Berlin - Für viele Berliner sind Bahnen und Busse eine Art notwendiges Übel. Sie sind froh, wenn der Arbeitstag vorbei ist und sie sich nicht mehr in vollen Zügen drängen müssen. Bei Frank von Riman-Lipinski ist das anders. Der Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) findet den Nahverkehr so faszinierend, dass er selbst in seiner Freizeit nicht davon lassen kann. Zuhause hat er das Kopfteil einer alten Straßenbahn aufgestellt, mit anderen Fans arbeitet der Spandauer historische Doppeldeckerbusse auf. Jetzt bereitet er eine Aktion vor, die für Aufmerksamkeit sorgen wird. „Nach 50 Jahren soll die Straßenbahn noch einmal nach Spandau und Charlottenburg zurückkehren“, sagt er.

So schön kann Feierabend sein. Der Dienst bei der BVG, wo der langjährige Busfahrer seit 2001 als Betriebsaufsicht arbeitet, ist vorbei. Von Riman-Lipinski sitzt bequem in seinem Sessel, neben ihm spendet der Scheinwerfer des Wagens 3824 warmes Licht. Der Lack glänzt, kein Staub ist zu sehen, ein tadelloses Stück Technik. Das Kopfteil der 78 Jahre alten einstigen BVG-Straßenbahn steht da, wo andere vielleicht ein Aquarium hinstellen würden. Es wirkt überhaupt nicht merkwürdig, allenfalls wie eine zu groß geratene Wohnzimmerleuchte.

Wenn U-Bahnen röhren

„Dieses Hobby wird mich nicht mehr loslassen“, sagt der 52-Jährige. „Ich bin schon ein Verrückter, wenn es um das Thema Nahverkehr in Berlin geht, speziell um die historischen Bereiche S-Bahn, Autobus und Straßenbahn.“ Vor kurzem hat er wieder mal die Beschilderung des Wagens gewechselt, derzeit geht es auf der 55 in den Spandauer Norden nach Hakenfelde. Das passt gut, denn auf dieser Linie kam das Nahverkehrs-Virus in sein Leben. Er wurde frühkindlich geprägt.

„Normalerweise kann man sich an das, was man als Dreijähriger erlebt hat, als Erwachsener nicht mehr erinnern“, erzählt von Riman-Lipinski. „Ein Erlebnis von 1967 ist mir aber immer noch präsent. Als ich mit meiner Mama in Siemensstadt zum Einkaufen ging, fuhr eine Straßenbahn der Linie 55 auf dem Siemensdamm bei Hertie an uns vorbei. Die sehe ich noch heute, als wäre das gestern gewesen.“

Und dann war da noch die S-Bahn: „Bereits als Dreijähriger bin ich jedes Mal unter die S-Bahnbrücke der Siemensbahn gerannt, wenn oben ein Zug kam, das Geräusch, dieses laute Rattern“ – das hat er immer noch in den Ohren.

Nicht zu vergessen die U-Bahn: „1976, da war ich noch Grundschüler, ging es oft gleich nach dem Unterricht zur U-Bahn-Linie U8, wo noch die alten C-Züge unterwegs waren. Die haben im Tunnel geröhrt wie die Stadtbahnzüge der S-Bahn.“ Schließlich die Busse: „Ich bin oft zum 4er gefahren, um mit einem alten DF-Wagen mitzufahren, meine Lieblingsbusse, mit Sitzschaffner, zwei Treppen und drei Türen.“

Als Kind stellte sich von Riman-Lipinski vor, dass er als Erwachsener einmal einen alten Doppeldecker als Gartenlaube haben wird: „Das war mein Traum.“ 1988 gründete er die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus (ATB) und begann, diesen Traum zu verwirklichen, in einer etwas anderen Form. Heute gehören ihm und zwei Dutzend Mitstreitern gut 60 alte BVG-Busse – Fahrzeuge, die einst das Stadtbild prägten. Der Verein ist Teil der größten Nahverkehrs-Fanszene in Deutschland.

