Die Schlosspark-Klinik in Charlottenburg. Hier wurde der Arzt Fritz von Weizsäcker getötet.
Foto: Michelle Tantussi/Getty Images

BerlinMüssen Mediziner an Kliniken besser geschützt werden? Diese Frage stellt sich nach dem Fall an der Berliner Schlosspark-Klinik. Denn Krankenhäuser sind ein öffentlicher Raum. „Im Alltag unternehmen die Verantwortlichen in den Kliniken das Menschenmögliche, um den Schutz der Beschäftigten und Patienten zu gewährleisten“, sagt Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Der tödliche Anschlag auf den Chefarzt Fritz von Weizsäcker aber sei eine Extremsituation, die sich in einer offenen Gesellschaft niemals gänzlich ausschließen lasse, sagt Gaß. Jährlich finden zum Beispiel in Berlin Hunderte von medizinischen Vorträgen statt – an Kliniken, in der Urania und anderswo. All diese könne man aber nicht unter Polizeischutz stellen, sagt ein Ärzte-Vertreter.

Aggression und Pöbelei

Wirkliche Probleme macht den Kliniken vor allem die Zunahme von Aggression und Gewalt in ihren Häusern selbst. „Körperliche und verbale Angriffe stellen ein Problem dar, für das es keine einfachen Lösungen gibt“, erklärt DKG-Präsident Gerald Gaß. Die meisten Krankenhäuser hätten umfassende Sicherheitskonzepte mit einem Bündel von Maßnahmen. Das Personal sei sensibilisiert, auf auffällige Personen im Krankenhaus zu achten. Der deeskalierende Umgang mit Angriffen gehöre zum Berufsalltag von Pflege und Medizin.

Der Verdächtige und Polizisten am Dienstagabend in der Schlosspark-Klinik.
Foto: Morris Pudwell

ewalttätige oder randalierende Patienten und Besucher könnten ein Hausverbot erhalten, das gegebenenfalls mit Unterstützung der Polizei durchgesetzt werde, sagt Gaß. „Es ist heutzutage keine Seltenheit mehr, dass beispielsweise Notaufnahmen Sicherheitsdienste beschäftigen.“

Die Sicherheits- und Empfangsdienste an den drei Standorten der Charité handeln eigenen Darstellungen zufolge bei „rund 800 Ereignissen pro Jahr“, indem sie etwa Alarm auslösen oder das Hausrecht durchsetzen. Sie gehören zu einer Tochterfirma, der Charité CFM Facility Management GmbH.

Massenschlägerei im Krankenhaus

Bei beschriebenen Ereignissen an Kliniken geht es etwa um pöbelnde Patienten, aggressive Familienmitglieder oder betrunkene Stressmacher. Im St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof kam es jüngst – wie berichtet – zu einer Massenschlägerei zwischen rivalisierenden Gruppen. Nach einer Messerstecherei in Kreuzberg wurden Bekannte und Angehörige, die ins Krankenhaus zu den Verletzten kamen, hochgradig aggressiv. Auch andere Fälle gab es. Erst im Juli 2016 wurde im Klinikum Benjamin Franklin der Charité in Steglitz ein Arzt von einem Patienten erschossen.

Mediziner beobachten eine Veränderung. Wie Peter Schuh, Vorstandsmitglied im Klinikum Nürnberg, 2018 im Portal RP-Online berichtete, habe es im Jahr 2013 vor allem tätliche Angriffe von Patienten gegeben, die unter Alkoholeinfluss standen oder abhängig von Crystal Meth waren. Seitdem jedoch beobachte man immer mehr Übergriffe von Menschen, die nicht süchtig oder psychisch krank seien. Ein Patient, der unbedingt eine Kur wollte, habe zum Beispiel eine Ärztin zusammengeschlagen, die ihm diese nicht verschreiben wollte.

Eine allgemeine Statistik über tätliche Angriffe auf Ärzte gebe es nicht, sagt eine Sprecherin der DKG. Kliniken sammelten höchstens die eigenen Fälle. Im März 2019 beschloss die Landesärztekammer in Hessen, Gewalt gegen Ärzte systematisch mit einem Meldebogen zu erfassen. So etwas ist aber für Berlin nicht geplant.

Neue Sicherheitskonzepte

„Für die Charité steht die Sicherheit ihrer Patienten und Mitarbeiter im Vordergrund“, erklärt das Berliner Universitätsklinikum nach dem Vorfall in der Schlosspark-Klinik, „daher wird das Sicherheitskonzept kontinuierlich weiterentwickelt und angepasst.“ Mitarbeiter würden auf den Umgang mit aggressiven Patienten oder deren Angehörigen vorbereitet. Man unterstütze sie darin, „selbstständig potenzielle Gefahren zu erkennen, diese frühzeitig zu vermeiden und im gegebenen Fall abzuwehren“. Sie würden in Deeskalationstrainings geschult, Konflikte zu entschärfen.  

Weitere Maßnahmen sind laut Charité „verbesserte Zugangsregelungen mit Türschließanlagen, aber auch optimierte Wegeleitungen für Patienten“. Andere Kliniken nennen als Möglichkeiten vorgelagerte Empfangsbereiche, verbesserte Fluchtwege und geschützte Pflegeinseln. Teilnehmer von Deeskalationstrainings lernten, wie man den eigenen Körper und das Gesicht schützt oder einen Raum schnell verlässt, um einen Notruf abzusetzen.

Wie die Ärztezeitung 2018 berichtete, klagen auch niedergelassene Ärzte zunehmend über Aggressionen und Gewalt in ihren Praxen. Der „Ärztemonitor 2018“ zeigte, dass es in deutschen Arztpraxen täglich zu 75 Fällen körperlicher und zu 2 870 Fällen verbaler Gewalt komme. In diesem Herbst erst kündigte die Bundesregierung an, mit einer Änderung des Strafgesetzbuches Gewalt gegen Ärzte und Pfleger im Notdienst stärker zu ahnden. Bei tätlichen Angriffen gegen sie sollen künftig bis zu fünf Jahre Haft drohen, wie es auch bei Gewalt gegen Vollstreckungsbeamte und Rettungskräfte gilt.

Selbstschutz lernen

Künftige Mitarbeiter von Kliniken sollten bereits in der Ausbildung auf das Thema Gewalt in der Pflege und Maßnahmen des Selbstschutzes vorbereitet werden, meint der DKG-Präsident Gerald Gaß. „Für psychiatrische Kliniken oder Abteilungen gelten gesonderte und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen, um einen Schutz zu gewährleisten.“ Diese reichten von räumlicher Abtrennung bis hin zu geschlossenen Abteilungen. Gaß setzt hinzu: „Aber bei allem, was wir hier vorbeugend tun, müssen wir immer auch im Blick behalten, dass wir die Krankenhäuser nicht zu Hochsicherheitsbereichen umwandeln können und wollen.“