Leere Betten: Pierre Ammon (l.) und Jörg Schöpfel in ihrem Hostel.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinDie Fenster sind verbarrikadiert. Schwarze Platten versperren den Einblick. „Lieber Senat“, steht in großen schwarzen Lettern auf der Fassade. Und dann, in Anlehnung an die Kinofilme aus der „Star Wars“-Reihe: „Hostel Du schließt, Miete Du willst, dunkle Seite Du bist“. Das Hostel EastSeven in Prenzlauer Berg war nach Kundenbewertungen eins der besten weltweit. Heute ist es Symbol für das, was in Corona-Zeiten von Berlin als Touristenstadt noch übrig ist.

Pierre Ammon und Jörg Schöpfel, Gründer und Betreiber, sitzen an einem Tisch in der Küche ihres 60-Betten-Hauses. An diesem Tisch sitzen normalerweise Gäste, reden, schnippeln Zutaten, kochen gemeinsam, erzählen sich ihre Berlin-Geschichten. Direkt neben dem Tisch stapeln sich Plastikboxen, in denen die Gäste Lebensmittel verstauen können, bis zur Decke. Die Boxen sind leer. Noch ein Symbol. Genau wie der verwaiste Garten, die leeren Betten, die unbenutzten Badezimmer. Man kommt sich vor wie in einem Geisterhaus.

Zurzeit hat das Hostel genau zwei Gäste, mehr als zehn sind es fast an keinem Tag. Die beiden Chefs haben ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und machen alles selbst: Empfang, kochen, putzen, Zimmer sauber machen. Die Miete, jeden Monat ein fünfstelliger Betrag, zahlen die Hostelbetreiber nicht. Können sie nicht. Bei den Schulden, wenn sich nichts tut, sind sie bald pleite. 

Das Hostel ist ein relativ neue Erfindung. 1980, zu der Zeit, als die beiden Hosteliers ihre Abifahrten unternommen haben, gab es so etwas wie das EastSeven noch gar nicht. Es gab Jugendherbergen. Aber nicht diese Art zu reisen, die sich mit der Corona-Krise ebenfalls erst mal erledigt hat: mit dem Rucksack in den Billigflieger, schnell und unkompliziert irgendwo hin, Hauptsache weit weg und nicht teuer.

Keine Lust zum Reisen

Hostels gibt es in Berlin seit Anfang der 90er-Jahre. Pierre Ammon und Jörg Schöpfel haben ihres 2005 aufgemacht, zwei Quereinsteiger in der Tourismusbranche – der eine studierte Architektur, der andere Geografie – , die aus ihren eigenen Reisegewohnheiten eine Geschäftskonzept gemacht haben. Sie nennen es: Generation Lonely Planet. Mit dem gleichnamigen Reiseführer in der Hand erkundeten sie Anfang der 90er-Jahre die Welt. „Man kam irgendwo an, und da stand dann in dem Buch, du gehst drei Blocks rechts und da findest du eine wunderbare Herberge. Dieses Konzept hat sich später ins Internet übertragen“, sagt Jörg Schöpfel.

Er kommt aus Hessen, Pierre Ammon ist Berliner. Prenzlauer Berg war ihre erste Wahl. Die erste Sanierungswelle war durch. „Aber es sah noch ziemlich wüst aus. Graffiti, Einschusslöcher in den Fassaden, illegaler Wohnraum. Unsere amerikanischen Gäste sind immer in der Mitte der Straße gelaufen, weil die alten Ost-Laternen so duster waren“, sagt Jörg Schöpfel. 

Das EastSeven war einmal eine Kleiderfabrik. Inge Müller, die spätere Schriftstellerin und Ehefrau des Dramatikers Heiner Müller, soll nach dem Krieg in dem Haus bei Aufräumarbeiten verschüttet worden und drei Tage lang zusammen mit ihrem Hund unter Trümmern gelegen haben. Später ging das Haus an die Wohnungsbaugesellschaft „Wir in Prenzlauer Berg“, bis die Gewobag die ganze Gesellschaft mitsamt ihrer Immobilien übernahm. Somit gehört das Haus heute im Grunde der Stadt.

Wenn Jörg Schöpfel und Pierre Ammon von ihrer Anfangszeit erzählen, wie sie das Haus Anfang der 2000er-Jahre entdeckten und ausbauten, ist das auch eine Geschichte über die Entwicklung des Berlin-Tourismus nach der Wende. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Seit sie aufgemacht haben, hat sich alles verändert. Von Jahr zu Jahr kamen mehr Touristen, wurden immer mehr Betten aufgestellt. Irgendwann gab es Konflikte zwischen den jungen lärmenden Touris und den Nachbarn, die abends ihre Ruhe haben wollten.

