Es ist eine unwirkliche Szenerie, die sich an diesem Mittwoch auf dem Breitscheidplatz, rings um die Gedächtniskirche, abspielt. Der Platz ist von Polizei, Feuerwehr und auch von zahlreichen Medienvertretern gesäumt. Unterdessen werden in dem kleinem Oktogonalbau neben der Gedächtniskirche etliche Zeugen vernommen.

Hier, wo vor bald sechs Jahren der Islamist Anis Amri mit einem LKW in den Weihnachtsmarkt raste und dreizehn Menschen tötete, wo noch die Fotografien der Opfer an den Terroranschlag erinnern, ist es erneut zu einem tragischen und schweren Vorfall gekommen. An diesem Nachmittag ist noch nicht klar, ob man sagen kann: erneut zu einem Verbrechen. Klar ist aber: Zum zweiten Mal raste ein Mann mit einem Auto in eine Menschenmenge.

Es ist 10.26 Uhr, als der 29-jährige Gor H. mit einem silbernen Renault Clio an der Ecke Kurfürstendamm/Rankestraße aus westlicher Richtung kommend in eine Gruppe von Menschen fährt. Nur wenige Schritte von den großen Betonklötzen entfernt, die ein zweites Attentat auf dem Breitscheidplatz verhindern sollten. Bei der Gruppe handelt es sich um 24 Schülerinnen und Schüler aus Hessen, 15 bis 16 Jahre alt, und ihre zwei Lehrer, die an diesem Morgen vor dem Levi’s-Store auf dem Bürgersteig standen.

Nachdem der Wagen die Menschen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit erfasst, setzt er seine Fahrt auf dem Kurfürstendamm in Richtung Wittenbergplatz unvermindert fort und kracht schließlich ins Schaufenster des Drogerieladens Douglas an der Ecke Tauentzienstraße/ Marburger Straße. Eine Person, vermutlich die Lehrerin der Schulklasse, stirbt noch am Tatort. Insgesamt werden sechs Menschen lebensgefährlich, drei weitere schwer verletzt.

Zeugenaussagen ergeben ein umfassendes Bild

Die Polizei gibt zum Tathergang bisher nur wenig bekannt. Man könne noch nichts zum Motiv sagen, erklärt Polizeisprecher Thilo Cablitz nur Minuten nach der Tat, man wolle in Ruhe das Mosaik der Tat zusammensetzen. Es könne sich um einen Anschlag gehandelt haben, sagt der Sprecher, es könne auch ein Verkehrsunfall gewesen sein. Der Fahrer könne sich in einer medizinischen Notlage befunden oder unter dem Einfluss von Medikamenten oder Drogen gestanden haben. Während sich die Polizei bislang bedeckt hält, sind die Aussagen der Zeugen am Morgen aufschlussreicher. Egal mit wem man spricht, jeder, der den Tathergang gesehen hat, sagt: „Es war zu 100 Prozent Absicht.“

Direkt nach der Tat herrscht um den Breitscheidplatz ein großes Durcheinander. In vielen Teilen Deutschlands sind Pfingstferien, viele Leute haben frei, nutzen die Zeit zum Shoppen. Auch 45 Minuten nach der Tat sieht man Menschen mit Einkaufstüten gelassen durch die Seitenstraßen schlendern. Viele von ihnen wissen noch nicht, was sich nur wenige Hundert Meter entfernt ereignet hat.

Kommt man dem Tatort näher, ändert sich das Bild. Auf der Terrasse des Burger-Ladens Peter Pane in der Rankestraße, nur 40 Meter entfernt, wo die Kriminaltechnik hinter einer weißen Plane die Spuren zu sichern versucht und mit Drohnen und Lasertechnik ein 3D-Modell des Ortes anfertigt, sitzen geschockte Augenzeugen, trinken Bier und ziehen nervös an ihren Zigaretten. Über ihre Erlebnisse können an diesem Morgen nur die wenigsten wirklich sprechen.

Ein Kellner am Kurfürstendamm sah alles aus nächster Nähe

Einer, der sprechen will, ist der junge Kellner der Osteria Ferri’s auf der anderen Straßenseite. Um kurz nach 10 Uhr hatte er gerade seine große Außenterrasse geöffnet, lehnte wie eigentlich jeden Morgen am Fenster und wartete auf Kundschaft. Der Mann will anonym bleiben.

