Tänzerin Bella arbeitet unweit der Torstraße in einer Tabledance-Bar.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinWie ein Palast steht das ehemalige Kaufhaus Jonaß auf der Ecke von Torstraße und Prenzlauer Allee: sieben Stockwerke hoch, mit geschwungener Fassade. Über den Rand der Dachterrasse flattert Stoff von weißen Sonnenschirmen. Stolz trägt der Prachtbau die Nummer 1 einer Straße, die wohl jeder in Berlin kennt: Die Torstraße ist eine der wichtigsten Straßen im Bezirk Mitte, sie verbindet das Ende der Friedrichstraße mit dem Ende der Karl-Liebknecht-Straße, zwei Kilometer von West nach Ost und zurück, vierspurig, laut, dynamisch.

Das Kaufhaus Jonaß wurde Ende der 20er-Jahre an dieser Stelle im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet. Es hatte schon viele Herren: die jüdischen Gründer, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden, die Hitlerjugend, später das Politbüro der SED und das ZK-Institut für Marxismus-Leninismus der DDR.

Torstraße Nr.1 und ein Feeling wie in Mayfair: das Restaurant Cecconi's im Soho House Berlin.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Vor zehn Jahren zog hier das Soho House Berlin ein, ein Ort voll von metropolitanem Ehrgeiz. In dem Hotel übernachten Stars wie George Clooney oder Madonna; hinter den Mauern herrscht mal wieder Geheimhaltungspflicht. Interviewwünsche mit dem Hotelchef werden abgeschmettert, kommuniziert wird nur schriftlich. Besucher können höchstens im Restaurant Cecconi’s Pizza essen und sich über die Mischung aus Lounge-in-London und DDR-nostalgischem Ambiente wundern. Hier wächst zusammen, was nie zusammengehören wollte. Das Gebäude hält am Alten fest und verleibt sich das Neue gierig ein.

Die Torstraße hat die Wende besser überstanden als manch andere Straße in Berlin, weil sie sich – zumindest äußerlich – treu geblieben ist. Und sie hat die Wende schlechter überstanden, weil sie nicht zur Ruhe kommt: Ständig wechseln die Eigentümer der Häuser, hinter Gerüsten und Bretterwänden wird überall renoviert, die Straße ist aufgerissen, die Fassaden sind beschmiert.

Dennoch hat die Torstraße eine enorme Anziehungskraft. Wen immer man fragt: Jeder mag sie. Ihr nimmt man nicht übel, dass sie schmutzig und an vielen Orten hässlich ist. Sie ist trotzdem schön, denn sie ist an jeder Ecke anders und meistens überraschend. Sie ist Berlin total. Diesem Flair wollen wir nachspüren, die Stadt im Mikrokosmos von 234 Hausnummern neu entdecken.


Bei „Jünemann’s Pantoffeleck“: Reno Jünemann, Inhaber in 4. Generation, ist Orthopädiemeister und Torstraßenfachmann.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Direkt hinterm Soho House beginnt der typische Torstraßen-Kontrast von bombastisch und bescheiden. Vom Soho House bis zur Schönhauser Allee finden sich vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte wie ein Imkereifachhandel, hier und da ein Friseur und „Jünemann’s Pantoffeleck“.

Sein Besitzer Reno Jünemann ist Orthopädiemeister und Torstraßenfachmann. Der 48-Jährige wurde an der Straße groß und führt das Geschäft weiter, das sein Urgroßvater 1927 ein paar Häuser weiter eröffnete. Pantoffeln in drei Modellen und 18 Farben und Mustern fertigt und verkauft Jünemann vor allem an Stammkunden und Touristen. Der Laden hat es mit seinem Charme vergangener Tage in einige Reiseführer geschafft. Wer glaubt, dass echtes Handwerk ausgestorben ist, dem zeigt Jünemann gern die 84 Jahre alte Maschine, an der seine Mitarbeiter und er noch heute per Hand jede Filzsohle ausstanzen.

Der kleine Laden befindet sich im Souterrain der Torstraße 39. Wegen der immer teureren Mieten ist Jünemann hier gelandet und hofft, dass sein jetziger Vermieter noch lange derselbe bleibt. In manchem Geschäft an der Torstraße hat sich die Miete in den letzten Jahren fast vervierfacht. „In einem Kellerladen ist sie von 700 auf 2500 Euro gestiegen“, berichtet Jünemann.