Trotzdem ging es immer weiter aufwärts. Anfangs kamen Amerikaner und Europäer, später auch Inder, Thailänder, Brasilianer, Afrikaner. Reisen wurde immer billiger und globaler, ein Lifestyle der gebildeten Mittelschicht und der Studenten auf dem gesamten Globus. Die Infrastruktur der Stadt passte sich an. Englisch stand nun an BVG-Automaten und in Museen. Das war früher undenkbar.

Berlin war ein Must-go

Pierre Ammon und Jörg Schöpfel sagen, das Zusammenleben mit den Gästen habe sich eher nach einer großen Wohngemeinschaft angefühlt, als nach Billighotel mit 12 bis 30 Euro pro Übernachtung. Mit ihrem Hostel haben sie einen Ort geschaffen, wie sie ihn selbst gern auf ihren Reisen vorgefunden hätten. Keine Schulklassen, keine großen Gruppen, die meisten Gäste sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Bis Anfang des Jahres ging es im EastSeven immer nur aufwärts. Berlin war ein Must-go und das Eastseven „the place to stay“.

Dann kam Corona. „Anfang März waren wir noch voll. Eine Woche später mussten wir zu machen“, sagt Pierre Ammon.

Das Land Berlin ist härter als private Vermieter, die sich oft auf Kompromisse einlassen, weil sie sonst keinen Mieter mehr haben.

Hostelbetreiber Jörg Schöpfel

Sie haben viel probiert, Soforthilfe beantragt und 15.000 Euro bekommen. Entschädigungsansprüche bei der Versicherung geprüft, aber nicht bekommen. Die Hilfskräfte mussten sie entlassen. Sie zahlen sich selbst keinen Lohn aus. Sechs Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Für die Miete ist einfach kein Geld da. Mit Gesprächen kamen sie bei ihrem Vermieter nicht weiter. Und verschulden wollen sie sich in der derzeit unsicheren Lage nicht. Ab Juli wollen sie vielleicht die Hälfte zahlen. Es wird wohl zu einem Rechtsstreit kommen. „Das Land Berlin ist härter als private Vermieter, die sich oft auf Kompromisse einlassen, weil sie sonst keinen Mieter mehr haben“, sagt Jörg Schöpfel.

Die beiden Hostelbetreiber sind mit ihren Sorgen in Berlin nicht allein. Zeev Rosenberg betreibt das Boutique Hotel i31 an der Invalidenstraße. Neulich hat er seinen Frust über den Berliner Senat bei Facebook gepostet. „Dieser Berliner Senat tut alles, um dem Tourismus und der Hotellerie zu schaden“, schrieb er. Anstatt der Branche das Leben in diesen harten Zeiten leichter zu machen, bestehe man auch noch auf der City Tax. Dass die Übernachtungssteuer weder gestundet noch ausgesetzt werde, sieht er als Zeichen von Untätigkeit und Sturheit.

Ruft man ihn an, holt er tief Luft und wirft dann der Stadt vor, „nur Sprüche zu klopfen“. „Wir dümpeln hier bei 15 bis 30 Prozent herum. Es ist unerträglich, was die uns antun. Wir brauchen Unterstützung, aber Pop und Müller scheren sich einen feuchten Dreck um uns“, sagt er. Und dann spricht er lange über das, was er von der Wirtschaftssenatorin und dem Regierenden Bürgermeister erwartet, nämlich ein Zeichen der Anerkennung für all das, was die Branche gerade leistet, ohne zu wissen, ob sie überhaupt eine Überlebenschance hat.

„Wir machen alles mit, Aufkleber auf dem Fußboden, 1 Meter fünfzig Abstand an Tischen, Papierservietten statt Stoff, das sind Müllberge. Wir haben viel höhere Kosten für die Entsorgung. Aber wir erwarten dann auch, dass der Staat was gibt. Helft doch mal mit Kleinigkeiten“, sagt er. Eine solche Kleinigkeit wäre für ihn der Erlass der City Tax.

Es sieht finster aus für den Berlin-Tourismus. „Katastrophal“, sagt Thomas Lengfelder, der Chef des Branchenverbands Dehoga, am Telefon, und schickt zum Beleg gleich eine aktuelle Statistik. Um 80 Prozent ist das Geschäft mit der Beherbergung in diesem Jahr eingebrochen. 800 Hotels gibt es in der Stadt. Sie bieten 150.000 Betten. Aber nur zwanzig Prozent sind aktuell belegt.

