Neu am Humboldt-Forum: Das indische Sanchi-Tor als Werbeträger und Weltversöhner

Weltkulturerbe als Sandsteinkopie soll Publikum in die Ausstellungen locken und Glück bringen. Zwischen Schloss und Dom schrumpft es allerdings ins Zwergenhafte.

Neu in Mitte: Die Stützstreben für das altindische Sanchi-Tor sind zwischen Humboldt-Forum und Dom aufgebaut.
Neu in Mitte: Die Stützstreben für das altindische Sanchi-Tor sind zwischen Humboldt-Forum und Dom aufgebaut.Sabine Gudath

Zwischen Dom und Humboldt-Forum stehen seit Donnerstag die ersten Teile eines neuen Groß-Objektes zur Bereicherung der Schlossumgebung: Eine Replik des altindischen Sanchi-Tores. Bis Weihnachten soll der dann elf Meter hohe Torbau aus rosa Sandstein fertiggestellt sein.

Das Humboldt-Forum stellt damit ein Objekt seiner im Inneren des Schlossneubaus gezeigten ethnologischen Sammlungen vor die Türe und erfüllt sich damit einen lange gehegten Wunsch, denn das Sanchi-Tor begleitet die Sammlungen seit der Eröffnung des Neubaus für das Museums für Völkerkunde im Jahr 1886 – ein „Maskottchen“, wie es bei der ersten Präsentation am Donnerstag hieß.

Das mehr als 2000 Jahre alte Original-Tor steht, kunstvoll aus Sandstein gehauen, als eines von vier prächtigen Portalen am östlichen Eingang des Großen Stupa, eines kuppelförmig gemauerten Reliquienschreins, im archäologischen Areal von Sanchi im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh.

Ost-West-Verbindung

Es handelt sich um ein herausragendes Zeichen des frühen Buddhismus in Indien, eines der ältesten und bedeutendsten im Lande. Indien ist stolz auf das seit 1986 offiziell von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Objekt.

Zur Vorstellung der jüngsten Kopie lobte der sichtlich erfreute indische Botschafter S.E. Harish Parvathaneni die Aufstellung an „einem so wichtigen Ort in Berlin“. Nun stehe das Sanchi-Tor im Osten als Pendant zum Brandenburger Tor im Westen, als schönes Symbol der Verbindung von Ost und West überhaupt. Schließlich entspreche das auch der in der Bildersprache des Tores vermittelten Botschaft des Buddha von Frieden und Verständigung, von den Völkern der Welt als einer Familie.

Im Humboldt-Forum ist die Torkrone in Plastik aus der Nähe zu betrachten.
Im Humboldt-Forum ist die Torkrone in Plastik aus der Nähe zu betrachten.Sabine Gudath

Diese Botschaft wiederum hörten die anwesenden Vertreter des Humboldt-Forums gern, die sich wegen der vielen, aus kolonialen Zusammenhängen stammenden Objekte im Innern sonst eher mit Kritik plagen – man denke nur an das Luf-Boot aus den ehemaligen deutschen Südseekolonien.

Das erste Exemplar des Sanchi-Tores kam 1886, acht Jahre vor dem Luf-Boot, in die deutsche Reichshauptstadt, ein Gipsabguss, den die britische Kolonialmacht vom Original in Sanchi hatte nehmen lassen. Aus diesen Gipsformen wurden mehrere Kopien genommen, eine davon kaufte 1886 Adolf Bastian, Direktor des Völkerkundemuseums, und stellte ihn prominent (und trocken) in den Lichthof des Museumsneubaus an der Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße).

Gipsformen und 3D-Scan

Die Gipsformen überstanden den Zweiten Weltkrieg, auf dieser Grundlage konnte für das 1970 in Dahlem eröffnete Museum für Indische Kunst ein Neuabguss in Kunststein angefertigt werden. Beim Umzug der Museumsschätze ins HuF blieb diese Replik vor der Cafeteria des Dahlemer Museums zurück.

Als der Beschluss gefasst war, eine neue Kopie, diesmal hochwertig in Sandstein für das Humboldt-Forum herzustellen, dienten die alten Gipsformen wieder als Grundlage: „Wir haben die Formen abgescannt und im Rechner einen digitalen Zwilling hergestellt“, sagte Hermann Graser, Chef der mit der Herstellung beauftragten Firma Bamberger Natursteinwerk.