Der ständige Wechsel der Ladeninhaber in der Nachbarschaft ist für den Pantoffelmacher Routine. Ein Geschäft wurde vom Berufsbekleidungsladen zum Imbiss, zum Café mit verschiedenen Besitzern, dann zum Asia Imbiss, jetzt ist es ein Bubble-Tea-Laden. „Und wenn man mal ein Jahr nicht drauf achtet, ist man überrascht, dass gegenüber ein großes Haus steht, denn vor kurzem war es ja noch ein Park“, sagt er.

Bodentiefe Bildschirm-Fenster: der Neubau des Suhrkamp Verlags von Bundschuh Architekten.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Jünemann spricht von der Suhrkamp-Zentrale, die sich auf einer Grünfläche zwischen Volksbühne und Torstraße am Rosa-Luxemburg-Platz breitgemacht hat. Das Gebäude mit den quadratisch anmutenden Glasfenstern drängt sich scheinbar an die Straße – es ist die Rückfassade, die sich dort präsentiert. Der Eingang wendet sich in Richtung Theater. Deshalb war der Verlag offenbar anfangs nicht sehr glücklich, dass die Adresse, die das Bezirksamt zuwies, Torstraße 44 lautet. Anscheinend hätte der Verlag die Adresse Linienstraße 34 bevorzugt, weil die Besucher von dort ins Haus kommen.

Die Beziehung zwischen Torstraße und Linienstraße ist eng, denn sie haben eine gemeinsame Geschichte. „Zwischen ihnen stand die Berliner Zoll- und Akzisemauer“, erklärt der Stadthistoriker Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Diese Mauer umfasste zwischen der Mitte des 18. und des 19. Jahrhunderts ganz Berlin.

Nur durch die 14 Tore in der Mauer konnten die Menschen die Stadt betreten und verlassen. Eine Anekdote besagt, so Hochmuth, dass der Philosoph Moses Mendelssohn 1743 um die halbe Stadt laufen musste, als er aus Dessau kommend nach Berlin zog. Als Jude musste er den Zugang durchs Rosenthaler Tor benutzen.

Die Akzisemauer diente auch dazu, die preußischen Soldaten einzusperren, die in Berlin stationiert waren, berichtet Hochmuth. In diesem Sinne sei sie ein unrühmlicher Vorläufer der späteren Berliner Mauer gewesen. Die damalige Thorstraße lag jenseits des Zoll-Walls vor den Toren Berlins, die Linienstraße hinter den Linien. Deshalb verlaufen beide Straßen parallel und in einem Bogen.

Als die Zollmauer gegen 1870 abgerissen wurde, dachten die Planer groß. Sie legten die Straße östlich vom Rosenthaler Platz in 40 Metern Breite an. Nach 1871 erinnerte der Name der Straße viele Jahrzehnte an die Angliederung Elsass-Lothringens nach dem deutsch-französischen Krieg – wobei auf zwei Straßenabschnitten jeweils einer Region gedacht wurde.

Die DDR widmete die Straße noch zu dessen Lebzeiten ihrem Präsidenten Wilhelm Pieck. Die Straße diente, wie Hochmuth sagt, dem Personenkult der SED – zumal das Politbüro in der Nummer 1 tagte.

Eine Berlinerin erinnert sich, dass die Straße in der Zeit der Teilung viele Besucher anzog, weil hier privat geführte Handwerksbetriebe ansässig waren. „Das Gebrauchtmöbelhaus, in dem ich damals eine sehr schöne Klappliege fand, ist jetzt weg“, sagt sie.

Reno Jünemann sieht noch die Panzer über die Straße fahren. „Vor den Paraden am 1. Mai sammelten sie sich direkt unter unserem Fenster“, berichtet er. Die Soldaten hätten zu ihm hoch und sein Bruder und er zu ihnen hinunter gewunken. „Das war für uns das Größte“, sagt er. Seine Schulkameraden hätten ihn beneidet. An der Torstraße zu wohnen, war etwas Besonderes.

