die Karaoke-Show, aber auch viele Straßenmusiker ziehen Tausende junge Leute und Touristen an. Besucher schlendern herum zwischen Ständen mit Trödel aus DDR-Zeiten oder mit Klamotten von Privatleuten – danach setzt man sich gern mit einem Getränk in den Park. Es ist auch ein Ort zum Sehen und Gesehenwerden. Selbst das Stadtmarketing Visit Berlin bittet auf seiner Webseite Besucher um Rücksichtnahme: Am Wochenende sei es voll, man könne „natürlich nicht“ richtig laut sein. „Denn die Berliner wollen sich am Wochenende auch mal erholen.“

In der Corona-Zeit mit dem Wegbleiben der Touristen, habe sich der Mauerpark verändert – aber nicht zum Besseren, erzählen zwei Anwohner. Nach anfänglicher Ruhe habe die Klientel gewechselt, die Stimmung empfinden sie teils als aggressiv. Das sei auch mit den sogenannten Hygienedemos dort gekommen, bei denen Teilnehmer gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung protestierten. Die Anwohnerin spricht von „Nazis“. Karaoke habe es schon länger nicht mehr gegeben, dafür andere Musik. Und es seien mehr Dealer als früher da.

Vom Amphitheater im Mauerpark ist der neue Teil des Parks zu sehen. 
Foto: dpa/Christophe Gateau

Aus touristischer Sicht sei die Erweiterung eine „absolute Bereicherung“, meint der Sprecher von Visit Berlin, Christian Tänzler. Die Geschichte der Teilung in Kombination mit dem aktuellen Lebensgefühl mache die Faszination des Ortes aus – es sei eben kein Museum, sondern bunt und lebendig. Aus Befragungen wisse man auch, dass der Anteil der Berliner unter den Besuchern überwiege. Ein ausgewogenes Verhältnis bei den Interessen der Nutzergruppen zu erreichen, sei allerdings ein Spagat.

2016 hatten erste Arbeiten in dem früheren Gewerbegebiet begonnen. Damit daraus ein Park werden konnte, musste der Boden aufwendig bearbeitet werden: Wie es von Grün Berlin hieß, kamen etwa vergrabene Fahrzeuge, Schutt und Asbest ans Licht. Alte Pflastersteine wurden für den neuen Park wiederverwendet. Beim Umgang mit historischen Elementen hat der landeseigene Betreiber Erfahrung: Er bewirtschaftet unter anderem das Tempelhofer Feld auf dem ehemaligen innerstädtischen Flughafen. Der alte Mauerpark bleibt hingegen in der Verantwortung des Bezirks Pankow.

Bei Arbeiten am Eingang zum Park waren 2018 auch Überreste der ehemaligen Grenzanlagen zwischen Ost- und West-Berlin gefunden worden, darunter eine Fahrzeugsperre, die die Flucht aus der DDR verhindern sollte, und der Eingang zu einem Fluchttunnel. Das gilt als Sensation. Eine Ausstellung dazu vor Ort soll voraussichtlich ab Ende des Jahres zu sehen sein. Wird es also ruhiger? Mal abwarten.