Berlin - „Narben sind der Schmuck der Mannes.“ Wenn es danach geht, ist Berlin der schwer mit Bling-Bling behängte Rapper unter den Metropolen.

Sicher, die Berliner Mauer ist das populärste Merkmal der Teilung zwischen Ost und West. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung zieht sich der ehemalige Grenzverlauf noch immer durch die Stadt wie ein Warnsignal an nachfolgende Generationen.

Ebenso die Zerstörungen durch den Zweiten Krieg: an vielen markanten Stellen sind sie sichtbar. Baulücken und die zerbombte Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Auch der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses erscheint wie architektonisches Wundenlecken. Man muss sich nicht groß anstrengen, um all das wahrzunehmen.

Dem mexikanischen Künstler Jozef Ibarr genügt das nicht. Er spürt ganz spezielle Narben auf. Sie stechen weniger deutlich im Stadtbild hervor, sind aber überall in Berlin verteilt. Zu diesen Narben sucht Ibarr ein menschliches Äquivalent. Beide stellt er dann in seiner Fotoserie „Berlin Scars“ gegenüber.

Sie scheinen von Narben fasziniert zu sein. Gibt es dafür einen besonderen Grund oder eine spezielle Geschichte?

Ganz ehrlich, ich bin erst seit Kurzem von Narben fasziniert. Das war nicht immer so. Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, war das schon auch freiwillig, aber auch andere Gründe spielten damals eine Rolle. Meine erste Zeit hier war toll. Und wie bei vielen anderen ausländischen Besuchern, waren meine Vorurteile und Meinungen über die Stadt sehr von der Mauer geprägt.

Deswegen habe ich zuerst versucht, die Mauer als Kernelement in meinen ersten Projekten zu verwenden und in meiner Arbeit etwas um die Mauer herumzubauen. Ich wusste damals nicht so sehr viel über die Mauer, aber ich ahnte, dass ich daraus etwas Originäres machen könnte - obwohl die Mauer als Ideenbasis schon ziemlich klischeehaft ist.

Also betrachtete ich die Mauer wie eine Narbe, die sich durch die Stadt zieht. So entstand das Grundthema der Narbe. Natürlich auch, weil ich mich überall in Berlin umgesehen und die Stadt erkundet habe. Dabei war leicht zu erkennen, dass es viele dieser Narben gibt, ganz klar aus der Zeit des Krieges. Das hat mich fasziniert.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Verbindung zwischen menschlichen und gegenständlichen Narben zu schaffen?

Ich liebe die Arbeit mit Menschen. Ich nehme lieber Porträts auf als beispielsweise Landschaften oder Ähnliches abzubilden. Ich wusste schnell, dass ich Menschen in mein Projekt einbeziehen würde. Das Konzept einer „Stadtnarbe“ ist recht abstrakt, aber eine menschliche Narbe ist etwas Universelles. Als mir klar war, dass ich etwas mit Narben machen wollen würde, war es ziemlich einfach für mich beides miteinander zu verbinden.

Ihre Bilder stellen Objektnarben und menschliche Narben nebeneinander. Die verblüffend ähnliche Anmutung der Narben in den Bildpaaren kreieren eine Verbindung, die über das Sichtbare hinausgeht. Die Objektnarben werden auf eine gewisse Weise mit Leben und Persönlichkeit erfüllt. Wie finden Sie die Modelle und die Orte in Berlin, um diese visuelle Spiegelungen und Vergleiche herzustellen?

Die Motive der Stadtnarben habe ich durch Streifzüge von Wedding bis Neukölln, von Charlottenburg bis Lichtenberg gefunden. Solche Entdeckungstouren liebe ich besonders.

Auch die menschlichen Modelle treffe ich eigentlich überall: Freunde, Freunde von Freunden, Leute auf der Straße, auch Fremde, auf Partys, Events und so weiter. Einmal hab ich einfach einen Polizisten in seiner Zigarettenpause angesprochen. Er erzählt mir dann, dass er bei einem nächtlichen Einsatz im Tiergarten einen Stich in die linke Bauchseite abbekommen hatte.

Ich mag es, die Leute danach zu fragen, ob sie Narben haben und ich liebe ihre erste Reaktion darauf, ihren Gesichtsausdruck. Meistens fragen Sie erst nach, ob ich nicht eher „scarves“ (zu deutsch: Schals) meine! Das verwirrt sie komplett, weil die meistens bisher noch nie jemand danach gefragt hat.