Heute ist die Straße mehr und mehr zur Durchgangsstraße geworden. Durch ihre Breite verführt sie, sich dem Sog des Verkehrs hinzugeben. Die Autos sind laut, Motoren heulen auf, wenn die Ampeln auf Grün springen. Die Fahrer halten die Arme aus den Fenstern, um den Fahrtwind zu spüren. Die Torstraße – das ist Großstadt-Feeling.

„Wir bleiben bis um vier Uhr früh“: Partyvolk auf der Torstraße. Die Polizei trägt Maske, die Gäste eher nicht.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Dieser Lärm. Es ist eine Zumutung, hier zu arbeiten!“, schimpft ein Mitarbeiter des Ordnungsamts Mitte, der vorbeihastet und sonst nichts sagen will. Er kontrolliert, ob Läden und Restaurants die Corona-Bestimmungen einhalten. Es gibt hier eine bunte Mischung aus Secondhandboutiquen, in denen sich die Touristen mit Schick von gestern ausstatten, Labels wie Kickz, das Basketballmode verkauft, und viel Gastronomie.

Die Anrainer fürchten das Ordnungsamt. Niemand möchte namentlich zitiert werden, aber fast jeder berichtet von Kontrollen, bei denen vermeintliche oder tatsächliche Mängel festgestellt wurden. Erzählt davon, wie Ordnungsamt und Polizei sich widersprachen, dass die einen eine Strafe verhängten, die die anderen aufhoben.

Georg Hitzke gibt zu, schon einmal einen Rüffel bekommen zu haben, weil er die Abstandsregeln nicht im Blick hatte. Er hält am Sonnabend tapfer den kleinen Modeladen „Einhundert“ zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Rosenthaler Platz offen, obwohl es kaum Kunden gibt. In dem Geschäft hängt selbst genähte Mode in pastelligen Farben, die vor allem Skandinavierinnen gefällt. Kundinnen, die es jetzt nicht gibt. „Es wird sehr eng, was das Finanzielle angeht“, sagt Hitzke. Seine Frau wolle demnächst Nähkurse anbieten und eine Dozentenstelle annehmen.

Nur noch wenige Modegeschäfte sind auf der Torstraße zu finden, obwohl sie als zentrale Straße in Mitte ein idealer Ort fürs Shopping wäre. Die Torstraße trennt die Spandauer Vorstadt im Süden mit Galerien, Cafés und schicken Läden vom Viertel südlich der Brunnenstraße. Dort liegen Zionskirche und Arkonaplatz, ein Kiez, in dem es sich gut wohnt.

Doch die Torstraße profitiert davon nicht. Das drückt sich in vielen heruntergezogenen Rollläden aus. Zum Beispiel am Soto-Store. Das Herrenbekleidungsgeschäft ist „bis auf weiteres geschlossen“, wie die Website sagt. Auch der Adidas Concept Store No74 ist zu. Die „École Boutique“ hat schon vergangenes Jahr geschlossen.

Viel Designermode ist nicht mehr an der Torstraße zu Hause. Eins der wenigen Fashion-Geschäfte ist Kaviar Gauche, ein Berliner Label für Brautkleider. Das Hauptgeschäft liegt in der Linienstraße; in der Torstraße hängen die „Budget-Modelle“, die günstigen Modelle. Der Laden ist – wie viele Geschäfte – nur am Sonnabend geöffnet.

Zwei Frauen kommen herein, von denen eine demnächst heiratet. Jeanne, 36, ist Amerikanerin und hat wie ihre Freundin Sandra, 40, einige Jahre in der Torstraße gewohnt. „Die Straße ist toll“, verfallen beide ins Schwärmen. „Schön ist sie nicht, aber sie hat etwas von New York. Sie hat den Grunge“, sagt Jeanne. Das Vernachlässigte, auch das Kaputte – daraus entsteht die Berliner Patina.

Ein Bollwerk der Nachwendezeit: das Kunst- und Projekthaus Torstraße 111.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

An einem Ort der Torstraße ist dieser Mythos mit Händen zu greifen: Das Künstlerhaus an der Nummer 111 auf der gegenüberliegenden Straßenseite, unweit des Rosenthaler Platzes, hat es tatsächlich geschafft, seit der Wende, also seit mehr als 30 Jahren, den Sanierern zu entgehen.

