Brav folgten die meisten Berliner in der U-Bahn der Aufforderung zur Vermummung.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDer Befund fällt eindeutig aus. Wer am Montagvormittag in Berlin Bus, U-Bahn oder S-Bahn gefahren ist, wird mehrere Beobachtungen gemacht haben: Es war immer noch vergleichsweise leer in den öffentlichen Verkehrsmitteln – und die meisten, die dennoch fuhren, trugen Masken. Offenbar reicht eine Pflicht, ohne mit einem Bußgeld zu drohen. Und offenbar stehen immer noch die meisten Menschen hinter der Corona-Eindämmungspolitik. Der nächste Pflichteinhalte-Test dürfte schon in den nächsten Tagen folgen, wenn es eine Maskierungspflicht auch in Geschäften gibt.

Helga Podrubin hat sich schick gemacht. Die 68-Jährige, die am Montagvormittag von Zehlendorf aus mit der S-Bahnlinie 1 in die Innenstadt fährt, trägt eine schwarz-weiß gestreifte Maske zum schwarz-weiß gestreiften Oberteil. „Ich habe fünf verschiedene Masken, für jeden Wochentag eine“, erzählt sie fröhlich der Berliner Zeitung, „in verschiedenen Farben und mit verschiedenen Mustern“. Vor einigen Wochen habe sie angefangen zu nähen, für sich selbst und für Freundinnen. Sie findet die Maskenpflicht richtig, auch in Geschäften. „Schon aus Respekt gegenüber den Verkäuferinnen“, wie sie sagt. Doch erst jetzt, da es mit der Tragepflicht ernst wird, fange sie an zu üben. Erste Erkenntnis von Helga Podrubin: „Es ist nicht leicht, so zu atmen, dass die Brille nicht beschlägt. Aber es wird besser.“

Katharina Lampe ist in der Stadtbahn auf der Weg zur Arbeit. Die junge Frau aus Lichtenberg hat sich trotz des schönen Wetters einen Schal umgelegt, eine Maske hat sie nicht. Damit ist sie die einzige im auffallend dünn besetzten S-Bahnwagen. Im Gespräch wird die Zwiespältigkeit der bußgeldlosen Pflicht deutlich. Sie finde eine Maskenpflicht „prinzipiell richtig“, erzählt die 26-Jährige. Aber sie wisse auch, dass ein Schal genauso ausreiche, und legt ihn sich demonstrativ um. „Damit fühle ich mich wohler“, meint sie, ehe sie aussteigt. Sie wolle selbst entscheiden und sich nicht zwingen lassen, sagt sie.

Helga Podrubin und Katharina Lampe haben die Bedeckungsfrage individuell beantwortet. Beide haben Mund und Nase bedeckt, damit sie im Falle eines Falles niemanden anstecken. Beide Frauen sagen aber auch, dass sie keine der rund 150.000 Masken in Anspruch nehmen wollen, die der Senat dieser Tage kostenlos an „Bedürftige“ verteilen will, wie es eine Senatssprecherin ausdrückte.

Erst am Freitag wurde bekannt, dass die Bezirksämter dafür zuständig sein sollen. Aber wie sollen die Masken unter die Leute kommen? Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst kann am Montagvormittag immerhin melden, dass die ersten 4000 Senatsmasken angekommen sind. Weitere 4000 sollten im Laufe des Tages folgen, noch einmal 4000 im Laufe der Woche. Das macht 12.000 Masken – Lichtenberg hat fast 300.000 Einwohner. Mehr noch als die geringe Stückzahl ärgert Linke-Politiker Grunst „die schwierige Kommunikation mit der Senatsebene“, wie er es nennt. „Wir haben erst spät von der wirklich sinnvollen Maßnahme erfahren.“ Die Verteilung solle spätestens ab Mittwochmorgen im Rathaus an der Möllendorffstraße beginnen.

Stylish: Helga Podubrin trägt Maske passend zum Top.
Foto: Markus Wächter

Da sind die Kollegen aus Charlottenburg-Wilmersdorf schon weiter. 4000 Masken seien am Montagmorgen angeliefert worden, berichtet Arne Herz (CDU), Stadtrat für Bürgerdienste. Diese Masken wurden auf das Rathaus Charlottenburg an der Otto-Suhr-Allee und das ehemalige Rathaus Wilmersdorf am Hohenzollerndamm verteilt. Dort sei es Aufgabe der Pförtner beziehungsweise des Sicherheitsdienstes die Masken auszuhändigen, „nach Augenmaß, aber ohne Kontrolle“, so Herz. Maximal zwei Stück pro Bedürftigem.

Nils Busch-Petersen wird froh sein, keine Bedürftigkeitsentscheidung nach Augenmaß treffen zu müssen. Dennoch richtet sich der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Berlin-Brandenburg darauf ein, dass schon in den kommenden Tagen eine Maskenpflicht für Geschäfte eingeführt wird – auch in Berlin, als letztem der 16 Bundesländer. Der Senat will auf seiner Sitzung am Dienstag beraten.

„Wir sind nicht überrascht, wenn es so kommt“, sagt Busch-Petersen. Im Gegenteil begrüße es die Branche sogar sehr, wenn ab demnächst auch in Läden Mund und Nase zu bedecken seien. „Aber das gilt nur für die Kunden“, schränkt Busch-Petersen ein, für Verkäuferinnen und Verkäufer dürfe es eine solche Pflicht nicht geben. Schließlich sei das Personal schon vielfach durch den Einbau von Plexiglasscheiben geschützt. Und ähnlich wie im Nahverkehr sei auch in den Läden jeder selbst für seine Maske verantwortlich, sagt der Branchensprecher. Weder würden Ladeninhaber Masken ausgeben, noch das Tragen kontrollieren. „Wir machen keine Polizeiarbeit“, sagt er.

Vor allem aber hofft Nils Busch-Petersen auf bessere Geschäfte. Das erste Wochenende nach dem Lockdown sei jedenfalls „bescheiden“ gelaufen, sagt er. „Wir haben aber auch mit nichts anderem gerechnet.“ Es sei das eingetreten, was die Politik wolle, nämlich eine gewisse Kaufunlust. Kaum jemand sei flaniert. Stattdessen hätten die Kunden diszipliniert vor den Geschäften angestanden, Shopping-Laune mache sich so nicht breit. Und eine Maskenpflicht sei kein Signal für ein Ende der Einschränkungen. „Wir fürchten, dass das noch länger weitergehen wird“, so der oberste Handelslobbyist der Region. Die Gefahr von Geschäftsaufgaben und Insolvenzen sei weiter akut.