Raketeningenieure vom Verein für Raumschiffahrt (VfR) bereiten Anfang des Jahres 1930 auf dem Raketenflugplatz Tegel einen Test vor.
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Berlin-TegelOb Elon Musk weiß, dass er mit seiner Gigafactory für Elektroautos nicht bloß einfach in die verkehrsgünstig gelegene Nachbarschaft Berlins zieht, sondern gleich zwei Orten nahekommt, an denen frühe Pioniere der Raketentechnik wirkten? Selbst in Berlin kennen nur wenige diese Orte, wo von Raumfahrtträumen erfüllte Tüftler ihre Aggregate zusammenbauten und abschossen.

Über den ersten ist der Flughafen Tegel gewachsen: Kaum 300 Meter entfernt vom berühmten Sechseck richtete 1930 der private Verein für Raumschiffahrt (VfR) den ersten organisierten Raketenstartplatz der Welt ein. Der zweite existiert zwar noch, ist aber nur schwer zugänglich: der Raketenflugplatz Kummersdorf bei Berlin, wo auf dem Riesengelände der früheren Heeresversuchsanstalt die Tegeler Experimente in weit größerem Maßstab und nun klar unter militärischen Ägide fortgesetzt wurden.

Es wird offiziell nicht viel Rummel um diese Keimzellen der Raumfahrt gemacht, weil die Berliner Forschung im nationalsozialistischen Rüstungsprogramm aufging und schließlich die V2-Raketen hervorbrachte, die London und Antwerpen zerstörten. Auch die beteiligten Ingenieure, vor allem deren späterer Star Wernher von Braun, stehen im Ruch, sich mehr oder weniger stark in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt zu haben. Wie so oft liegen die Fälle kompliziert.

Doch am Anfang standen „die Narren von Tegel“, die voller Begeisterung von einer noch ganz utopischen Weltraumfahrt, von Flügen zum Mond und Mars träumten. Sah man nicht auch in den jahrelangen, irrsinnig teuren, privat finanzierten Experimenten des US-Unternehmers und Abenteurers Elon Musk die Taten eines Narren? Am 30. Mai 2020 startete eine Falcon-9-Rakete seines Raumfahrtunternehmens SpaceX zur Internationalen Raumstation ISS – eine Flüssigtreibstoffrakete, wie das erste von Tegel aus am 14. Mai 1931 abgeschossene Projektil. Das erreichte immerhin eine Höhe von 60 Metern. Drei der Berliner „Narren“ waren Hermann Oberth, Mitbegründer der wissenschaftlichen Raketentechnik und Autor des 1923 erschienenen Bestsellers „Die Rakete zu den Planetenräumen“, Rudolf Nebel, Raketenkonstrukteur sowie treibende Kraft bei der Gründung des Raketenflugplatzes Tegel, und schließlich ein als Assistent involvierter Student namens Wernher von Braun. Die drei waren mit dem ersten Flug ihrer Rakete zufrieden, auch wenn er kurz und instabil war.

Auftritt „Frau im Mond“

Oberth knüpfte als Vorsitzender des 1927 in Breslau gegründeten Vereins für Raumschiffahrt Netze mit Gleichgesinnten im In- und Ausland und beriet den Regisseur Fritz Lang bei der Produktion seines großen Science-Fiction-Stummfilms „Frau im Mond“, der wiederum andere Techniker inspirierte. Nebel entwickelte eine Kegeldüse mit Flüssigkeitstriebwerk.

Nach außen hin arbeitete die Gruppe privat, doch das Heereswaffenamt zeigte sich hochinteressiert an der Raketentechnik, und das aus einem speziellen Grund: Der Versailler Vertrag von 1919 hatte Deutschlands Rüstung beschränkt, es durften nur genau festgelegte Waffen von ganz bestimmten Firmen hergestellt werden. Den Wiederaufbau von Luftstreitkräften verbot der Vertrag. Von Raketen konnte nicht die Rede sein – es gab keine.

Der Raketenstartplatz befand sich auf dem Gelände des heutigen Flugplatzes Tegel.
Grafik: BLZ/Hecher

So war es nicht zuletzt der verdeckten Unterstützung des Heeres zu verdanken, dass Rudolf Nebel, im Ersten Weltkrieg Kampfpilot und mit besten Kontakten zum Militär, sein Mitstreiter und Raketenkonstrukteur Klaus Riedel und ein paar andere Enthusiasten am 27. September 1930 auf dem ehemaligen Munitionsdepot und Schießplatz in Tegel einen Raketenflugplatz eröffnen konnten. Dafür zahlten sie eine symbolische Miete von fünf Reichsmark pro Jahr.

Das Gelände begann etwa 300 Meter östlich vom berühmten Sechseck des 1974 eröffneten Hauptterminals des Flughafens Tegel und erstreckte sich bis zum Tegeler Weg. Keine Spur existiert mehr von der ersten arbeitsfähigen Raumfahrtorganisation der Welt mit Entwicklungsabteilung, technischer Infrastruktur und engagierter Öffentlichkeitsarbeit. Nebel, Riedel und von Braun veranstalteten Vorführungen von Raketentechnik mit einigem Spektakel und warben Geld ein. Klaus Riedel bat seine „Großmuttel“ im Oktober 1930 brieflich um ein „Wurst- und Apfelpaket, sowie warme Strümpfe und Unterhosen“. Noch lebte man knapp, betrieb aber, wie Riedel schrieb, „ein großartiges Unternehmen“.

