Der Berliner Club Watergate in Kreuzberg.
Foto: imago images/Travel-Stock-Image

Berlin-KreuzbergDie Corona-Pandemie hat nicht nur die Clubveranstalter in eine finanzielle Krise gebracht: Das feiernde Publikum hat mit der Schließung der Clubs im März einen kulturellen Begehungsraum verloren. Wer einmal in einem Berliner Club war, weiß, dass Raum und Zeit dort keine Rolle spielen. Dass man wie fast nirgends sonst die Musik bis unter die Haut spürt und interessante Menschen treffen kann. Wenn sich auch die Zeit beim Anstehen ab und an wie die Ewigkeit anfühlen mag und man nicht immer mit allen Begleitern in den Club kommt, ist es doch meist ein kleines Abenteuer, eine kurze Auszeit von allem im Alltag.

Dass der Club Watergate am Freitagabend in Berlin seine Türen öffnete, war folglich ein kleiner Segen für die Clubcommunity. Wenn auch niemand aufgrund der fortdauernden Pandemie das örtliche Gelände betreten durfte, so fand sich auf der Augmented-Reality-Plattform „Yes, we’re open“ zumindest eine virtuelle Möglichkeit. Gemeinsam mit der Berliner Agentur Dreinull hat der Club Watergate einen digitalen Raum  mit mehreren Tanzflächen erschaffen, wo die Möglichkeit für einen sozialen Austausch besteht. Dazu musste man sich vorab auf der Webseite ywo.water-gate.de ein Ticket kaufen – mindestens für einen Euro, mehr war jedoch auch möglich.

Bild und Sound besser als bei Streaming

Für Szene-DJs wie Kristin Velvet und das Electro-Kollektiv WhoMadeKnow wirkt ein niedriger Eintrittspreis fast frech. Doch für die, die nicht wissen, was sie in einem virtuellen Club erwartet, ist es ein guter Anreiz – und immerhin können Watergate-Anhänger auch mehr zahlen. Das Ticket kommt in einer E-Mail schließlich prompt und bringt einen Link mit, der um 21 Uhr die Clubtür öffnen soll. Eine Schlange gibt es vor der Tür dann nicht. Die Autorin des Textes landet im Main Floor, wo Joris Biesmans als erstes auflegt. Er ist hinter dem DJ-Pult tanzend zu sehen, grelle Lichter werden auf ihn gestrahlt. Das Bild und der Sound sind deutlich besser als etwa bei den Streaming-Events von United We Stream.

Auf Facebook postete der Club Watergate ein Video von der virtuellen Feier.

Video: Club Watergate

Auf die Idee, ihre Partys ins Netz zu verlegen, kamen die Berliner Clubs tatsächlich recht zügig – allen voran das SO36, das entgegen aller DIY-Punk-Attitüde seine DJs zu Beginn der Pandemie via Facebook Platten auflegen ließ. Das war nett, man sah die DJs ihren Orientalfusionstechno auf der einsamen doch glitzernden SO-Bühne zelebrieren und fühlte sich ein bisschen weniger einsam am Wochenende. Ein richtiger Ersatz für einen Clubabend war das jedoch nicht. Da ist das Watergate, von jeher recht flott in digitalen Belangen, noch einen Schritt weiter.

„Würdet Ihr hier auch feiern, wenn die Clubs wieder offen hätten?“

Der Clubbetreiber Uli Wombacher sagte der Musikfachzeitschrift Groove, dass ihm bei den Streams das soziokulturelle Element des Clubbesuchs fehlte. Bei „Yes, we’re open“ löst er das mit der Chat- und Kamerafunktion. Mit den Besuchern, mit den man zufällig zusammengewürfelt wird, lässt sich so leicht ins Gespräch kommen. Manch einer schaltet dann seine Kamera ein und zeigt sich im heimischen Wohnzimmer rauchend oder trinkend. Bei einem ist sogar die tanzende Tochter zu sehen, sonst bleiben die Bildschirme schwarz. Auch auf der Terrasse und im Waterfloor zeigen sich die Besucher nicht persönlich. Im Chat schreibt dort jemand: „Würdet Ihr hier auch feiern, wenn die Clubs wieder offen hätten?“ Einer antwortet: „Ne“, ein anderer schreibt: „Wenn ich kein Bock hätte rauszugehen, auf jeden!“ 

An diesem Abend zeigen sich die Berliner jedoch nicht sehr kommunikativ, doch es ist für diese Art von Clubbing auch noch recht früh. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art im Watergate. Und dafür sind Musik, Sound und Bild grandios. Und wer weiß, wie offen die Besucher sind, wenn sie sich an diese Realität gewöhnt haben. Letztlich kann alles nach der Pandemie nur besser werden.

Weitere Infos zu „Yes, we’re open“ und den Veranstaltungen im Club Watergate finden sich auf: ywo.water-gate.de