„Wer unsere Schwelle übertritt, macht einen Jahrhundertschritt“, sagt Zeichner Ingo Fröhlich, der hier ein Atelier hat. An diesem Nachmittag zeigt das Haus die Ausstellung „A matter of touch“ – eine Frage der Berührung. Acht Künstler aus Europa und den USA stellen ihre Bilder aus: große und kleine Ölmalereien. Doch mehr als sie rührt das Haus den Besucher.

Hier ist das verwundete Berlin noch da, das Berlin, das den Ruf der Stadt begründet: In dem Hinterhof steht eine Ruine, an der die Zeit zehrt. Hier steht ein Haus ohne Dach, als hätten Wim Wenders und sein Team den Film „Der Himmel über Berlin“ erst gestern gedreht. Und Fröhlich hütet die Blöße wie einen Schatz.  Für einen Moment bleibt im Hinterhof die Zeit stehen.

Die Torstraße schwebt zwischen gestern und morgen. Hier findet gerade eine Metamorphose statt, deren Endpunkt noch unbekannt ist. Corona ist ein unwillkommener Katalysator.

Das Überleben an der Straße ist seit Jahren schwierig. Fröhlich berichtet, dass der Einzelhandel verschwindet. Das Schreibwaren- und das Künstlerbedarfsgeschäft, in denen er sich versorgt hat, sind zu. Früher hatte jede Ecke am nahen Rosenthaler Platz ihren Charme: „An der einen Seite war New York, an der anderen Barcelona, an der dritten London. Das war explosiv“, sagt er.

Eine frühere Anwohnerin berichtet von Einbrüchen. „Die Diebe kamen über die Höfe und nahmen Laptop und Schmuck“, sagt sie. Zum Einkaufen musste sie bis zum Rewe an der Schönhauser Allee, weil es nirgends einen Supermarkt gab. Mittlerweile wohnt sie in Pankow. Kürzlich sah sie eine Anzeige für eine Wohnung an der Torstraße, die ihrer alten glich. Die Kaltmiete war von 1200 Euro auf 1700 Euro gestiegen.

Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Mitte: „Wie lässt sich das alles zusammenbringen?“
Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Ich kann mir nicht vorstellen, wer hier gerne wohnen würde“, sagt Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, als er am Abend die Fassaden entlangblickt. Es ist zu laut, zu unwirtlich, um ein Zuhause zu schaffen.

Und als lebe hier tatsächlich niemand, den man stören könnte, erwacht die Straße in der Nacht zu tosendem Leben. Torstraße und Rosenthaler Platz sind zurzeit der angesagteste Ort in der Stadt. Junge Menschen bemächtigen sich dieses Fleckens, als sei es der Piccadilly Circus. Was dann passiert, ist nichts für die Eltern, auch nichts für die Stadtführer. Es ist Saturday night, die Nacht der Nächte.

Eine Open-Air-Speeddating-Show findet hier statt: Die Mädchen sind so sexy, wie enge Tops, Bauchfreiheit und Stretchhosen es ermöglichen, die Jungs fräsen die Bürgersteige in Sneakers und suchen mit den Augen nach Haltestellen. Masken? Abstand? Ja, geht es noch? Dann hätten wir zu Hause bleiben können.

Da sitzen drei junge Frauen im Sharlie Cheen, einer Bar, ein paar Meter in die Brunnenstraße hinein. Laura, Lisa und Rebecca sind aus Reinickendorf gekommen – endlich! Die zwei Studentinnen und eine angehende Polizistin waren seit dem Beginn der Corona-Krise nicht mehr im Zentrum, doch heute Nacht wollen sie es wissen. „Wir bleiben bis um vier Uhr früh“, sagt Laura.

Vor ihnen stehen Longdrinks mit Wodka oder Gin, die „Bangkok Bang“, „Naked and white“ und „Red Night District“ heißen. Der Kellner kommt alle paar Minuten, um zu gucken, ob die drei etwas brauchen. Doch was sie wollen, kann er ihnen nicht geben. Sie warten. Als zwei junge Männer fragen, ob sie sich dazusetzen können, beginnt das Spiel.

