Um den neuen Ansturm beim Mittagessen zu schaffen, haben einige Berliner Schulen Pausenzeiten für die Kinder verkürzt. 
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BerlinDie Räume zum Essen seien zu klein und voll, die Aggressivität unter Kindern steige – das ist das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage unter Schulleitern, Lehrern und Eltern zum kostenlosen Mittagessen in Berliner Schulen. Das Berliner Bündnis „Qualität im Ganztag“ – bestehend aus Elternvertretern, Gewerkschaften, Schul- und Sozialverbänden – hat die Umfrage erhoben.  

Der rot-rot-grüne Senat hat das Gratis-Mittagessen für die Klassen 1 bis 6 erst zu diesem Schuljahr neu eingeführt. Ziel war, auch Kinder aus ärmeren Familien eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Doch in vielen Schulen war die Kritik schon vor der Einführung des Angebots laut: Es fehle an Betreuungskräften und vor allem an Räumen für die neu hinzukommenden Esser. Diese Befürchtungen scheint die Umfrage nun zu bestätigen.

Allerdings gibt auch Elvira Kriebel vom Verband Der Paritätische, der Teil des Ganztags-Bündnis ist, zu: „Repräsentativ ist das Ergebnis nicht. Aber es zeigt deutlich, wie groß der Druck im Kessel ist.“ 29 Fragen stellte das Bündnis, innerhalb weniger Wochen erhielt es etwa 530 Antworten – rund 30 Prozent von Lehrern, 55 Prozent von Erziehern, neun Prozent von Eltern und drei Prozent von Schulleitern.

Kleine Räume verursachen Probleme

Die wichtigsten Ergebnisse: Die Zahl der Essensteilnehmer ist nach Einschätzung der antwortenden Schulleitungen und koordinierenden Erzieher um 58 Prozent gestiegen. Die Senatsschulverwaltung ging lediglich von elf Prozent aus. Fast 70 Prozent der Befragten halten die bereitgestellten Räume für das Schulessen als pädagogisch nicht für diesen Zweck geeignet. Die häufigsten Kritikpunkte: Die Räume seien zu klein, zu laut, zu voll - auch auf Grund ungünstiger Stundenplanungen.

Das habe eine Zunahme von Konflikten und Aggressivität bei den Kindern und eine Überbelastung der Pädagoginnen zur Folge. Die Betreuungs- und Aufsichtszeiten von 75 Prozent der Befragten seien durch das Schulessen ausgeweitet worden – größtenteils auf Kosten der Personalkontingente in der ergänzenden Förderung und Betreuung.

Mehrarbeit ohne zusätzliches Personal oder größere Zeitkontingente - so schätzt ein Großteil der Umfrage-Teilnehmer das Mittagessen-Angebot ein, heißt es in der Auswertung der Antworten. Das mache den ohnehin schon vorhandenen Personalmangel an den Schulen noch spürbarer und befeuere einen Professionskonflikt zwischen Lehrern und Sozialpädagogen. 

Schüler essen oft gestresst

Und die Schüler, so die Auswertung weiter, essen oft gestresst: 77 Prozent der Befragten geben eine Essenszeit für die Schüler von lediglich fünf bis 25 Minuten an – „obwohl teilweise Hofpausen verkürzt wurden und das Essen verstärkt im Unterricht angeboten wird“.  

Elvira Kriebel und Der Paritätische halten eigentlich viel vom Gratis-Mittagessen. Durch die schlechte Vorbereitung und überhastete Einführung aber habe die Umsetzung einen „fatalen Drive“ erfahren. „Es geht nicht mehr um Inhalte oder Qualität, sondern nur noch um die Frage: Wie kriegen wir die Kinder durch das Mittagessen durch?", so Kriebel. Das gehe auf Kosten aller Beteiligten - vor allem aber auf Kosten der Kinder. 

Umfrage sei „methodisch schwierig“

Ein Sprecher der Senatsschulverwaltung sagte der Berliner Zeitung am Mittwoch, man halte die Umfrage für „methodisch schwierig“. Es bleibe offen, welche Schulen genau geantwortet hätten und ob es Mehrfachnennungen gab. Nach Rückmeldung von Schulen und Einschätzung der zuständigen Experten in der Verwaltung gebe es in Berlin zurzeit fünf bis sechs Schulen, die große Probleme damit hätten, das Angebot zu stemmen. Man begleite die Umsetzung in den Schulen eng - und wolle mit dem Mensa-Bauprogramm, das im neuen Doppelhaushalt eingestellt wurde, zügig weitere Räume schaffen.

Auch in der Auswertung der Umfrage des Ganztag-Bündnis findet sich ein Hinweis auf Entwicklung: An 29 Standorten seien Anbauten oder Umbauten der Mensa geplant, zusätzliche Räume seien geplant, die Küchen und Ausgabebereiche sollten ebenfalls umgebaut, die Essensbänder erweitert werden.

Elvira Kriebel räumt ein, das bei einer solchen Umfrage vor allem jene antworten, bei „denen der Schuh am meisten drückt". Dennoch versteht sie die Ergebnisse der Umfrage als klaren Auftrag an die Schulen, vor allem aber die Verwaltung: „Das wird eine Riesenaufgabe in nächster Zeit."