Bäume, Gestrüpp, baufällige Schuppen, in denen lange Zeit Autohändler Geschäfte machten, rissiger Asphalt: Das ist die sogenannte Bautzener Brache, eine Fläche zwischen Bahngleisen und dem Kiez Bautzener Straße/Katzler-/ Hochkirch-/ und Großgörschenstraße im Schöneberger Norden. Seit Jahren gibt es Streit um diese zwei Hektar große Wildnis. Ein Investor aus dem Ruhrgebiet will das Gelände mit sieben Häusern mit 300 Wohnungen, einer Kita und einer Ladenzeile bebauen. Eine Anwohnerinitiative würde es am liebsten zum Park umgestaltet sehen.

Wie unversöhnlich die Positionen sind, wurde jetzt anhand einer Preisverleihung deutlich: Am Mittwoch wurde das Neubauvorhaben mit dem „Vorzertifikat in Platin“ ausgezeichnet. Dies ist eine der wichtigsten Auszeichnungen, die die Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zu vergeben hat.

Preisverleihung pure Werbung?

Die DGNB ist ein renommierter Verein, dem weltweit 1.200 Unternehmen und Organisationen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft angehören. Seit 2008 vergibt die DGNB Zertifikate, Tausend sind es mittlerweile, alleine 300 wurden vergeben, ehe überhaupt der Grundstein gelegt war: sogenannte Vorzertifikate.

Ziel der DGNB ist es laut Satzung, nachhaltiges Bauen stärker zu fördern. Dieses sei bei dem Vorhaben auf der Bautzener Brache „ökologisch wie ökonomisch, soziokulturell und funktional, genauso wie technisch und prozessual“ besonders gelungen, heißt es in einer Mitteilung des Vereins. „Ich kann allen an der Planung Beteiligten nur gratulieren. Das Projekt hat den höchsten Erfüllungsgrad erzielt, den wir je bei einer Vorzertifizierung vergeben haben“, wird DGNB-Präsident Alexander Rudolphi zitiert.

Edelgard Achilles von der Initiative Stadtplanung von unten will sich von dem Platin nicht blenden lassen. Sie hält die Preisverleihung für pure Werbung. Da auch das Stadtentwicklungsamt des Bezirks zur Verleihung einlud, gebe es sogar eine „unkritische, ja bedenkliche Nähe von Bezirk und Spekulant“, heißt es in einer Mitteilung. Edelgard Achilles bleibt dabei: „Wir sind grundsätzlich gegen Bebauung der Brache.“

Die Gegend sei verdichtet genug und sowieso von Lärm und schlechter Luft geplagt. Damit spricht Edelgard Achilles auch für die Anwohnerinitiative Flaschenhals Bautzener Brache. Der erste Teil des Namens verweist auf den Flaschenhalspark, einen Grünzug auf früherem Bahnland südlich der Yorckstraße. Die Eröffnung im Jahr 2011 dürfen die Anwohner sehr wohl auch als ihren Erfolg verbuchen.

Bezirk unglücklich über gestiegenes Verkehrsaufkommen

Seitdem profitieren die Bewohner der Großstadt von dem Grünzug zwischen Kolonnen- und Yorckstraße, der im Norden an den Park am Gleisdreieck anschließt. Ginge es nach Edelgard Achilles und ihren Mitstreitern sollte auf der Brache ein weiterer Park entstehen. Architekturstudenten der Uni Cottbus haben dazu einst Entwürfe für einen Gebrüder Grimm-Park vorgelegt.

Nach allem, was man weiß, wird es aber nicht nach Edelgard Achilles gehen, sondern nach dem Inhaber der Brache, Reinhold Semer. Das ist der Inhaber der Baumarktkette Hellweg, die sich seit 1971 von Dortmund aus über ganz Deutschland (und Teile Österreichs) ausbreitet und inzwischen 94 Filialen hat – eine davon befindet sich ausgerechnet auf der anderen, der Kreuzberger, Seite der Yorckstraße, gegenüber der Bautzener Brache also.

Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist man wenig glücklich über den Baumarkt auf Kreuzberger Seite. Durch ihn gibt es mehr Verkehr und Stau auf der ohnehin viel befahrenen Yorckstraße, die wiederum zu Tempelhof-Schöneberg gehört. Da man Semer das Bauen auf dem Brachgelände gegenüber aber nicht versagen konnte, war es Sibyll Klotz, der grünen Stadträtin für Stadtentwicklung, umso wichtiger, Druck auf ihn auszuüben.

Jetzt sieht die Kommunalpolitikerin die von manchen so harsch kritisierte Preisverleihung als Bestätigung. „Ich freue mich, dass auch dank der Anregungen und Forderungen des Stadtentwicklungsamtes und der Bezirksverordnetenversammlung ein Quartier entwickelt werden konnte, dass sowohl ökologische als auch soziale und ökonomische Standards berücksichtigt, um ein zukunftsfähiges Wohnquartier zu schaffen“, so Klotz. Entstehen sollen „überwiegend“ kleine, kompakte und altersgerechte Wohnungen.

Und auch den Park-Kämpfern hält Stadträtin Klotz etwas entgegen. Nicht nur gebe es Wege zu den Parks der Umgebung. Außerdem werde durch den Neubau eine Fläche, die „nicht nur zu drei Vierteln versiegelt, sondern auch stark verunreinigt ist“, neuen privaten und öffentlichen Nutzungen zugeführt.