Über den Bürgersteig rauscht ein Meer junger Menschen. Und das, obwohl die Hostels an der Torstraße erst langsam wieder anlaufen. Die jungen Leute sind da, um sich zu holen, was Corona ihnen nimmt: den Urlaub, das Abenteuer, das wilde Leben.

Von Dassel schiebt sein Rad und scannt den Straßenausschank und die Innenräume der Lokale. Es gab schon einmal Stress wegen der Corona-Auflagen. Stress, der kurz davor war zu explodieren wie in Frankfurt oder Stuttgart. Polizisten, die Lokale kontrollierten und Versäumnisse monierten, wurden als „Bullenschweine“ beschimpft. Das lässt dem Bürgermeister keine Ruhe. Stadt der Freiheit und Einhaltung der Regeln. „Wie lässt sich das zusammenbringen?“, fragt von Dassel.

Die Corona-Regeln sind das heiße Thema unter den Wirten. Die legendäre Bar „Muschi Obermaier“ hat kürzlich geschlossen – wegen Corona, wie die Besitzer auf ihrer Facebook-Seite schreiben. „Der Ertrag steht leider nicht im erforderlichen Verhältnis zur Wirtschaftlichkeit“, heißt es gespreizt. Die Kneipenbesitzer sind zur Beachtung der Regeln verpflichtet. Wer sich daran hält, verzichtet auf Umsatz. Wer die Regeln bricht, kassiert ab und riskiert Bußgelder.

„Halt“ – von Dassel wirft sich einem jungen Mann in Bermudas in den Weg, weil der mit einem Elektroroller auf dem Bürgersteig unterwegs ist. Der Bürgermeister hält ihm seinen Dienstausweis ins Gesicht und der junge Mann lässt den Roller stehen. An diesem Abend ist die Stimmung gelassen.

Ein bisschen später fährt die Polizei im Mannschaftswagen vor der „Neuen Odessa-Bar“ vor und kontrolliert, ob die Corona-Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Sofort springen die Gäste von den Stühlen auf. In der lauen Sommernacht stehen sie und die Polizisten in Schutzkleidung voreinander. Schüchtern blicken beide Seiten zur anderen und hoffen, dass die Kontrolle schnell vorübergeht. Von Dassel beobachtet die Szene. Was wird aus der Straße?

13 Spätis gibt es inzwischen, berichtet er, „das ist nicht mehr als gesunde Entwicklung anzusehen“. Schuld sind die hohen Gewerbemieten, sagt er. „Diese müssten geschützt werden wie die Wohnungsmieten.“

Doch seine Forderung steht auf keiner politischen Tagesordnung. Und so übernehmen die Spätis die Ladengeschäfte. Darin drapieren die Mitarbeiter Flaschen in große Höhen. Von Dassel ärgern diese „Pyramiden“. Sie zeugen von den Massen, die den Inhabern ein Riesengeschäft bescheren; die Flasche Sterni geht für 80 Cent über die Theke. Die Gaststätten haben das Nachsehen.

Von Dassel befürchtet die „Ballermannisierung“ des Rosenthaler Platzes und der Torstraße. Er muss es nicht sagen, jeder kann es sehen: Das hat schon begonnen. Manche bringen Lautsprecher mit und machen auf offener Straße Partyzonen auf. Der Weinbergspark ist nah und das sommerliche Gras weich, wenn es schnell gehen muss.

Doch was wird aus den Anwohnern und Passanten, die es zwischen den Feierwütigen auch noch geben muss? Wo sind sie in dieser Nacht, in der der äußere Schein regiert?

Zaungast aus Alt-Friedrichsfelde: Heiko Zigretzki fällt im jungen Torstraßen-Gewühl aus dem Rahmen.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

Am Biertisch eines Spätis sitzt Heiko Ziaretzki und fällt aus dem Rahmen. Die Wangen des 52-Jährigen sind eingefallen, seine kleine Statur ist in Schwarz gehüllt. Um die Handgelenke und den Hals hat er Gebetsketten aus Tierknochen gelegt. Mit seinem Fahrrad sei er aus Alt-Friedrichsfelde gekommen, sagt er. Sein Dialekt weist ihn als Nicht-Berliner aus. Er kommt aus Kreuzlingen vom Bodensee, doch dort ist er weg, als seine Frau ihn vor Jahren verließ.

