Berlin - Mit einem Foto fing alles an: Es ist nicht sehr groß, ein bisschen schief und auch nicht spektakulär. Eher ein typischer Schnappschuss für ein Familienalbum. Ein Mädchen und ein Junge sind darauf zu sehen, sie stehen auf einem Balkon. Im Hintergrund irgendein Verwaltungsgebäude, es könnte eine Schule sein. Die Sonne scheint. Aufgenommen wurde das Foto schätzungsweise 1935 oder 1936.

Peter Schulz hat dieses Foto in einer Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ mit Porträts jüdischer Familien im Rathaus Schöneberg gesehen. Und sofort gefühlt, dass ihm der Ort bekannt vorkommt. Er lief nach Hause, fotografierte seinen Balkon und ging zurück in die Ausstellung, um die Aufnahmen zu vergleichen. Kein Zweifel. Das Schwarz-Weiß-Foto von dem Mädchen Margot Vohs und ihrem Bruder Werner war auf dem Balkon seiner Wohnung entstanden. In der Apostel-Paulus-Straße 26 im Bayerischen Viertel in Schöneberg, 1. Stock, rechts.

Das Foto brachte den 46-jährigen Schulz auf eine Idee, die er mit den Nachbarn besprach. Wenige Wochen später beschloss die Eigentümergemeinschaft, die Geschichte des Hauses und der Familien zu erforschen, die dort lebten. Das war vor rund drei Jahren.

Monatelange Recherchen der Bewohner folgten. In Archiven, etwa beim Entschädigungsamt Berlin, bei der Polizei, bei der Jüdischen Gemeinde, auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee und in den Landesarchiven in Berlin und Potsdam. Sie habe seitenweise Akten abgeschrieben, sagt Bewohnerin Gabrielle Pfaff, die seit 1983 in dem Gründerzeitbau mit Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus und 33 Wohnungen lebt. Die Bewohner haben auch Kontakte in die ganze Welt geknüpft. Das Ergebnis der Nachforschungen: „Wir haben erfahren, dass hier während der Nazizeit 28 jüdische Frauen, Männer und Kinder gelebt haben“, sagt Pfaff. Das sei etwa ein Drittel der früheren Bewohner gewesen.

Scham, Beklommenheit, Trauer

Alle Namen sind inzwischen aufgelistet, mit Geburtsdaten und Angaben zu Deportation oder Flucht. Von den 28 Bewohnern haben nur sieben die Nazizeit überlebt. Viele Biografien enden in den Lagern von Auschwitz, Theresienstadt, Sachsenhausen, Dachau. Sie verspüre „Scham, Beklommenheit und Trauer“, sagt Pfaff, wenn sie sich die harten Tritte der Gestapo auf den Treppenstufen vorstelle oder Bilder, wie die Bewohner von den Nazis in die Autos getrieben wurden.

Margot Vohs, das Mädchen auf dem Foto, hat überlebt, ihr Bruder Werner nicht. Margot Vohs ist heute 87 Jahre alt und lebt in Lima in Peru. Sie hat einmal mit ihrer Mutter, den Großeltern und zwei Brüdern im ersten Stock gewohnt. Das Foto von ihr und ihrem Bruder Werner entstand bei einem Besuch der benachbarten Familie Rothholz. Familie Rothholz hat die Nazizeit nicht überlebt, sie wurde ermordet. Ihr Schicksal hat Peter Schulz recherchiert, weil die Familie in seiner Wohnung gelebt hat. Auch früher hätten sich die Bewohner an den Stuckdecken erfreut, seien über die Holzdielen gelaufen, über die er heute laufe, hätten dieselben alten Türgriffe angefasst, sagt Schulz.

„Sonst kennt man den Holocaust nur aus den Geschichtsbüchern.“ Aber auf einmal stelle man fest, dass es in diesem Haus eine dunkle Vergangenheit gebe, dass hier Familien gelebt haben, die gelacht und gefeiert haben, die befreundet waren, die einfach von den Nazis ausradiert wurden.