Berlin-Roman: Eine Wurstbude als Schlag in die Veganer-Magengrube

Es gibt Menschen, deren Biografie reicht für drei. Würde man sie verfilmen, müsste man Dinge weglassen, weil einem diesen Plot sonst niemand abnehmen würde. Oder eine Serie mit drei bis fünf Staffeln daraus machen. Weil dafür hier der Platz fehlt, Fritz Hendrick Melles Leben im Schnelldurchlauf:

1960 in Karl-Marx-Stadt geboren, wird er nach dem Abitur verhaftet, als er versucht, die DDR über Jugoslawien zu verlassen. Drei Monate Isolationshaft, danach sieben Monate Zuchthaus, zur Bewährung arbeitet er in einer Klebebandfabrik, später als Heizer, dann als Totengräber, bis ein Gemeindepfarrer Mitleid hat und ihn zum Theologiestudium nach Naumburg schickt. Nach vier Semestern fällt er durchs Hebraicum, danach stellt er einen Ausreiseantrag, der wird bewilligt, und Fritz Hendrick Melle, jetzt 25 Jahre alt, geht nach West-Berlin. Etappenhalt in Zehlendorf. Ende Staffel eins.

"Wurst" ist eine Abrechnung

„Ich war erst mal total enttäuscht“, sagt Melle, „es roch ein bisschen anders, aber ansonsten war es wie in der DDR, alles war so luschig, so selbstgefällig.“ Es ist ein Freitag im April, als Treffpunkt hat Melle eines dieser Cafés in Mitte ausgesucht, die versteckt in Hinterhöfen liegen, als wollten sie nicht gefunden werden – und die trotzdem schon morgens um zehn voll sind. Melle mag die Gegend, sie war lange sein zweites Zuhause, einen Hof weiter lagen die Büros seiner Werbeagentur – das war in Staffel zwei seines Lebens, um das es an diesem Morgen auch immer irgendwie geht, selbst wenn Melle eigentlich über seinen neuen Roman sprechen will. Aber weil Melle einer ist, der sein Leben schon immer schreibend verarbeitet hat, ist der Roman voller autobiografischer Reminiszenzen.

Das beginnt damit, dass der Protagonist, dieser Frederic Baecker, ungefähr so alt wie Melle ist, um die fünfzig. „Das ist das Alter, wo man merkt, dass junge Leute kommen, die einen vom Fahrersitz stoßen“, sagt Melle. Baecker also, einst ein Star der Werbeszene, verliert seinen Job, weil er kein Englisch kann, diese neue Welt spricht aber nun mal Englisch. Die Frau ist auch weg und damit auch das Haus.

Der aktuelle Ernährungswahnsinn

Das alles passiert auf den ersten paar Seiten. Und Melle weiß, wie es sich anfühlt am Boden. Seine Onlineagentur Melle.Pufe verkaufte er zwar Ende der Neunziger rechtzeitig vor dem Platzen der Internetblase für viel Geld: „Es gab einen Punkt, da habe ich Satellitentransponderplätze in Südamerika gekauft, und da wusste ich, das wird uns um die Ohren fliegen.“ Er nahm das Geld und sah zu, dass er wegkam, investierte es dann aber am Neuen Markt – und es war so schnell weg, wie es dagewesen war.

Der Unterschied zum Roman: Melle war damals jung und alles ein Abenteuer – reich sein, pleite sein, ein einziger Adrenalinritt. „Depression ist nicht mein Ding“, sagt Melle, „Ärmel hoch und Spitzhacke, ein Loch buddeln, du kommst schon irgendwo raus.“ Seine Frau ist auch noch da.

Frederic Baecker aber kommt da nicht so einfach raus. Von Macht und Sinn, die er in seinem alten Leben besaß, bleibt nur Wut zurück. Dieses Motiv war es, das Melle zu seinem Roman inspirierte. „Früher war Zorn vor allem jung“, sagt er, „heute ist da so ein unterschwelliger Zorn in der Gesellschaft aus einer Ecke, wo man ihn nicht vermutet hätte.“ Der Zorn des mittelalten Mannes. Was passiert, wenn man den loslässt?

Mitten in die Fresse

Davon handelt „Wurst“. Frederic Baecker trifft einen Metzger, der schlecht gelaunt an seiner Bude auf dem Kollwitzplatz steht, niemand will seine Wurst, außer ein paar Abgehängten mit Plastiktüten und Plauze. Der Metzger bittet Baecker, ihn zu beraten, eine Vision für die Wurst zu finden. „Wurst“, denkt Baecker erst, „ist sowas von gestern. Wurst ist SPD-Stadtteilfeste, Bierbäuche, Hartz IV und Holzkohlegrill auf dem Balkon.“ Wurst, sagt der Metzger, „ist Rettung für das Land, ist Seelennahrung, ist Heimat zum Essen, ist Zuhause.“ Baecker beißt an. Der eine weiß, wie man Wurst macht, der andere, wie man Erfolg macht. Die beiden werden Partner.

