Was an staatlichen Schulen verboten ist, erlaubt sich nun das katholische Canisius-Kolleg. Schulleiter Pater Tobias Zimmermann hat eine muslimische Lehrerin eingestellt, die im Unterricht ihr Kopftuch trägt. An staatlichen Schulen wäre das nicht möglich, weil das Neutralitätsgesetzes das Tragen religiöser Symbole verbietet. An einer elitären Privatschule wie dem Canisius-Kolleg ist das Kopftuch okay.

„Wir hatten mehrere Bewerber und haben uns bewusst für diese Lehrerin entschieden“, sagt Jesuit Zimmermann über die neue Kollegin, eine gebürtige Berlinerin, die das Mangelfach Mathe unterrichtet. „Ein Beispiel für gelungene Integration“, lobt Pater Zimmermann, der einen Zopf und einen Ring im linken Ohr trägt. Die Schule legt Wert darauf, Lehrer unterschiedlicher Herkunft zu haben.

Schüler sollen Vielfalt der Gesellschaft erleben

Die Vorgaben des 2005 beschlossenen Neutralitätsgesetzes empfindet Zimmermann als nicht mehr zeitgemäß. Gleichwohl: Um die junge Lehrerin vor zu viel Öffentlichkeit zu schonen, nennt Pater Zimmermann ihren Namen nicht. Stattdessen wird er grundsätzlich: „Wir schulden Schülern als Schule, dass sie die Vielfalt der Gesellschaft hier erleben und reflektieren können“, sagt der Kunst- und Religionslehrer. „Ein Teil des Bildungsproblems, das wir heute haben, ist, dass Schule den Entwicklungen hinterherhinkt.“

Sei es bei der Digitalisierung oder bei der Frage, wie mit Vielfalt, auch mit religiöser Vielfalt umzugehen sei, fügt er an. „Obwohl wir vordergründig in einer polyglotten Welt leben, kann das Wort „Palästina“ zu einer offenen Konfrontation in einer ansonsten harmonischen Wohngemeinschaft führen."

Die Schule muss ein Ort sein, an dem eine Auseinandersetzung geführt werden kann, „wie Leben eigentlich glücken kann, welche Werte das Leben prägen“, findet Zimmermann. Einen Universalzugang gebe es da nicht.„Schüler sollten am Ende des Tages eine freie Entscheidung fällen können.“ Das sei klassische Persönlichkeitsbildung. „Das Gegenteil ist der Verschonungspluralismus, der die Auseinandersetzung vermeidet“, sagt Zimmermann und meint das Neutralitätsgesetz.

Unter dem eher gottlosen Berlin leidet er: „Bestimmte Gruppen einer säkularen Gesellschaft in Berlin treten gegenüber Religionen so selbstbewusst auf, dass sie noch nicht einmal merken, wie ignorant sie sind.“ Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dagegen hat erst jüngst das Neutralitätsgesetz verteidigt. Nur so könnten die Schulen vor religiösen Konflikten geschützt werden.