Berlin - Corona zerrt an den Nerven. Vor allem junge Leute brauchen Möglichkeiten und Freiheiten, sich zu treffen, Spaß zu haben, Partys zu machen. Da dies in Clubs wegen der Pandemie auf absehbare Zeit weiter nicht möglich sein wird, drängt es viele in die Parks und Grünanlagen. Das führt immer wieder zu Lärm, Vermüllung und anderen Konflikten. Polizei und Ordnungsämter haben alle Hände voll zu tun. Gesucht werden jetzt in Berlin also Freiflächen zum Feiern. Doch wo sollen diese sein?

Ein Versuch – und nicht mehr – ist dabei das Programm Draußenstadt. Zusammen mit den Bezirken und der Club Commission hat der Senat 13 Areale identifiziert, an denen nachts und draußen gefeiert werden kann. Es ist eine Auflistung zumeist reichlich unwirtlicher Parkplätze, Brachen und Ödnisse – viele davon an der östlichen Peripherie der Stadt. Allerdings ist Draußenstadt noch nicht viel mehr als eine Idee. Es kann nicht vor August losgehen. Dann ist die Hälfte des Sommers vorbei.

Attraktiver als ein Park-and-Ride-Parkplatz in Heinersdorf oder eine struppige Wiese in der Wuhlheide könnte womöglich das Tempelhofer Feld sein. Bisher aber wird das 355 Hektar große Areal mitten in der Stadt zu Sonnenuntergang geschlossen. Eine Nutzung als Party-Ort ist damit unmöglich.

Als einer der Anrainer macht sich jetzt Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) zumindest für ein Ende des Dogmas stark, dass das Tempelhofer Feld unberührbar sei. Es sei widersinnig, eine so große Fläche so unzureichend zu nutzen, sagte der SPD-Politiker im Gespräch mit der Berliner Zeitung. 

Da auch Bürgermeister Hikel um die Beharrungskräfte rund um das Tempelhofer Feld weiß, nimmt er das betonierte Vorfeld vor dem Flughafengebäude in den Blick. Im Moment dient das eingezäunte Vorfeld als überdimensionale Vorfahrt zum Impfzentrum in den Hangars. An einer Ecke des Vorfelds gammeln Tempohomes für insgesamt 1000 Flüchtlinge ungenutzt vor sich hin. „Ich bin sehr dafür, dass man über die Öffnung des Vorfeldes des Flughafengebäudes spricht“, sagte der SPD-Politiker.

Tatsächlich ist auf dem Vorfeld in den vergangenen Jahren schon so einiges passiert. Zwischenzeitlich nutzte die Modemesse Bread and Butter auch das Areal, dasselbe tut regelmäßig die Fahrradmesse Velo. Von 2009 bis 2013 gastierte das zweitägige Berlin Festival auf dem Vorfeld. Zuletzt war es Austragungsort der Rennserie Formel-E mit elektrisch betriebenen Rennautos. Jetzt liegt es verwaist da.

Party auf dem Vorfeld des Tempelhofer Felds?

Für das betonierte Vorfeld könnte sich auch Mareike Witt eine Sondernutzung vorstellen. „Das wäre natürlich sinnvoll“, sagt die Sprecherin der Initiative 100% Tempelhof. Ganz anders sei das aber mit den übrigen rund 300 Hektar Grünflächen, durchzogen von Start- und Landebahn. Diese sollten geschützt bleiben, eine komplette Öffnung des Feldes sei keine Option, sagt Witt im Gespräch mit der Berliner Zeitung. So wie es jetzt sei, würden Naturschutz und Freizeit eben nicht gegeneinander ausgespielt wie anderswo.

Witt dreht den Spieß um. Gerade in der Pandemie habe sich bewiesen, wie wichtig das freie Feld sei. „Es ist ein riesiger Beitrag zur Entlastung anderer Grünflächen“, sagt Witt und verweist auf eine Zählung im Mai. Da hätten an einem einzigen Tag 70.000 Menschen das Feld besucht. „Das nimmt den Nutzungsdruck von anderen Parks.“

Mehr Bewegung ist zuletzt in die Aufhebung der pandemiebedingten Verbote von Outdoor-Veranstaltungen gekommen. So gab es Ende voriger Woche grünes Licht für die Demonstration zum Christopher Street Day. Am 24. Juli dürfen bis zu 20.000 Leute für Vielfalt und gegen Diskriminierung demonstrieren. Vor einem Jahr war das nur digital möglich. Auch der Marathon darf nach einem Jahr Pause wieder stattfinden - am Wahltag, dem 26. September, dürfen bis zu 35.000 Läuferinnen und Läufer starten. 

Es sei denn, die Delta-Variante macht all den vorsichtigen Lockerungen einen Strich durch die Rechnung.