Die Zukunft des Verkehrs ist ihr Thema. In ihren Forschungen geht es den Wissenschaftlern am Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin-Schöneberg zum Beispiel um Elektromobilität, Sharing, neue Mobilitätsdienste und den Radverkehr. So ist es kein Wunder, dass die Ankündigung, den Betrieb der Forschungseinrichtung spätestens zum 30. April 2019 einzustellen, in der Szene für Aufsehen sorgte- und für Kritik.

Doch jetzt keimt Hoffnung, dass die in Deutschland einmalige Institution doch noch eine Zukunft hat. Denn der Nürnberger Mobilitätsdienstleister Choice möchte das InnoZ ganz oder in Teilen fortführen. Das hat ein Sprecher von Choice am Mittwoch auf Anfrage bestätigt.

Jürgen Lobach, Geschäftsführer des Unternehmens, kündigte an, dass er noch in den kommenden Tagen mit den Verantwortlichen der Deutschen Bahn (DB) sprechen wolle. Mit derzeit 77 Prozent der Anteile ist die Bahn Hauptgesellschafter des Innovationszentrums, das seit der Gründung 2006 auf dem Euref-Campus am alten Schöneberger Gasometer zu Hause ist.

Deutsche Bahn ist Hauptgesellschafter

Die anderen Gesellschafter sind das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), das derzeit 16,49 Prozent der Anteile am InnoZ hält, sowie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (6,51 Prozent). Der Choice-Geschäftsführer möchte die „Elektromobilität als Kern einer digital vernetzten Angebotswelt fortentwickeln“, hieß es.

Der Euref-Campus, auf dem sich viele Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu den Themen Verkehr, Energie und Umwelt niedergelassen haben, wäre ein „ideales Forschungs- und Experimentierfeld, auf dem gemeinsam mit Kunden an neuen Optionen gearbeitet werden kann“, sagte Jürgen Lobach. Dort würde die Mobilität der Zukunft sichtbar.

„Das InnoZ hat einen hervorragenden Ruf und verfügt über eine hohe Kompetenz in den Zukunftsfeldern der Mobilität“, erklärte Lobach. Das bestätigen auch andere Kenner der Szene. So nahm das InnoZ zum Beispiel die Erprobung der ersten mit autonomen Fahrzeugen betriebenen Linienverkehre unter ihre Fittiche. Zunächst rollte ein elektrischer Kleinbus namens „Olli“, den das US-Unternehmen Local Motors gebaut hatte, über das Gelände in Schöneberg.

Autonomes Fahren

Später folgte ein autonomer Shuttle des französischen Herstellers Easymile, der ebenfalls im Liniendienst Fahrgäste über den Campus bemühte. Doch obwohl Bahn-Manager 2017 zum InnoZ kamen, um dort die Entwicklung weiterer Angebote im Bereich des autonomen Fahrens und der digitalen Mobilität anzukündigen, will der Hauptgesellschafter seine Zahlungen an das InnoZ einstellen.

Dem Vernehmen erzielte das InnoZ, das mit rund 40 Beschäftigten zirka 50 Projekte bearbeitet, im vergangenen Jahr fast vier Millionen Euro Verlust - und die DB hat angekündigt, dass sie defizitäre Aktivitäten auf den Prüfstand stellen wird. Beobachter weisen aber auch darauf hin, dass sich das InnoZ stets als unabhängige, in der Tendenz kompromisslose Institution im Dienste der Verkehrswende begriffen hat - zu unabhängig für große Konzerne wie das Bundesunternehmen DB. Der Gründer und langjährige Geschäftsführer Andreas Knie, der das InnoZ 2017 verließ und Leiter der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik des WZB wurde, eckt gern an - bei vielen Akteuren.

So hält der Sozialwissenschaftler den Privatbesitz an Autos und anderen Fahrzeugen in Städten für überflüssig, Sharing-Modelle wären dort sinnvoller. Das brachte ihn oft in Konflikt auch zu Berliner Politikern, die radikale Einschnitte scheuen. Allerdings lehnt Knie das Auto als Technik, die vieles ermöglicht, nicht grundsätzlich ab, und er propagiert die Elektromobilität - was ihm Kritik von grüner Seite eintrug.

Digital Ventures, New Mobility und Smart City

„Die Innovationsaktivitäten der DB sind in den letzten Jahren immer stärker von den jeweiligen Geschäftsfeldern selbst übernommen worden oder werden inzwischen von eigens dafür geschaffenen Konzernbereichen für Digital Ventures, New Mobility und Smart City in neuen Organisations- und Arbeitsweisen koordiniert. Insbesondere die Erhöhung der Wirksamkeit in Markt und Gesellschaft durch einen hohen Umsetzungsbezug steht hierbei im Vordergrund“, erklärte eine InnoZ-Sprecherin.

„Vor diesem Hintergrund erscheint das vom InnoZ angestrebte und notwendige Umsatzwachstum mit dem Hauptgesellschafter Deutsche Bahn kurz- bis mittelfristig unrealistisch, da das InnoZ nach Ansicht der Gesellschafter nicht über die erforderliche Innovationskraft und die notwendigen Alleinstellungsmerkmale der Innovationsaktivitäten verfügt. Die bisherigen Aktivitäten zur Kompensation durch sonstige externe Umsätze mit anderen Auftraggebern sind zwar durchaus positiv zu bewerten, konnten jedoch nicht im notwendigen Umfang realisiert werden“, hieß es weiter.

Für die laufenden Projekte soll kurzfristig geklärt werden, ob und wie die Aktivitäten in geeigneter Form und eventuell mit anderen Kooperationspartnern fortgesetzt werden können.

Choice GmbH aus Nürnberg

Die Choice GmbH in Nürnberg, die bis 2018 CCUnirent System GmbH hieß, beschäftigt derzeit mehr als 200 Menschen. Seit der Gründung 2002 hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben von einer Fahrzeugeinkaufsgesellschaft über einen Prozessdienstleister zu einem Anbieter von Mobilitätslösungen entwickelt. Themen sind zum Beispiel Carsharing, Mobilitäts-Apps und der schlüssellose Zugang zu Fahrzeuge mit Hilfe des Mobiltelefons. Zu den Kunden von Choice gehören Fahrzeughersteller, Importeure, Autovermieter, Banken und andere Firmen, die am „dynamischen Megatrend Mobilität“ teilhaben.

Die Namensrechte hat das Unternehmen von der Aktiengesellschaft Choice erworben, die 1998 in Berlin gegründet worden ist. Damals waren das WZB, der Fahrzeughersteller Audi und der Charsharing-Anbieter Stattauto beteiligt.