Berliner Lehrer streiken am Mittwoch: Geld ist kein Problem, es gibt zu viele Kinder

Die Lehrergewerkschaft ruft zum Warnstreik. Mit einem Protestmarsch am Moritzplatz am Mittwoch will sie auf schlechte Arbeitsbedingungen aufmerksam machen.

Berliner Lehrkräfte wollen am Mittwoch gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen.
Berliner Lehrkräfte wollen am Mittwoch gegen schlechte Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen.imago

In den Lehrerzimmern Berlins rumort es gewaltig. Innerhalb kürzester Zeit protestieren die Lehrkräfte zum zweiten Mal. Erst am Sonnabend hatte ein Bündnis um den Quereinsteiger Victor Köpke gegen schlechtere Bezahlung protestiert. Nun kündigte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ihrerseits für Mittwoch einen Warnstreik an. Was die Gewerkschaft fordert: In Tarifverträgen festgeschriebene Klassengrößen zum Schutz der Gesundheit der Lehrkräfte und Kompensation, wenn diese überschritten werden. Eine Umfrage der GEW hatte ergeben, dass die Klassengröße „die wirksamste Stellschraube bei der Senkung der Arbeitsbelastung ist“. So die Gewerkschaft in einer Presseerklärung.

Institut für Wirtschaft: Probleme werden in kommenden Jahren noch größer

Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilte die Senatsverwaltung für Bildung mit, dass der rechnerische Schnitt der Klassengrößen an Berlins Grundschulen zuletzt bei 22,7 Schülerinnen und Schülern pro Klasse gelegen habe. Das sei weniger als der Richtwert der Grundschulverordnung von 23 bis 26. Die GEW aber fordert 19 Kinder pro Klasse in der Grundschule und nicht mehr als 24 an weiterführenden Schulen. Von diesen Zahlen sind große Teile Berlins weit entfernt. Gerade an Gymnasien sitzen häufig deutlich über 30 Schüler in den Klassenräumen.

Häufig haben Streiks das Ziel, die Gehälter anzuheben. Das Lehrkraft-Schüler-Verhältnis rasch zu verbessern, ist aufgrund der Ausbildungsdauer nicht ohne Weiteres möglich. Warum dann der Streik? Der Vorsitzende der GEW Berlin, Tom Erdmann, sagt dazu im Gespräch mit dieser Zeitung: „Nach dieser Logik müssten wir ja immer klein beigeben, wenn der Senat zu wenig Lehrkräfte ausbildet.“

Die GEW fordert also nicht ab morgen kleinere Klassen, sondern will langfristig den Druck erhöhen. Die Verhandlungen mit den Berliner Universitäten waren in den letzten Jahren ohne Erfolg geblieben. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft ist federführend. Eine Anfrage zum Stand der Verhandlungen beantwortete sie nicht.

Dass es einen großen Unterschied macht, ob man eine Klasse mit 19 oder weit über 20 Schülerinnen und Schülern unterrichtet, erklärt auch Victor Köpke, Grundschullehrer in Marzahn-Hellersdorf und Mitorganisator des Protests am vergangenen Sonnabend. Dort ging es jedoch um Geld. Aber wenn man mit Köpke spricht, wird klar, dass die beiden Protestaktionen zusammenhängen: „Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch. Ich verstehe gut, wenn viele Kolleginnen und Kollegen sagen, dass sie für weniger Geld als versprochen überfüllte Klassen unterrichten sollen und sich in der Folge lieber nach einem Job an einer Privatschule umsehen, wo die Klassen deutlich kleiner sind.“

Lehrer  verdienen nicht besonders schlecht: 13 Jahre lang wurden alle neu angestellten Lehrkräfte sofort in der Kategorie A13 eingruppiert und verdienten so 5800 Euro brutto. Nun läuft diese Praxis, von der man sich – mit gewissem Erfolg – mehr neue Lehrkräfte für die Hauptstadt versprach, zum Jahresende aus. Ohne die Zulage wären es dann nur noch 4200 Euro brutto.

Der Senat begründet das mit der Wiederaufnahme der Verbeamtung von Lehrkräften. Sie betrifft jedoch nur Neuanfänger unter 45, ist man älter, wird man eigentlich nicht mehr verbeamtet. Abzuwarten ist im Moment noch die Entscheidung des Senats, ob diese Grenze temporär auf 52 angehoben werden kann.

Köpke aber fände selbst das ungerecht. Denn die angehenden Lehrerinnen und Lehrer haben sich mit dem Versprechen des hohen Einstiegsgehalts auf eine bis zu 4,5 Jahre dauernde Ausbildung eingelassen, an deren Ende das Versprechen der Senatsverwaltung nun plötzlich nicht mehr gelten könnte. 200 bis 400 Demonstranten kamen am Sonnabend zu dem Protest vor dem Roten Rathaus. „Angelockt, dann abgezockt“ und „Zulage geht, wir auch“ stand auf ihren Plakaten.