90.000 Arbeitsplätze im Gastgewerbe 

Sofort stellt sich die Frage, wie viele es unter diesen Bedingungen nächstes Jahr noch sein können. „Es kann einem Angst und Bange werden. Wenn noch mal alles geschlossen werden muss wegen Corona, muss man kein Prophet sein, um zu sagen, dass die meisten Hotels das nicht überleben können“, sagt Lengfelder. Auf 30 bis 40 Prozent des Vorjahresumsatzes werden die Hotels am Ende des Jahres vielleicht kommen, glaubt er. Aber nur, wenn alles gut läuft. Wenn sich alle an die Abstandsregeln halten und es keinen zweiten Lockdown gibt. Es geht ja auch nicht nur um die Touristen und die Hotelbetreiber. 90.000 Menschen arbeiten im Gastgewerbe. Tatsächlich sind aber viel mehr Menschen davon abhängig.

Lengfelders Verband versucht mit einem runden Tisch beim Senat finanzielle Hilfen für all jene Betriebe zu erreichen, die bisher nicht von Soforthilfen profitieren konnten. Mietnachlass in Immobilien, die dem Land gehören. Den Vorschlag aus dem Hotel an der Invalidenstraße, die City Tax auszusetzen, findet er gut. „Einfach kippen“, sagt er. Sinnlos sei die Steuer sowieso, wenn nichts geht, ein Bürokratiemonster. Es wäre eine Geste, ein Anfang.

Tatsächlich ist es ja auch kein Wunder, dass zurzeit so wenig Touristen in der Stadt sind, denn das Reisen ist von Unbehagen und Ungewissheit begleitet. Gibt man im Internet die Stichworte „Reisen aktuell“ ein, wird gleich unter den ersten Einträgen eine Warnung der Bundesregierung angezeigt: „Von neuen Reiseplanungen sollten Verbraucherinnen und Verbraucher aufgrund der andauernden Corona-Pandemie derzeit absehen.“ Der Eintrag ist von Anfang Mai.

Berlin wirbt mit Entspannung und Sicherheit 

Ob dagegen die aktuellen Kampagnen der Berliner Tourismusmarketing-Gesellschaft Visit Berlin ankommen?

Man werde sich auf den deutschen Markt konzentrieren, hatten Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker in der vergangenen Woche verkündet. Sie versuchen mit der Ostsee zu konkurieren und werben mit der tollen Natur, die man auch in der Großstadt erleben könne. Die Kampagne ist ein Versprechen von Entspannung und Sicherheit und die Hoffnung auf eine rosige Zukunft, klingt aber auch ein bisschen verzweifelt. Tourismusmarketing in Corona-Zeiten ist ein Spagat zwischen Vollgas und Vollbremsung. Klassische Museen werden mit besonders intensiven Erlebnismöglichkeiten beworben, weil keine anderen Touristen stören. Und der Blick in die Zukunft gleicht dem Blick in die Glaskugel. Wie wirken sich neue Lockdowns wie in Gütersloh und Schlauchboot-Partys auf Berliner Gewässern aus? Was wird aus dem nachhaltigen Tourismus?

Burkhard Kieker glaubt schon, dass das zu erreichen ist, aber es werde vielleicht zwei bis drei Jahre dauern, sich zu erholen. „Die Zahlen des vergangenen Jahres werden wir so schnell nicht wieder erreichen. Wir gehen anders aus der Krise, als wir hineingegangen sind. Das Erste, das wir vermitteln müssen ist Sicherheit“, sagt er. In nächster Zukunft würden sich weniger Menschen Reisen leisten können und stärker überlegen, wie sie verreisen. 

Im Grunde sagt er dasselbe wie die Betreiber des Hostels EastSeven. Auch Pierre Ammon und Jörg Schöpfel glauben, dass es Reisen nach Corona wieder geben wird. Es werde aber dauern, sagt Pierre Ammon und das vielleicht sehr lange. Es hängt von den äußeren Umständen ab, vom Impfstoff, von erschwinglichen Preisen für Flüge, vom Einkommen nach Corona. Gerade die Zielgruppe des Hostels, junge Leute, die ihre Reisen oft durch Servicejobs im Tourismus finanzieren, werden wohl lange kein Geld zum Reisen haben. „Und ob es uns dann noch gibt, ist eine ganz andere Frage.“

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