Doch Frank von Riman-Lipinski will nicht nur sammeln und bewahren. Er möchte auch andere Menschen begeistern und an Vergangenes erinnern. Das ist die Leitlinie für das, was nun für den Herbst geplant ist. „Mir geht es um ein Fest“, sagt der Spandauer. „Es soll ein Fest der Erinnerung sein“ – zur Erinnerung an das Ende des Straßenbahnbetriebs im Westen von Berlin 1967.

Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach der letzten Fahrt sollen wieder Straßenbahnen durch die Stadt rollen. Auf Tiefladern fahren sie von Hakenfelde durch Spandau und Charlottenburg zum Bahnhof Zoo und zurück. Es ist die Route der 55, die als letzte Linie eingestellt wurde.

Auch so kann Berlin sein

Eine Rundfahrt mit alten BVG-Straßenbahnen, wo schon lange keine Gleise mehr liegen, keine Oberleitung mehr hängt: Das hört sich ambitioniert an. Zumal in Berlin, wo schon alltägliche Dinge wie die Anmeldung eines Autos und die Beantragung eines Reisepasses nervenaufreibende Angelegenheiten sind.

Von Riman-Lipinski beschwert sich nicht. „Es ist ehrgeizig, aber bis jetzt läuft es“, lobt er. „Bisher gab es noch keine verschlossene Tür bei den Behörden. Einige Gesprächspartner fanden die Idee kurios, aber keiner hat mir Steine in den Weg gelegt.“. Auch so kann Berlin sein. Für ungewöhnliche Liebeserklärungen an diese Stadt scheint man in der Verwaltung etwas übrig zu haben. „Einige Spender und Sponsoren brauchen wir allerdings noch. Rund 6000 Euro werden noch benötigt. Doch wir sind guten Mutes. Am Geld wird es wohl nicht scheitern.“

Was ist geplant? Los geht es am 30. September mit einem Straßenfest in Hakenfelde. „Die Endschleife der Straßenbahn gibt es noch“, sagt der Organisator. „Dort werden auch die beiden Wagen stehen, auf 30 Meter Gleis, das eigens von der BVG wieder verlegt wird.“ Sie werden die Stars sein – zwei Wagen, die 1967 beim Abschiedskorso dabei waren, als viele West-Berliner das Ende der angeblich unmodernen Elektrischen bejubelten.

Wagen 3495 aus dem Jahr 1928, der dem Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn in Schönberger Strand gehört, kommt per Lastwagen aus Schleswig-Holstein. Nicht so weit hat es Wagen 3566, der ein Jahr jünger ist: Er steht beim Deutschen Technikmuseum. Am 1. Oktober 2017 haben die Oldtimer dann ihren ganz großen Auftritt. „Am Vormittag soll in Hakenfelde die Rundfahrt auf der ehemaligen Linie 55 beginnen“, erklärt von Riman-Lipinski. „Die Tieflader mit den Straßenbahnwagen werden langsam fahren, fast überall gibt es eine zwei Fahrspur, auf der unser Konvoi überholt werden kann.“ In den Bahnen darf niemand mitfahren, auf Tiefladern ist das nicht erlaubt. Zwei oder drei historische Doppeldecker der ATB werden die Rundfahrt begleiten. „Ich bin mir sicher, dass eine Menge Fotografen an der Strecke stehen werden – wie damals 1967“, sagt der Organisator, „Solche Fotomöglichkeiten wird es niemals wieder geben.“

Damals waren viele West-Berliner froh, dass das vermeintliche Verkehrshindernis auf den Schrott kam. Auch im Ostteil galt die Straßenbahn als unmodern, auch dort war 1967 ein Schicksalsjahr: Der Verkehr zum Alexanderplatz endete. Heute gibt es Pläne, das Netz weiter auszubauen – vor allem im Westen, wo seit Eröffnung der Strecke in den Wedding 1995 wieder Straßenbahnen fahren. Vielen Fans geht der Ausbau zu langsam voran. Doch in diese Diskussion will sich Frank von Riman-Lipinski nicht einmischen: „Ich habe nicht die Absicht, Verkehrspolitik zu machen.“