Er habe alles genau gesehen, sagt er mit zittriger Stimme: „Das war wie im Film. Ich stehe da und höre plötzlich so ein gruseliges Geräusch. Ich dachte erst, da ist irgendein Dach runtergekommen.“ Während er das sagt, blickt er nach links auf den Kurfürstendamm. Von seinem Platz aus kann man auch jetzt noch alles genau einsehen. Ein großer verbeulter Mülleimer aus Blech liegt auf der Straße hinter der Polizeiabsperrung. Der Mann zeigt, welchen Weg der Renault Clio genommen habe. Es sei alles so unfassbar schnell gegangen, sagt er. Der silberne Wagen sei mit sicher 100 Kilometern pro Stunde über den Bürgersteig an ihm vorbeigerauscht. „Da sind die Körper nur so durch die Luft geflogen“, sagt er.

Der junge Mann reagierte geistesgegenwärtig: „Ich bin auf die Straße gerannt, da lag ein Mensch, voll mit Blut. Ich hatte ein paar Servietten dabei, keine Ahnung, wo ich die her hatte. Bei mir lief alles wie auf Autopilot ab, ich wollte, glaube ich, instinktiv helfen. Nach ein paar Augenblicken ist mir dann klar geworden, was passiert ist.“

AFP/Odd Anderson
Einsatzkräfte versorgen Verletzte an der Ecke Rankestraße/ Ku`damm.

Auch Kinder sind verletzt

Erst jetzt sah der Kellner das Ausmaß. Vor ihm lagen acht Menschen, wie er rekonstruiert: „Die lagen so komisch da, bei einem war die Brust unnatürlich gebogen, ich dachte, der ist tot.“ Die erste verletzte Person, der er hilft, ist ein junges Mädchen, vielleicht 14 oder 15 Jahre alt, mit gebrochenem Bein.

Der nächste Mann, dem er helfen wollte, lag in seinem Blut. Er habe versucht, ihm mit Wasser das Gesicht zu kühlen, sagt der Kellner. „Und dann bin ich zum kleinen Kiosk gegangen und habe die tote Frau gesehen, der Körper total entstellt. Katastrophal, ich wusste sofort, sie ist tot“, sagt der Mann. Er habe gleich an das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt denken müssen, auch da habe er Schicht gehabt: „Ich weiß noch, wir hatten Hirsch auf der Karte.“

Während er auf der Restaurantterrasse steht und erzählt, rauschen immer wieder Feuerwehrleute und Polizisten in die Osteria, um die Toilette zu benutzen oder einen Kaffee herunterzustürzen. Oder um zu prüfen, ob das Restaurant über Überwachungskameras verfügt.

Andere verfolgen den Täter

Der Inhaber des Restaurants erzählt später, dass er an diesem Morgen nur um ein Haar dem Tod entronnen sei. Während sein Kellner die Todesfahrt beobachtete, schlenderte der Chef den Kurfürstendamm hoch. Auch er hörte den Krach, drehte sich um: „Dann sehe ich das Auto, der kleine Motor völlig überdreht, auf der Motorhaube liegen zwei Menschen, und der fährt einfach weiter. Volle Absicht.“ Geistesgegenwärtig sei er in den kleinen Ladeneingang vor dem großen Levi’s-Store gesprungen. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, würde ich jetzt nicht mehr hier stehen.“

Während die einen die Opfer versorgten, verfolgten andere den Fahrer, nachdem dieser in den Douglas-Store an der Marburger Straße gekracht war. „Der ist sofort ausgestiegen und hat versucht, abzuhauen“, sagt ein Mann namens Ferhad. Er und weitere Passanten rannten ihm hinterher. Einer stellte dem Täter, einem kräftigen Mann im gelben T-Shirt und mit Glatze, ein Bein.

AFP/Odd Anderson
Das Auto des Täters, ein Renault Clio, am Ende der Amokfahrt im Douglas-Store an der Tauentzienstraße.

Was bleibt, ist die Frage nach dem Motiv

„Der war völlig außer sich“, sagt Ferhad, „hat immer wieder versucht, aufzustehen und weiterzurennen.“ Tatsächlich schaffte es der Täter auch, sich erneut loszureißen. Im Adidas-Store auf der gegenüberliegenden Straßenseite überwältigten die Passanten den Mann, indem sie ihn an eine Wand drückten, bis die Polizei eintraf.

Bleibt die Frage nach dem Motiv. War es wieder ein islamistischer Terroranschlag, ein Verkehrsunfall oder die schreckliche Tat eines Verwirrten? Am späten Nachmittag heißt es, die Polizei habe im verbeulten Fahrzeug ein Bekennerschreiben gefunden. „Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht“, sagt dazu Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) gegenüber AFP. In dem Auto seien jedoch Plakate mit Äußerungen „über die Türkei“ entdeckt worden. Nach Bild-Informationen soll der Fahrer polizeibekannt und wegen Eigentumsdelikten schon verurteilt worden sein. Gegenüber Bild legte sich ein Ermittler angeblich bereits fest: „Auf keinen Fall ein Unfall – ein Amokläufer, ein eiskalter Killer.“