Berlin - Auch mehr als dreißig Jahre nach der Einweihung der letzten sieben Bahnhöfe der U-Bahn Richtung Spandau ist ihre Wirkung überwältigend. Andere würden sagen: erschlagend. Und so manches Mal ist man durchaus erheitert, etwa angesichts des immensen Aufwands der dramatisch gestaffelten Blechdecken im sonst so coolen Bahnhof Haselhorst.

Oder vor den Keramikbildern in der Station Paulsternstrasse: Sie sollen, behauptete zur Einweihung 1984 der Architekt Rainer Rümmler, an die einstigen Spreemoore erinnern, an Rohrpflanzen, Schmetterlinge, Blumen. Mag sein. Aber die Erinnerung an psychedelische Bilder auf Beatles-Alben oder Comic – „Zacks“ – die liegt auch nicht fern. Wie nahe die Postmoderne oft der Pop-Moderne war, hier kann man es sehen.

Gerade noch rechtzeitig

In der Station Paulsternstrasse also verkündete Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am späten Dienstagnachmittag die Aufnahme dieser sieben von Rainer Rümmler gestalteten Bahnhöfe in die Berliner Denkmalliste. Seit kurzem ist Lederer für den Denkmalschutz zuständig. Mit der Eintragung dieser Stationen wird auch amtlich die Historisierung der West-Berliner Postmoderne und der Zeit der Internationalen Bauausstellung IBA eingeleitet. Geschichts- und denkmalpolitisch entspricht diese Eintragung also jener der Plattenbausiedlung am Ost-Berliner Thälmannpark vor eineinhalb Jahren.

Der Schutz kam spät, aber doch noch rechtzeitig vor größeren Umbaumaßnahmen. So sind an der Station Zitadelle noch immer die massigen Ziegelsteinwände und Ziegelsteinpfeiler mit kräftigen Gesimsen zu sehen, die irgendwie vage an jene Renaissance erinnern sollen, in der diese Festung geschaffen wurde. Dann Altstadt Spandau: in dichter Reihe stehen emailleweiß verkleidete Pfeiler mit zarten roten Streifen zwischen den Metallplatten. Großartig, wie Rümmler das Ansagehäuschen – damals kam noch keiner auf die Idee, dass eine Kamera die gleiche Sicherheit verspricht wie ein Mensch – den Reinigungsstand und den Kiosk zu einer Skulptur zusammenfügte. Schinkels Kulissen für die Oper Zauberflöte standen wohl Pate bei den dramatisch ausgeweiteten Kapitellschirmen.

Und schließlich: Rathaus Spandau. Mit den zwei Bahnsteigen inszenierte Rümmler regelrecht eine U-Bahnkathedrale. Schwarzer, polierter Granit an den Pfeilern, wieder die grüngoldenen Lampen, ebenfalls grüngoldene Kapitellchen, kostbar geschmiedete Absperrgitter: Welch eine Orgie von postmodern entfesselten Formen.

1984 wurde diese Lust an architekturhistorischen Zitaten allerdings überhaupt nicht geschätzt. Der Versuch, aus der U-Bahnfahrt mehr zu machen als die Nutzung eines Verkehrsmittels, ertrank geradezu im Hohn und Spott der Fachleute und durchaus auch der breiteren Öffentlichkeit. Kitsch war noch der mildeste Vorwurf, der Rümmler und der BVG gemacht wurden, Populismus ein anderer, zumal sich schnell herausstellte, dass viele Nicht-Fachleute durchaus etwas anfangen konnten mit seinen Entwürfen.

Es ging dabei allerdings nicht nur um die Gestaltung: Diese Bahnhöfe erschienen als der ästhetische Ausdruck der West-Berliner Großmannsucht, der ungehemmten Verschwendungslust auf süd- und westdeutscher Leute Kosten.

Betont künstlerische Fassung

Es waren jene Jahre, in denen erst die SPD, dann CDU und FDP in schier unergründlichen Subventions- und Korruptionssümpfen versanken. In denen andererseits West-Berlin mit der IBA zu einem Pilgerort für eine postmodern befreite Wohnungsbaukultur wurde. Rümmlers Werk passte durchaus zu den IBA-Neubauten am Jüdischen Museum oder jenen, die im Tiergarten entstanden.

Dabei setzte er in vielem gestalterisch die Linie seiner U-Bahnbauten aus den 1970er-Jahren fort, wie etwa des kürzlich leider zerstörten Bahnhofs Bayrischer Platz oder des glücklicherweise unter Denkmalschutz gestellten Bahnhofs Fehrbelliner Platz.

Schon hier hatte er damit begonnen, den Unterschied zu seinem grandiosen Vorgänger Alfred Grenander aus den 1920er-Jahren zu markieren: Jener inszenierte etwa in der U-Bahnlinie 8 mit bunten, aber einheitlichen Farben und klaren Materialien die U-Bahn als industrielles Massenverkehrsmittel. Rümmler dagegen, der auch gegen die Konkurrenz des Autos ankämpfen musste, gab dem U-Bahnerlebnis eine individuelle, betont künstlerische Fassung.

Und so zeigen diese sieben Bahnhöfe auch die Selbstbefreiung eines Architekten. Rümmler kam nämlich eigentlich aus der eisenharten Funktionalistenschule der Technischen Universität und der West-Berliner Bauverwaltung der frühen 1950er Jahre. Sichtbare Konstruktion, klarer Ausdruck, schlichte und einheitliche Materialien galten ihr als absolute Werte. Rümmler brach zunehmend mit dieser Tradition und trieb es dabei bis hin zur blanken Theatralik.

Also sehen wir hin und entdecken Rümmlers Werk neu. Historisch ist es sicher Denkmalwert. Und künstlerisch? Vielleicht ist die Denkmalpflege mal wieder der Geschmacksentwicklung um Jahre voraus. Wir werden es wissen, wenn die ersten Architekturdiplome wieder breite Kapitellschirme oder goldene Dekors zeigen.