Ein kreisrundes  Wasserbecken, der "Brunnen", ist zentraler Teil des von Dani Karavan geschaffenen Denkmals. Die Kreisform symbolisiere Gleichheit, das Wasser vergossene Träne.  
Foto: imago/Jürgen Ritter

BerlinEs gibt einfachere Projekte als die geplante zweite Nord-Süd-S-Bahn für Berlin. Ein Streit um die Trassenführung am Reichstagsgebäude droht das Projekt zurückzuwerfen. Die Tunnelbaustelle käme dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma nahe – was auf Kritik stößt. Auch ein Alternativvorschlag, der eine Baugrube am Reichstagsgebäude vorsieht, sorgt für Ärger. Doch jetzt könnte eine weitere Idee dazu führen, dass dem Bahnprojekt ein neuerlicher großer Rückschlag erspart bleibt. „Wir sind sehr an einer einvernehmlichen Lösung interessiert“, sagte Herbert Heuß vom Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma am Freitag.

Kaum ein Berliner kennt das Vorhaben, das lange unter dem Titel S21 firmierte. Kein Wunder, denn auch nach mehr als zwei Jahrzehnten steckt es noch in den Anfängen. Planer und Politiker sind sich aber einig, dass es sinnvoll ist, den 1939 fertiggestellten S-Bahn-Tunnel mit einer zweiten Nord-Süd-S-Bahn zu ergänzen.

Auf dem Nordteil zwischen Wedding und Hauptbahnhof sollen im Sommer 2021 erstmals  S-Bahnen fahren. Für den Südteil zur Yorckstraße, zu dem ein Umsteigebahnhof zur U-Bahn am Gleisdreieck gehören wird, laufen die Vorplanungen. Der Bau des mittleren Abschnitts zwischen Hauptbahnhof und Potsdamer Platz soll 2026 beginnen. Er muss aber in einer sehr sensiblen Umgebung projektiert werden. „Wir beneiden die Planer der Bahn nicht“, so Heuß.

Dabei sah es noch vor wenigen Monaten so aus, als wäre das größte Problem endlich vom Tisch. Am 29. Januar stimmte die Bau- und Raumkommission des Bundestags einer Streckenführung zu, auf die sich Bahn und Parlament nach Jahren geeinigt hatten. Bestätigt wurde das Konzept, eine der beiden Tunnelröhren westlich und die andere östlich vom Reichstagsgebäude zu bohren. Anders als bisherige Pläne sieht die neue Variante 12 vor, dass die Röhren dem Bauwerk nicht näher als rund 13 Meter kommen.

„In verschiedenen Sitzungen habe ich darauf hingewiesen, dass das Bauprojekt sowohl das Gartendenkmal Tiergarten als auch das Denkmal für die NS-Opfer der Sinti und Roma betrifft“, sagte der Vorsitzende der Bau- und Raumkommission, Wolfgang Kubicki (FDP), am Freitag. „Bereits in der Sitzung der Kommission am 24. April 2018 versicherte die Bahn, dass sämtliche Betroffenheiten berücksichtigt seien. Seitdem gingen wir davon aus, dass das Land Berlin und die Bahn mit allen Betroffenen gesprochen haben, auch mit dem Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma.“

Die endgültige Streckenführung wurde der zuständigen Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in diesem März offiziell vorgestellt. Danach begann Unmut zu wachsen. So monierte der Zentralrat, dass die Baustelle das Denkmal „massiv“ beeinträchtigen würde. Die Bahn verwies auf die Untervariante 12f, bei der die Baustelle vom Wasserbecken, das als zentraler Teil des von dem Künstler Dani Karavan geschaffenen Denkmals gilt, einige Meter abgerückt würde. Die Entfernung beliefe sich dann noch auf etwa 1,90 Meter. Doch das Ensemble würde weiter beeinträchtigt, hieß es.

S-Bahn-Verkehr fast zwei Jahre unterbrochen

Inzwischen hat die Deutsche Bahn einen früheren Vorschlag überarbeitet. Danach entstehen beide Tunnelröhren östlich vom Reichstagsgebäude – in einer Baugrube unter dem Friedrich-Ebert-Platz, die zwei bis drei Jahre, möglicherweise länger offen bliebe. Die Variante 13, die Mittwoch eintraf, hat „bei manchen Kolleginnen und Kollegen Reaktionen zwischen Verwunderung und Verzweiflung hervorgerufen“, sagte Kubicki. 

Der Verbindungstunnel vom Reichstag zum Jakob-Kaiser-Haus und das unterirdische Erschließungssystem würden mitten durch die Baustelle verlaufen, Abstützungen wären erforderlich. Die Baugrube würde sich im Norden bis ins Flussbett der Spree und im Süden weit über die Dorotheenstraße hinweg erstrecken. Sowohl diese Straße als auch die Scheidemannstraße müssten lange gesperrt werden. Die Baugrube käme dem Reichstagsgebäude sehr nahe. Um einen Anschlag wie auf das kanadische Parlament zu verhindern, wären zudem umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen erforderlich, hieß es weiter. Jeder Lkw müsste kontrolliert werden. „Es ist klar, dass diese Lösung für den Deutschen Bundestag auf keinen Fall in Betracht kommt", so Wolfgang Kubicki.

Stattdessen gibt es im Bundestag Sympathien dafür, den Tunnel weiter vom Reichstagsgebäude und vom Denkmal abzurücken. Doch im Senat und bei der Bahn sieht man die westliche Umfahrung, intern als Variante 8 bekannt, mit großer Skepsis. Weil die neue City-S-Bahn dann erst später auf den bestehenden Nord-Süd-Tunnel treffen würde, wären weitere Arbeiten erforderlich, hieß es bei einem Treffen, das von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) moderiert wurde. „Unter der Ebertstraße müssten wir insgesamt vier Gleise neu bauen“, bestätigte Alexander Kaczmarek, der Konzernbevollmächtigte der Bahn, am Freitag. Der S-Bahn-Verkehr im jetzigen Nord-Süd-Tunnel müsste nicht 22 Monate, sondern vier Jahre unterbrochen werden.

„Das wäre der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln, außerdem gäbe es erhebliche Mehrkosten“ – das sieht auch Herbert Heuß so. So rückt nun die Variante 12 wieder ins Blickfeld. „Daran werden wir weiter arbeiten“, sagte Alexander Kaczmarek.

Im Zentralrat hält man einen Kompromiss für möglich. Danach bleiben das Wasserbecken und weitere Teile des Denkmals erhalten. Für die Bauzeit würde in der Nähe ein temporärer Gedenkort eingerichtet, wo kein Baulärm die Besucher stört. „Ich würde sowohl der Bahn als auch dem Berliner Senat raten, etwas sensibler mit den Belangen ausdrücklich aller Betroffenen umzugehen, wenn dieses für Berlin so wichtige S-Bahn-Projekt verwirklicht werden soll“, mahnte Wolfgang Kubicki.

„Wir sind sicher, dass wir eine Einigung finden werden“, sagte Alexander Kaczmarek. Er ist weiterhin optimistisch, dass im Tunnel am Reichstagsgebäude 2030 erstmals Züge fahren können.