Berlin - Im achten Jahr der Republik haben sich die deutschen Fürsten die Gutmütigkeit ihrer einstigen Untertanen zunutze gemacht: Sie haben sich wieder auf den alten Beruf ihrer Vorfahren geworfen und sind zu Raubrittern geworden, die eine Brandschatzung nach der anderen durchführen“, schrieb Anfang 1926 wutentbrannt der zwischen KPD und SPD hin- und herwechselnde Politaktivist Fritz Rück.

Überall kochte damals Volkes Zorn über die „Unverschämtheiten“ der deutschen Fürsten, die allenthalben in Prozessen die Herausgabe von Schlössern, Museen, Gütern und Millionen in barem Geld verlangten. Und die Gerichte der Republik, vielfach mit monarchistisch gestimmten Richtern besetzt, gaben ihnen auch noch recht. 

Zwei Vorgänge hatten die Stimmung vor allem angeheizt: Das Reichsgericht in Leipzig hatte im Juni 1925 dem Fürstenhaus Sachsen-Coburg und Gotha den gesamten Land- und Forstbesitz wieder zugesprochen – Vermögen im Wert von 37,2 Millionen Goldmark sollte laut richterlichem Befinden zurückgeführt werden.

Fürstenbesitz wurde nach der Revolution von 1918/1919 nur beschlagnahmt 

Vier Monate später legte das preußische Finanzministerium einen mit den Hohenzollern ausgehandelten Vertragsentwurf vor, der die Rückgabe von ca. drei Viertel des umstrittenen Grundbesitzes an das Fürstenhaus vorsah. Die SPD fand das in Ordnung und überließ es den Kommunisten unter Ernst Thälmann, den Volkszorn aufzufangen und maximalen Nutzen daraus zu schlagen. Mit großem Erfolg startete die KPD die Kampagne zur entschädigungslosen Fürstenenteignung.

Wie hatte es so weit kommen können? Nach der Revolution von 1918/19 und dem Sturz der Monarchie hatte man den Fürstenbesitz nur beschlagnahmt, aber nicht enteignet. Das Weitere sollte auf Grundlage der Weimarer Verfassung ausgehandelt werden. Die stellte einerseits das Eigentum unter Schutz, schloss andererseits Enteignungen – zum Wohle der Allgemeinheit, gegen angemessene Entschädigung und mit Widerspruchsmöglichkeiten auf dem Rechtsweg – nicht aus. In den Ländern liefen Verhandlungen.

Zugleich erlitt die Mittelschicht machtlos ihre fast vollständige Enteignung durch die Hyperinflation. Massenhaft sanken Beamte, Anwälte, Ärzte, Kaufleute in Mittellosigkeit und in eine existenzielle Unsicherheit, wie sie Millionen ohnehin Arme nur allzu gut kannten. Im November 1925 verschlechterten ein Konjunktureinbruch und steigende Arbeitslosigkeit die prekäre Lage – und dann fanden Gerichte auch noch, dass Fürsten Entschädigungszahlungen für entgangene Vermögenserträge zustünden oder gar Aufwertungsbeträge im Fall von Inflationsverlusten.

Das war zu viel. „Der Skandal stinkt zum Himmel“, protestierte Fritz Rück. Die Kommunisten konnten mit großer Zustimmung rechnen, als sie am 25. November 1925 ihr eigenes Gesetz zur entschädigungslosen Enteignung der Fürsten einbrachten. Die große Lösung.

Enteignung der deutschen Fürsten: Auch Käthe Kollwitz und Kurt Tucholsky setzten sich für das Volksbegehren ein 

Die Ländereien sollten an Bauern und Pächter übergehen, Schlösser sollten zu Genesungsheimen umfunktioniert werden oder zur Linderung der Wohnungsnot dienen, das Barvermögen sollte schließlich Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen zukommen.

Ein Volksentscheid war das Mittel der Wahl, um die radikale, populäre und populistische Forderung gegen den gewählten Reichstag durchzusetzen. Der SPD-Vorstand zögerte: Man wollte nicht an der Volksvertretung vorbei agieren und fürchtete einen Misserfolg. Bei den Reichstagswahlen 1924 hatten KPD und SPD zusammen 10,6 Millionen Stimmen erreicht, für einen sicheren Erfolg des Volksentscheids waren 20 Millionen notwendig.

Doch die Enteignungsbegeisterung und die Einbildung, ein radikaler Schritt brächte eine wunderbare Lösung gleich mehrerer Probleme, riss die SPD-Basis genauso mit wie den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) und andere linke Organisationen.

Mitte Dezember gründete sich zur Beförderung und Vorbereitung eines Volksbegehrens aus dem Umkreis der Deutschen Friedensgesellschaft und der Deutschen Liga für Menschenrechte der Ausschuss für Fürstenenteignung, Kuczynski-Ausschuss (nach dem Statistiker Robert René Kuczynski ) genannt. 40 pazifistische, linke und kommunistische Gruppierungen gehörten ihm an – deutliche Zeichen für eine große Zustimmung zu dem Vorhaben.

Auch Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Käthe Kollwitz, John Heartfield, Heinrich Zille und Kurt Tucholsky setzten sich für das Volksbegehren ein. Der ADGB erhielt den Auftrag, mit der SPD zu verhandeln. Schließlich stimmten die Sozialdemokraten nach kleinen Ergänzungen einem gemeinsamen Gesetzentwurf zu. Der wurde dem Reichsinnenministerium zugeleitet. Dieses legte den Zeitraum für das Volksbegehren fest: 4. bis 17. März.

Eine Riesenmobilisierungskampagne brach los und Robert René Kuczynski jubelte: „Zwölfeinhalb Millionen haben durch Eintragung in die für den Volksentscheid aufgelegten Listen die Forderung nach entschädigungsloser Enteignung der ehemaligen Fürsten gestellt. Das ist ein ungeheurer Erfolg.“ Der Weg zum Volksentscheid war frei.

Angstkampagne der Konservativen

Das stachelte nun die konservativen Kräfte zu massiver Gegenwehr an: Sie malten das Bild des einrückenden Bolschewismus an die Wand – seien erst mal die Fürsten enteignet, würden die Kommunisten sich bald auch den Besitz aller anderen holen. Vor allem auf dem Land übten Grundherren Druck auf die Leute aus.

Dort verfing sogar der Versuch, Mitleid mit den bald am Bettelstab gehenden Fürsten zu haben und doch gefälligst traditionsbewusst deren Verdienste um Volk und Vaterland zu bedenken. In den Städten amüsierte man sich hingegen über die Meldung, Prinz Louis von Orleans-Bourbon sei an der portugiesisch-spanischen Grenze bei schwunghaftem Kokainhandel erwischt und verhaftet worden.

Die Nationalsozialisten forderten schließlich, statt der Fürsten besser alle seit dem 1. August 1914 eingewanderten Ostjuden zu enteignen. Der linke NSDAP-Flügel hatte die Idee der Fürstenenteignung sehr begrüßt, Adolf Hitler aber nicht.

Der Volksentscheid am 20. Juni 1926 scheiterte. Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte sich mit der Auffassung durchgesetzt, ein Enteignungsgesetz wirke verfassungsändernd, weshalb im Volksentscheid nicht die einfache Mehrheit der Stimmen reichte, sondern 50 Prozent der Wahlberechtigten zustimmen mussten, also etwa 20 Millionen. Dementsprechend riefen die Enteignungsgegner zum Boykott auf. Reichsweit erreichten nur drei der 35 Stimmbezirke – Berlin, Hamburg und Leipzig – das 50-Prozent-Quorum.