Berlin - Die zuständige Bezirksstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne) hat Verständnis für den offenen Brief gezeigt, mit dem der Personalrat des Bezirks Steglitz-Zehlendorf auf die Zustände im Jugendamt hingewiesen hat. In dem Schreiben, das die Gewerkschaft Verdi stellvertretend für die Beschäftigten verfasst hat, beklagen die Mitarbeiter Personalnot und stark gestiegene Fallzahlen. Der Kinderschutz in Steglitz-Zehlendorf sei nicht mehr gewährleistet.

Das bestreitet die Bezirksstadträtin zwar. Sie hält die Situation im bezirklichen Jugendamt jedoch ebenfalls für äußerst angespannt. Der Personalrat habe den Brief ohne jede Rücksprache herausgegeben, sagte Markl-Vieto, „aber in der Sache haben sie recht.“ Im Jugendamt wie auch in anderen Bereichen des Bezirks seien durch die Vorgaben des Senats in den vergangenen Jahren insgesamt 20 Prozent eingespart worden. „Das ist jede fünfte Stelle im Jugendamt.“

Woanders wird besser bezahlt

Gleichzeitig sei der Markt für Erzieher und Sozialarbeiter aber auch so gut wie leer gefegt – und andere Behörden und Bundesländer böten eine bessere Bezahlung. Eine neu eingestellte Sozialarbeiterin ohne Berufserfahrung erhalte im Bezirk etwa 1690 Euro brutto im Monat, in Brandenburg seien es 1837 Euro. „Da ist es doch kein Wunder, dass die jungen Leute abwandern“, sagte Markl-Vieto. Sie bestätigte auch die Schilderung des Personalrates, wonach immer wieder neue Mitarbeiter eingestellt würden, die bereits nach kurzer Zeit den Dienst quittierten. „Wir hatten vor einem Jahr 40 Stellen im Jugendamt frei“, so Markl-Vieto. Diese Stellen habe man alle besetzt. „Doch von 35 Stellen sind uns die Mitarbeiter wieder verloren gegangen, weil ihnen die Belastung zu groß war und auch, weil einige in Rente gegangen sind.“

Im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf arbeiten 301 Mitarbeiter, davon sind 117 Sozialarbeiter, 128 Verwaltungsangestellte und 23 Erzieher. Besonders angespannt ist die Lage im Bereich Kinderschutz. Hier gibt es 18 Beschäftigte in drei Regionen des Bezirks, die jedoch wegen Krankheit und Schwangerschaft dezimiert seien. „Oft müssen Mitarbeiter alleine statt zu zweit zu einem Kinderschutzfall gehen“, sagt Markl-Vieto. Im Bezirksamt, das am Mittwoch tagte, sei die Situation im Jugendamt kein Thema gewesen. „Der Brief hat uns erst gegen Mittag erreicht“, so die Politikerin. Allerdings sei man auch nicht in der Lage, für sofortige Abhilfe zu sorgen. „Wir können keine Hilfe sofort beschließen. Das ist etwas, wofür es in der nächsten Wahlperiode eine Lösung geben muss.“ Benötigt würde eine dem Jugendamt angemessene Ausstattung. Sie verwies darauf, dass Steglitz-Zehlendorf kein Einzelfall sei. Vor einem Jahr hatten Jugendämter unter anderem in Mitte weiße Laken aus den Fenstern gehängt, um auf die Überlastung der Mitarbeiter aufmerksam zu machen.

Kritik der Piraten

Die Zustände im Jugendamt sind im bezirklichen Jugendhilfeausschuss (JHA) in den vergangenen Jahren häufiger Thema gewesen. Für die Piraten sitzt dort der Verordnete Georg von Boroviczeny. Er kritisierte Markl-Vieto, dass es ihr fast ein Jahr nicht gelungen sei, die Leitungsstelle neu zu besetzen. Sie sei auch – wegen ihrer Ämterhäufung als Bezirksstadträtin für Jugend, Gesundheit, Umwelt und Tiefbau – mit den Aufgaben überfordert gewesen.

Wie bereits berichtet, haben die sogenannten Hilfen zur Erziehung (HZE) einen Anteil am bezirklichen Haushaltsdefizit. So gab es im Jahr 2015 eine Steigerung von etwa drei Millionen Euro gegenüber 2014. Für die Piraten – die einzige Fraktion, die keinen Bezirksrat stellen – ist es dennoch eine Frage der politischen Gewichtung des Bezirksamtes wie mit den Ressourcen im Bezirk umgegangen wird. „Viele Stellen im Jugendamt wurden erst viel zu spät oder noch gar nicht ausgeschrieben“, bemängelte der Fraktionsvorsitzende der Piraten, Eric Lüders.