Nach dem ersten „Schock“ läuft es meistens so ab: Die Leute, die tatsächlich Narben haben, bekommen leuchtende Augen. Sie werden ganz enthusiastisch und sie erzählen mir alles darüber, wirklich alles.

Die Leute werden zu großartigen Erzählern, wenn sie sich an den Ursprung ihrer Narben erinnern. Auch das hat mich fasziniert. Das war der Punkt an dem ich wirklich verstanden habe, dass Narben Geschichten sind, großartige Geschichten.

In Ihren Bildern verzichten Sie auf Hochglanzeffekte, die Aufnahmen bleiben ungefiltert und wirken dadurch auch recht unmittelbar, fast schon konfrontativ. Darstellungsweise und Motive folgen auch nicht den landläufigen Vorstellungen von Ästhetik, die meisten Menschen betrachten Narben als Makel, viele versuchen sie zu verbergen. Was denken Sie über das Spannungsverhältnis zwischen dem klassischen Verständnis von Schönheit und der sehr speziellen Schönheit, die durch Narben entstehen kann?

Ich denke, das erzählt viel über den Charakter des Einzelnen und damit auch den Charakter Berlins. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich davon gehört, dass Berlin von Narben bedeckt sei, dass diese Narben langsam verschwinden werden und durch neue, strahlende Bauten und Elemente ersetzt werden.

Das ist eine Schande, denn diese Narben machen Berlin aus. Berlin mit seinem Leid, seinen lebhaften Flecken. Das alles sollte nicht vergessen, entfernt oder verdeckt werden. Stattdessen sollte man dieses umarmen, obwohl es uns an etwas Schreckliches und Schmerzvolles erinnert. Wer von uns hat nicht traurige Erinnerungen. Und diese Erinnerungen sind es doch, die uns zu dem machen, wer wir tatsächlich sind.

Dasselbe gilt für die Menschen in meinen Bildern. Ich treffe viele Menschen, die nicht über ihre Narben sprechen wollen, sie umarmen sie nicht. Oder weil sie immer noch verletzt sind – was ich komplett verstehen kann. Auf der anderen Seite gibt es die Menschen, die fast schon philosophisch werden, wenn Sie über dieses Thema sprechen.

Ein junges Mädchen mit einer langen Narbe zwischen ihrer Brust, erzählte mir von einer Operation, die sie sehr früh hatte: „Ich habe meine Narbe immer gehasst und schämte mich für sie. Ich bin am Meer aufgewachsen und habe immer Badeanzüge getragen. Ich mochte nicht, wie ich aussah. Heute habe ich es angenommen, obwohl meine Mutter mir vorgeschlagen hatte eine Narbenkorrektur machen zu lassen. Ich würde es nicht mehr machen wollen. Die Narbe ist ein Teil von mir, vielleicht sogar umgekehrt.“ Ich glaube, dass der Charakter die Schönheit ausmacht.

Narben nehmen uns also wie eine Madeleine von Marcel Proust durch Erinnerung und Erzählung auf eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, sind aber ein Leben lang auch eine Klammer zur Gegenwart. Ist das der Kern Ihrer Fotos? Die ganz persönliche Geschichte?

Nun, jede Narbe hat eine besondere Geschichte. Deswegen habe ich aus dieser Fotoserie ein weiteres Projekt entwickelt, die sich „Scars Stories“ nennt und sich weniger auf das Foto konzentriert, sondern mehr auf die Geschichte an sich.

Wenn man die Frage auf die Narben Berlins dreht, dann ist das eine ambivalente Sache. Sie haben Geschichten aus zwei Blickwinkeln: zum einen aus dem der Menschen, die hier leben. Zum anderen aus der Perspektive der Stadt selbst. Die Schönheit liegt hier in einem Mysterium begraben. Mir geht es darum, sich vorzustellen, was mit den Menschen wohl passiert sein könnte.

Gleiches gilt für Berlin selbst: Wenn ich durch die Stadt laufe und einer ihrer Narben sehe, kreisen meine Gedanken um die Vorstellung, was so viele Jahre zuvor an diesen Orten wohl geschehen war. Dann fasse ich diese Narben an und fühle mich, als würde ich die Geschichte der Stadt berühren. Und ich fühle mich noch lebendiger.

Mehr Bilder aus der Serie „Berlin Scars“ und weitere Informationen finden Sie unter www.jozefibarr.com

Wer selbst für die Fotoserie Model stehen will, kann sich dort beim Künstler selbst melden.