Mainsandstein, rot wie aus Indien

Das Material, roten Mainsandstein, der dem indischen Original sehr nahekommt, fand man in Röttbach in Unterfranken. In die Blöcke wurden nach den digitalen 3D-Vorgaben die Figurengruppen vorgefräst und dann fein gemeißelt – mehr als zehn Bildhauer waren gleichzeitig mit dem detailreichen Werk beschäftigt. Auch zwei indische Spezialisten mit Kenntnis von buddhistischer Bildsprache und Werkzeugeinsatz, reisten an.

Eines der beiden Elefanten-Kapitele, die als nächstes auf die Torsäulen aufgesetzt werden. 
Eines der beiden Elefanten-Kapitele, die als nächstes auf die Torsäulen aufgesetzt werden. Sabine Gudath

Aus insgesamt 30 Einzelstücken wird das Tor zusammengesetzt, die ersten wurden bereits per Lkw nach Berlin transportiert und mithilfe eines Kranes auf der Lustgartenseite des Schlosses zusammengefügt. Der Rest liege „zu 95 Prozent fertig“ in Bamberg bereit, wie Hermann Graser versicherte. Man werde den Wunsch des Auftraggebers, bis Weihnachten fertig zu sein, erfüllen können.

1,6 Millionen Euro habe die neue Replik gekostet, sagte HuF-Technikvorstand Hans-Dieter Hegner, der auch die Standortwahl vor dem Wäldchen am Ort des einstigen Apothekenflügels vom Schloss erklärte: Hier störe das 150 Tonnen wiegende Steintor die unterirdischen Anlagen der großen Geothermieanlage nicht, die das Humboldt-Forum versorgt.

Das Publikum ins Haus locken

An diesem Platz werde das attraktive Tor dem vorbeiströmende Publikum sicherlich auffallen und mehr Besucher in die Ausstellungen locken. Viele Leute, vor allem Touristen, liefen noch am Schloss vorbei, ohne zu wissen, was drin ist, hat Hegner beobachtet: „Viele halten das Haus für ein Regierungsgebäude.“

Da wird dem Sanchi-Tor also die Funktion eines Werbeaufstellers übertragen. HuF-Vertreter nennen das „Brückenschlag“ oder „Scharnierfunktion“. Zur Klarstellung werden neben dem Tor dann Erklärtafeln aufgestellt, die auch Darstellungen des Tores in Sanchi in seiner originalen Umgebung zeigen.

So soll es aussehen, wenn es fertig ist: Das Sanchi-Tor zur Zwergenhaftigkeit geschrumpft.
So soll es aussehen, wenn es fertig ist: Das Sanchi-Tor zur Zwergenhaftigkeit geschrumpft.Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Träger einer völkervereinenden Friedensbotschaft, Weltkulturerbe, Maskottchen und Publikumswerbung – das ist recht viel verlangt von den mit Geschichten vom „unsichtbaren Buddha“ versehenen Steinen. Und tatsächlich stellt sich beim Betrachten der ersten Elemente an Ort und Stelle Mitleid ein: Da duckt sich ein am angestammten Platz sicherlich mächtig erscheinendes, kunst- und würdevolles, respektheischendes Steintor zwischen den beiden von goldenen Christenkreuzen beherrschten Monumenten des Preußenbarock, Dom und Schlossreplik, und schrumpft zu unverdienter Zwergenhaftigkeit. Es fremdelt in der kulturfremden Umgebung. Positiver drücken es die HuF-Vertreter aus: Ein Kontrapunkt soll es sein.

Hoffnung auf ein attraktiveres Schlossumfeld

Was gab es sonst Neues aus dem Humboldt-Forum? Die Führung des Hauses hofft auf baldige Verbesserung des viel beklagten Umfeldes. Die Gestaltung als Steinwüste mit bescheidenen Grünoasen war vor zehn Jahren aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Nun hofft man auf Geld zur „Auflockerung“ der klimatechnisch katastrophalen Schlossplatzseite. Und zuallererst: die Freigabe der längst beschlossenen Mittel für den Bau der Freitreppe zum Kupfergraben hin.