So soll das Zentrum der neuen Siemensstadt aussehen: Ein prägnantes Hochhaus mit davor liegendem „Stadtplatz“.
Grafik: SIEMENS AG/O+O Baukunst 

Berlin-SpandauHier soll das autonome Fahren erforscht und getestet werden, hier soll an Lösungen für den Klimaschutz gearbeitet werden, und hier sollen neue, auch preiswerte Wohnungen entstehen – umgeben von viel Grün. Der Weltkonzern Siemens will mehr als einhundert Jahre nach dem Bau der Siemensstadt in Spandau seinen traditionsreichen Standort in Berlin zu einem Zukunftscampus entwickeln.

Gestaltet werden soll die neue Siemensstadt nach Plänen des Berliner Architekturbüros Ortner + Ortner und des Büros capatti staubach Urbane Landschaften. Ihr Entwurf ist am Mittwoch im städtebaulichen Wettbewerb zum Sieger gekürt worden. Neben dem Bau verschiedener Hochhäuser und eines zentralen Platzes setzt   der Plan auf Einfachheit. Sämtliche Erdgeschosszonen sollen zu einem durchgängigen und öffentlichen „Stadtgeschoss“ gestaltet werden.

Neue Siemensstadt: Schaltwerkhallen werden umgestaltet

Die alten Schaltwerkhallen von Siemens werden zum Teil für eine öffentliche und kulturelle Nutzung umgestaltet, und das Schaltwerkhochhaus soll neben Büros auch Wohnungen und ein Hotel aufnehmen. „Die Jury sieht in diesem Entwurf eine gute Grundlage für die Gestaltung der zukünftigen Siemensstadt“, sagte der Architekt Stefan Behnisch, der die Jury-Sitzung geleitet hatte. Der Plan zeichne kein fertiges Bild, sondern lasse Raum für notwendige Entwicklungen. Zugleich gehe der Entwurf respektvoll mit den historischen Gebäuden um und sehe eine zeitgemäße Nutzung für diese vor.

Der Siegerentwurf von Ortner+Ortner: der neue Siemens-Campus von oben.
Grafik: SIEMENS AG/O+O Baukunst

Siemensbahn soll wieder in Betrieb genommen werden

Zum neuen Geist gehört, dass Siemens sein bislang für die Öffentlichkeit unzugängliches Industrieareal zur Nachbarschaft öffnen will. Das neue Viertel soll zugleich Vorbild für eine ökologische Stadtgestaltung werden: Als ein im Betrieb CO2-neutraler Standort, „bei dem Ressourceneffizienz und nachwachsende Rohstoffe bereits im Planungsprozess mitgedacht werden“, wie es heißt. Bei der Verkehrskonzeption sollen innovative Mobilitätsangebote einfließen, darunter solche für Carsharing und autonomes Fahren. Auch die Siemensbahn soll wieder in Betrieb genommen werden. Damit erhält das neue Stadtviertel eine leistungsfähige S-Bahnverbindung, die zugleich die neuen Wohnviertel in Haselhorst erschließen soll.

600 Millionen Euro werden in Siemens-Campus investiert

Im Oktober 2018 hatte Siemens mit Vertretern des Senats vereinbart, dass der Weltkonzern seinen Standort in Spandau zu einem Zukunftscampus umgestaltet. Bis zu 600 Millionen Euro sollen in die neue Arbeits- und Lebenswelt investiert werden. „Wir planen ein integratives Ökosystem, wo große, kleine und mittelständische Unternehmen, Start-ups sowie Universitäten zusammenkommen“, sagte die Gesamtprojektleiterin für die Siemensstadt Karina Rigby vor dem Start des Wettbewerbs zur Berliner Zeitung. Es werden zugleich rund 2750 Wohnungen entstehen, 30 Prozent davon mietpreisgebunden.

Modell der neuen Siemensstadt in Berlin-Spandau.
Foto: SIEMENS AG

Die Jury des städtebaulichen Wettbewerbs kam passend zum geplanten Wandel von Siemens in einer umgebauten Lagerhalle auf dem Gelände des alten Dynamowerks zusammen. Die 1000 Quadratmeter große Halle mit Pfeilern in Beton-Optik spiegelt nicht nur die Geschichte des Konzerns wider, sondern steht laut Siemens zugleich für „den Aufbruch ins Neue“. In den vergangenen Monaten hat Siemens in dem Gebäude mit dem Kürzel „A32“ Räume für gemeinsames Arbeiten, Coworking genannt, eingerichtet. Die Jury, die über die eingereichten Entwürfe des Wettbewerbs für die neue Siemensstadt beriet, tagte dort streng vertraulich. Teilnehmer berichteten, dass sie sogar ihre Mobiltelefone abgeben mussten.

Wettbewerb: Anordnung von Gebäuden, Straßen, Plätzen

Beim städtebaulichen Wettbewerb für den Zukunftscampus ging es noch nicht um die konkrete Architektur, sondern um die Anordnung von Gebäuden, ihre Größe, um Straßen und Plätzen. Wie die Häuser gestaltet werden, soll erst später in Architekturwettbewerben entschieden werden. Die Bauarbeiten sollen 2022 beginnen. Siemens will das neue Stadtviertel dann in Etappen realisieren. Bis 2030 soll alle zwei Jahre eine neue Phase der Umgestaltung starten.

Die neue Siemensstadt gilt seit April 2019 als einer von elf Berliner Zukunftsorten. Das sind Standorte, an denen Wirtschafts-, Forschungs-, und Technologieeinrichtungen zusammenarbeiten. Zu den elf Orten gehören unter anderem die Wissenschaftsstadt in Adlershof, der Biotech-Campus in Buch, der Euref-Campus in Schöneberg und der Flughafen Tegel, der zu einem Forschungs- und Industriepark entwickelt werden soll.

Bürger wünschten sich günstigen Wohnraum und Grünflächen

Parallel zum städtebaulichen Wettbewerb beteiligte Siemens Bürger über einen Online-Dialog und eine öffentliche Veranstaltung an der Planung. Die Anregungen der Bürger fanden zwar keinen Eingang mehr in den Auslobungstext zum Wettbewerb, wurden aber der Jury und den Planern „in Form eines Auswertungsberichtes als Inspirationsquelle an die Hand gegeben“, wie es heißt.

Die Bürger wünschten sich unter anderem, dass günstiger Wohnraum in Form von Wohnheimen für Studenten und Auszubildende, Werkswohnungen für Siemensmitarbeiter und ein Anteil Sozialwohnungen entsteht. Auch für Grünflächen und eine barrierefreie Platzgestaltung sprachen sie sich aus. Der siegreiche Wettbewerbsentwurf entspricht vielen der Wünsche, nur einem eher nicht: dem Wunsch, dass sich „die Art der Bebauung an den bestehenden Strukturen der Siemensstadt orientieren“ soll. Mit der Hochhausplanung ist dieser Wunsch kaum zu vereinbaren. Ausgerechnet bei der feierlichen Präsentation des Siegerentwurfs löste sich am Mittwoch das Hochhaus und ein anderes Gebäude aus dem Modell, das dem Publikum gezeigt werden sollte – die Fläche war plötzlich leer. Das werde an der Entscheidung nichts mehr ändern, sagte Siemens-Vorstand Cedric Neike unter dem Lachen der Gäste. Und er versprach: „Wir werden auf jeden Fall besser bauen.“