Der Historiker Tilmann Siebeneichner von der Humboldt-Universität berichtet, dass die Raketenbastler der Öffentlichkeit immer wieder den künftigen praktischen Nutzen vor Augen führten: Man stelle sich vor, Post per Rakete über den Atlantik zu befördern! Zugleich malte man sich fantastische Ziele und Flüge zu anderen Planeten aus. Das vermochte die Mehrheit der unter der Weltwirtschaftskrise leidenden Leute nicht recht zu entflammen.

Ungefährlich waren die Tegeler Experimente nicht. Berichtet wird von Explosionen bei den Test mit Raketen namens Mirak und Repulsor. Aber schließlich stiegen die Geschosse bis in 4000 Meter Höhe. Es wurde zu gefährlich, auch angesichts der neugierigen und faszinierten Zaungäste. Einlass zahlende Besucher gehörten zu den wichtigsten Einnahmequellen. Häufig wichen die Techniker mit ihren Test zu Seen in der Berliner Umgebung aus. Wernher von Braun veranstaltete seine ersten Versuche – noch als Lehrling – auf der Insel Lindwerder im Tegeler See. Ein Foto zeigt Startvorbereitungen für den Repulsor am Schwielowsee.

Mehr als 270 Brenn- und 90 Startversuche unternahmen die Techniker, um ihre selbst gebastelten Fluggeräte zu testen. Sie waren eben nicht bloß von der Öffentlichkeit gleichermaßen bestaunte wie bespöttelte Astrofuturisten, sondern überführten Wissen in die Praxis und zwar in deutlich größerer Dimension als zum Beispiel der US-amerikanische Forscher Robert Goddard, dessen Flüssigkeitsrakete im Oktober 1930 immerhin 610 Meter stieg und eine Geschwindigkeit von 800 Kilometern pro Stunde erreichte.

Die Episode des privaten Raketenbaus in Berlin endete, als das Heereswaffenamt mehr wollte und 1932 einen Teil der Tegeler Raketenpioniere abwarb, vor allem den inzwischen mit Ingenieurstitel versehenen Wernher von Braun. Auf dem nun für die Experimente vorgesehenen Riesengelände der Heeresversuchsanstalt bei Kummersdorf im südlichen Brandenburg fanden sie geradezu fantastische Arbeitsbedingungen plus Projektbudget von fünf Millionen Reichsmark und beträchtliche Gehälter. Die Hinwendung der Mitglieder des Vereins für Raumschiffahrt (VfR) zum Militär sei „weniger ideologisch als vor allem pragmatisch zu erklären“, urteilt Tilman Siebeneichner.

Zunächst führten die Zurückgebliebenen um Rudolf Nebel noch weitere Tests in Tegel durch, der alte Kämpfer verweigerte nun die Kooperation mit den Militärs. Hinzu kamen vereinsinterne Rivalitäten, Eifersüchteleien und kommerzielle Interessen Einzelner. So endeten die Tegeler Träume von Mond und Mars.

Um an die „Narren von Tegel“ zu erinnern, wurde 1974 in der Haupthalle des Flughafens drei Reliefporträts aus Bronze angebracht: Sie zeigten Hermann Oberth, Rudolf Nebel und Wernher von Braun. Anfang April 2018 wurden sie auf Veranlassung der Flughafengesellschaft abgehängt. Deren Sprecher Daniel Tolksdorf erläutert auf Anfrage: „Anstoß dazu gaben uns irritierte Fluggäste, die sich bei der Fluggastinformation darüber beschwert hatten.“ Besonders sei es um Wernher von Braun gegangen, der nicht nur ein führender Kopf bei der Weiterentwicklung der Luft- und Raumfahrttechnik gewesen sei, sondern auch Mitglied der NSDAP und der SS. Tolksdorf: „Bei der Entwicklung der Rakete V2 wurden mehr als zehntausend Zwangsarbeiter unter teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen eingesetzt. Das können und wollen wir als Unternehmen nicht ignorieren!“ Als internationaler weltoffener Verkehrsflughafen sei man kein Regionalmuseum für Luftfahrtgeschichte. Die Reliefs seien sachgerecht eingelagert und könnten der Öffentlichkeit in einem Museum in den notwendigen historischen Kontext gesetzt, zugänglich gemacht werden.

Nach dem amerikanischen Raketenkonstrukteur Goddard wurde auf dem Mond ein Krater benannt. Zu solcher Ehre können es die deutschen Kollegen nicht bringen. Die Gründe werden sichtbar, wenn man auf die Geschichte nach 1933 blickt, speziell nach Kummersdorf vor den Toren Berlins. Dort begannen die Arbeiten an der Technik, die Grundlagen für die Raumfahrt der Zukunft schuf, aber zunächst in Peenemünde zur Entwicklung der Mordwaffe V2 führte. Der Museumsverein in Kummersdorf würde die Reliefs, angemessen kontextualisiert, ausstellen. Doch bislang lehnt die Flughafengesellschaft ab. Der Verein sucht auch Kontakt zu Elon Musk, dem Raketenpionier der Gegenwart - siehe Tweet. Was er in Kummersdorf zu sehen bekäme, lesen nächste Woche.

Demnächst hier: Eine Reportage vom Raketenversuchsgelände Kummersdorf.