Allein in Pankow fehlen über 2000 Schulplätze

Beide Protestaktionen ranken sich um das gleiche Problem: Berlin hat seit Jahren zu wenig Lehrerinnen und Lehrer. Und das führt eben auch dazu, dass die einzelnen Lehrkräfte deutlich größere Klassen betreuen müssen. Die GEW will, dass mit den Hochschulen effektiv über die Studienplatzzahlen in den Lehramtsstudiengängen verhandelt wird, damit sich die Abschlusszahlen erhöhen: „Wir wollen, dass sich der Senat in Form eines Tarifvertrages dazu verpflichtet, damit es da endlich vorangeht“, so Tom Erdmann. Und weiter: „Viele Kollegen gehen in Teilzeitarbeit, um den Anforderungen noch gerecht werden zu können, und arbeiten im Grunde in Vollzeit weiter, bloß für weniger Geld. So kann es nicht weitergehen.“ Zum Streik am Mittwoch erwartet Erdmann über 2000 Berliner Lehrkräfte.

Angesprochen auf die Zahlen der Senatsverwaltung, laut der berlinweit im Grundschulbereich die Klassengrößen unterboten würden, sagt der GEW-Vorsitzende: „Uns liegen die Zahlen für die einzelnen Bezirke vor. Dass die Durchschnittszahl für Berlin bei 22,7 liegt, mag sein. Aber die Klassengrößen verteilen sich höchst ungleich über die Bezirke. Es fehlen allein 10.000 Grundschulplätze. Statistisch gesehen sitzt also in jeder Klasse ein Kind mehr als geplant.“

Tatsächlich finden sich in einem Bericht der Bildungssenatsverwaltung aus dem August in Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg freie Kapazitäten von über 300 Schulplätzen, während beispielsweise in Pankow ein dickes Minus von über 2000 Plätzen vermerkt ist.

„Der Lehrerberuf ist mit Anforderungen überladen“

Der Gymnasiallehrer in Lichtenberg und „Lehrer des Jahres“ 2013, Robert Rauh, kennt die überfüllten Klassen Berlins nur zu gut. Er sagt dennoch: „Streiken darf ich als Beamter ohnehin nicht. Aber: Bei dem akuten Lehrermangel ist eine durchaus sinnvolle Reduzierung der Klassengröße einfach nicht realistisch.“

Rauh sieht andere Möglichkeiten für Entlastungen, die ihm umsetzbarer, logischer und dringend notwendig erscheinen: „Wir müssen die Lehrpläne entschlacken, damit die viel zu hohe Wochenstundenzahl für Schüler gesenkt werden kann, und wir müssen die Lehrkräfte von Bürokratie befreien. Letzteres wurde uns schon von der letzten rot-rot-grünen Koalition versprochen.“ Der Geschichtslehrer will auch, dass Lehrer von Aufgaben wie Pausen- und Prüfungsaufsichten entbunden werden, damit sie sich auf ihren Unterricht im Klassenzimmer konzentrieren können. Der Beruf sei mit stetig gewachsenen Anforderungen überladen.

Rein rechnerisch scheint es tatsächlich schwer vorstellbar, dass sich die deutschen Schulklassen in den kommenden Jahren verkleinern. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird der Lehrkräftemangel in den kommenden zehn Jahren weiter steigen. In dem im Mai dieses Jahres veröffentlichten Bericht des IW werden Deutschland schon 2030/31 beinahe 60.000 Lehrkräfte fehlen.

Ein vertraulicher runder Tisch soll die Probleme lösen

Für das IW folgt daraus: „Um den Lehrkräfteengpässen bereits kurz- bis mittelfristig entgegenzuwirken, wird es keinesfalls ausreichen, mehr junge Menschen für ein Lehramtsstudium zu gewinnen.“ Viel zu lange dauere es, bis sie nach acht Jahren Ausbildung in den Schulen ankommen. Stattdessen schlägt das IW, ähnlich wie Robert Rauh, vor, die Lehrer bei Aufgaben abseits des Unterrichts durch multiprofessionelle Teams zu unterstützen.

Mann könnte sich fragen: Warum ist das noch nicht passiert? Die SPD-geführte Senatsverwaltung für Bildung hat zum Thema Lehrermangel Anfang September einen runden Tisch einberufen. Auf die Frage der Berliner Zeitung, ob sich nun Ergebnisse abzeichneten, sagte ein Sprecher: „Die Teilnehmer des runden Tisches haben Vertraulichkeit vereinbart.“ Ein erstes Treffen sei konstruktiv gewesen. Wann mit Ergebnissen zu rechnen ist, bleibt jedoch unklar. Sicher ist nur, dass das Problem immer größer wird.