Er sagt, er sei Künstler, die Torstraße kenne er gut. Früher hat er in der Kneipe Schmittz Tischfußball mit Touristen aus Dubai gespielt. „Die trugen Armbanduhren für 20.000 Euro“, sagt er. „Wieso kauft sich jemand eine Armbanduhr für so viel Geld?“, fragt er vehement. Manchmal traf er die Kinder von Uwe Ochsenknecht oder H.P. Baxxter. Corona hat dem ein Ende gesetzt. Aber zur Torstraße kommt Heiko dennoch. Ein bisschen Leben atmen.

Die Bewegung entlang des Trottoirs hört nicht auf. Bis zum einstigen Café Burger geht es, nahe des Rosa-Luxemburg-Platzes. Hier begann die Party an der Torstraße in den Neunzigern mit der legendären „Russendisko“ des Schriftstellers Wladimir Kaminer; doch Tanz gibt es zurzeit nicht. Im Frühjahr wechselten die Besitzer und nannten den Club „Nachtleben“. Kurz nachdem sie aufmachten, schlossen die Clubs. Das Nachtleben blieb fern.

Die Mädchen- und die Jungs-Grüppchen mischen sich nach Mitternacht. Kommen die Nomaden zusammen? Die Stimmung ist aufgeheizt. Doch der 24-jährige David wiegelt ab. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt er, „die Mädchen wissen, was sie wollen.“

Um ein Uhr morgens sitzt der gebürtige Mongole auf einem Tennis-Schiedsrichterstuhl vor Berlins bekanntestem Coworking-Space Sankt Oberholz und blickt auf das Treiben am Rosenthaler Platz. Zu seinen Füßen küssen sich wild eine Frau und ein Mann mit Wodkaflasche in der Hand.

Hinter dem Platz wird die Straße ruhiger. Bis zum Oranienburger Tor gibt es nicht so viel Gastronomie und Geschäfte wie vorher, und doch zeigt die Straße hier noch einmal, was sie drauf hat: Zwischen der Hausnummer 167 und 180 liegen auf wenigen Metern gleich vier Spitzenrestaurants: das „3 minutes sur mer“, das „Bandol“, das „Frea“ und das „Noto“.

„Wenn’s mal bei einem keinen Platz gibt, findet man eventuell ein paar Schritte weiter einen Platz“, beschreibt „Noto“-Inhaber Jost Reichert die Vorteile davon, dass sich die Lokale in dem Bereich zwischen Berg- und Gartenstraße konzentrieren. Alle vier zögen Nutzen aus der Nähe von Politik, Start-ups und der kreativen Szene. Reichert renoviert gerade aufgrund eines Wasserschadens im Haus. „Wir konnten uns den Zeitpunkt leider nicht aussuchen, jetzt kurz nach dem Lockdown“, sagt er. Anfang September geht es wieder los mit der Abendkarte des „Noto“, die Bewährtes mit Neuem verbindet. „Unser Ziel ist es, unseren Gästen mit einer kreativen Küche die beste Auszeit der Woche zu bereiten“, sagt er.

Der Straße fühlt sich Reichert verbunden – schon des Namens wegen. „‚Noto‘ steht für North of Torstraße”, sagt er. Den Namen erfand der erste Besitzer, der inzwischen verstorben ist. Der Norden der Torstraße – so sollte der Kiez, in dem sein Laden lag, in Zukunft gerufen werden.

Die Bezeichnung hat sich nicht durchgesetzt. Noch nicht? Die Torstraße wehrt sich dagegen, in einer Abkürzung zu verschwinden. Ihr Endpunkt ist der Platz Oranienburger Tor, eine unwirtliche Kreuzung unweit vom Tacheles, dem einstigen Symbol für alternative Kunst in der Hauptstadt. Es ist, als falle die Straße an ihrem Endpunkt in sich zusammen. Hier ist nichts, woran der Blick des Besuchers sich festhalten kann. Doch, halt: An der Ecke Friedrichstraße liegt eine Brache. Es gibt Platz für Neues an der Torstraße.