Am Anfang ist „Wurst“ ein Buch über den Ernährungswahnsinn unserer Zeit. Frederic Baecker erschafft den Gegentrend zum vergangen Biedermeier: „brutal regional“. Der Wurststand bekommt einen schwarz-weiß-roten Anstrich und den Schriftzug „Alternative Kommando Wurst“; es ist „ein Imbisswagen, der auf einem Markt voller veganer Imbisse, Tofu- und Falafelbuden aussieht wie eins mitten in die Fresse“, eine absolut berechnete Provokation.

Melle sagt, er habe eine Figur wie Lutz Bachmann, den Pegida-Anführer, vor Augen gehabt – ähnliches Alter, auch so einer, der viel probiert hat im Leben. „Ich habe mich gefragt: Ist der wirklich politisch oder will der einfach nur wahrgenommen werden? Wie viel von dem, was er tut, ist sein schreiendes Ego, das bereit ist, Gewalt in die Gesellschaft zu tragen, aus einem inneren Frust heraus?“

Frederic Baecker ist ein Machtzyniker, einer, dem es völlig egal ist, dass der rechte Rand ihm die Wurstbude einrennt. Es ist ein hemmungsloses Spiel mit einer Gesellschaft, die keine Produkte mehr kaufen will, sondern eine Haltung. Und weil heutzutage alle auf der Suche sind, funktioniert das.

Wurst ist eine Haltung

Melle kann so etwas schreiben, er kann eine fiktionale Kampagne für ein Produkt von gestern entwickeln, und das ist schon allein deshalb fesselnd, weil sie dem Leser Einblick in die Mechanismen von Marketing gibt. Er kann das, weil er das selbst so oft gemacht hat. Von ihm ist „Berlin, du bist so wunderbar“, die Bierwerbung, die so viel besser zu dieser Stadt passt als die offizielle verkopfte beBerlin-Kampagne; er verpasste Spreequell die „Volle Pulle Leben“ und war – nachdem er die Reste seiner Agentur erst in einem Planinsolvenzverfahren gesund gestutzt hatte, um sie dann als Kreativabteilung an eine größere anzudocken – der Kopf hinter der Vermarktung von Bruno Banani, dem meist verkauften Herrenduft Deutschlands.

Nebenbei schrieb er. Sein erster Roman „Richtiges Leben“ verschaffte ihm 1995 eine Einladung zum Bachmann-Wettlesen. Es lief nicht gut. Danach, sagt er, sei klar gewesen: Der Literaturbetrieb mochte ihn nicht, und er mochte den Literaturbetrieb nicht. Er schrieb trotzdem weiter, für sich, tausende Seiten, sagt er, es half ihm, mit seinem intensiven Leben umzugehen. Einen Teil kann man auf seinem Blog lesen, zum Beispiel wie er in Peru vor zwei Jahren die bewusstseinserweiternde Droge Ahayuasca entdeckte. Seitdem hat er ein neues Lebensmotto: „Dich so weit wie möglich aus dem Fenster lehnen und es aushalten, wenn die Vögel dir auf den Kopf kacken!“ Als seine Frau Uta an Brustkrebs erkrankt, wird daraus ein Buch („Die Amazone vom Kollwitzplatz“). Auf dem Umschlag von „Wurst“ posiert Melle nackt mit einer Kettensäge.

Warum geht er so offen mit seinem Leben um, so schonungslos?

„Alles andere hat keinen Wert“, sagt er. „Wenn das eigene Dasein einen Sinn haben soll, muss man es mit offener Brust leben.“

Irgendwo zwischen Porno und Splatter

Selbstverständlich also, dass „Wurst“ keine globalisierungskritische Abrechnung mit veganen Hipstern bleibt und die Wurst nicht einfach nur Wurst. Frederic Baecker berauscht sich an seiner neuen Macht und am Sex mit einer irre jungen Frau, die den Wurstverkauf übernimmt; der Metzger kommt kaum noch aus seiner Wurstküche, dafür verschwinden junge, gut aussehende Menschen. Seitenlang findet der Leser sich plötzlich irgendwo zwischen Porno und Splatter. Das hat was von Bret Easton Ellis oder Tim Staffel, manchmal wird Melle auch mit Jörg Fauser verglichen – Melle selbst dachte an japanische Mangas und Tarantino. Und an die Konsequenz eines Charakters wie Frederic Baecker: „Wenn du dich einmal von der Moral verabschiedet hast, findest du keine Grenze mehr. Frederic Baecker ist der Prototyp des amoklaufenden Neoliberalisten, alles richtig gemacht also, er könnte so, wie er ist, in die FDP eintreten.“

Seine Agenten hatten ihm von diesem Roman abgeraten. Die Zielgruppe für Bücher seien heute Frauen zwischen vierzig und sechzig. Wobei ja gerade die, das weiß man spätestens seit „Fifty Shades of Grey“, eine Vorliebe für Sex und Brutalität haben. Melle aber war das egal, er kommt aus einer Zeit, wo man Zielgruppen noch nicht bis ins Letzte digital durchleuchten konnte und ihnen also etwas gab, von dem sie noch gar nicht wussten, dass sie es wollten. Wurst eben.

„Wurst“ von Fritz Hendrick Melle ist Anfang April bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen (229 S., 14,99 Euro).
Am Mittwoch, den 25. April, liest Hendrick Melle in Mein Haus am See, Brunnenstraße 197-198, in Mitte,   aus „Wurst“. Beginn ist um 20 Uhr.