Wie entstand die Berliner City? Was geschah, als sich Friedrich- und Dorotheenstadt von gemütlichen Quartieren mit kleinteiliger Bebauung und nahem Beieinander von Arbeiten und Wohnen in das Regierungs-, Geschäfts- und Vergnügungsviertel einer Weltmetropole verwandelte? Man ahnt den dramatischen Umbruch, aber was passierte da genau – mit den Menschen, den Häusern? Durch 70 Jahre zog sich fortwährender Wandel. Gegen diesen Sturm erscheint heutige Gentrifizierung als laues Lüftchen .

Als Berlin 1871 auch Reichshauptstadt geworden war, begann hier, was auch andere europäische und amerikanische Städte erlebten: Industrialisierung, Kommerzialisierung, Expansion der Verwaltung. Alles musste groß sein, effektiv funktionieren und jedenfalls repräsentativ daherkommen. Das geschah in London, Paris oder New York; Berlin erlebte es am heftigsten im Vergleich zu anderen deutschen Städten, fast mit amerikanischer Wucht – aber in mancherlei Hinsicht doch anders.

Nachzulesen ist das in David Kosers Buch „Abbruch und Neubau – Die Entstehung der Berliner City“. Ein ungewöhnlicher Band, schließlich kommt es nicht oft vor, dass eine Doktorarbeit in der vorgelegten Form ein größeres Publikum erreicht und interessiert. Aber Druckkostenzuschuss und Unterstützung durch das Berliner Landesarchiv beförderten mit der üppigen Ausstattung eine Arbeit in die Öffentlichkeit, die Aufmerksamkeit verdient. Es ist ein Buch für Berliner, die ihre wilde Stadt verstehen möchten.

Gnädige Frau auf Shopping

Der Architekt und Bauhistoriker Koser zerlegt die Zeit des Umbruchs in den beiden, um 1700 westlich des alten Stadtkerns entstandenen Neustädten in sieben Dekaden, die er, gestützt auf zeitgenössische Bauakten, Akten der Feuerversicherung, Adressbücher und Fachliteratur analysiert. Faszinierende Fotos führen in Straßen, die wir kennen und doch nicht wiedererkennen. Zugleich bekommt der Leser und Betrachter einen Kursus Architekturgeschichte verabreicht. Eine besondere Leistung stellen ausfaltbare Karten dar, die die wichtigsten Stadt-Veränderungen grafisch verständlich machen.

Verwalten, verkaufen konsumieren – das macht die City aus. City ist dort, wohin alles drängt, weil dort schon die anderen sind. Gleich zu Beginn beschreibt ein Zitat des Statistikers Sigmund Schott von 1907 anschaulich die Antriebskräfte: „Im Herzen der Stadt muss sich festsetzen, wer über einen lokalen Kundenkreis hinaus an die Klienten aus allen Stadtteilen sich wendet, wer von der shopping gehenden gnädigen Frau einen Auftrag erhaschen und die einströmende Landbevölkerung versorgen möchte.“

Ein Merkmal der Citybildung ist der Verlust an Wohnbevölkerung. In Berlin setzte die Abwanderung langsam ein. Um 1880 gehörte die Innenstadt noch zu den beliebten Wohnlagen der Bessergestellten und Neuaufsteiger; massiv setzte die Verdrängung 1881 ein. Im folgenden Jahrzehnt wurden 885 Grundstücke neu überbaut – 41 Prozent. Sigmund Schott schrieb: „Überall weicht die menschliche Heimstatt dem Wettbewerb der Geschäftsräume.“ Anstelle von Wohnungen entstanden Bankpaläste, Kaufhaustempel, Hotels, Regierungsgebäude, Museen, Hochschulen, Anwaltskanzleien, Fachgeschäfte. Abends lagen die Prachtstraßen menschenleer da. Das gehobene Bürgertum wanderte an die Stadtränder ab – meist Richtung Westen.

Als Motor des Wandels wirkte der freie Markt. Private, meist individuelle Akteure trafen ihre Entscheidungen im Sinne hoher Bodenrendite. Man suchte den jeweils günstigsten Geschäftsstandort. Boom- und Stagnationsphasen wechselten einander ab, Immobilienhypes folgten -blasen. Im Normalfall gönnte man sich Architekten von Rang; die damalige Vielfalt überrascht – zumal im Vergleich zu heutiger Investoreneinfalt. Man achtete neben der Rendite auf das Prestige.

Ist eine neue Vielfalt möglich?

Geradezu grundstürzend wirkte die Neuparzellierung: Einst kleine, benachbarte Grundstücke wurden aufgekauft, zusammengelegt und massiv bebaut. Die Hauptverwaltung der Deutschen Bank erstreckte sich 1940 schließlich über 47 Grundstücke. Für Umnutzung und Umbau entschieden sich die Eigentümer selten. Abriss und Neubau wurden klar bevorzugt. Im gesamten Zeitraum (1871-1940) wurden 230 Grundstücke zwei- oder gar dreimal neu bebaut.

Zu den Berliner Besonderheiten gehörte das große Ausmaß gewerblicher Nutzung in der City: So waren 1939 fast 40 Prozent der dort Beschäftigen herstellend tätig – im Konfektions- und Zeitungsviertel, in der Film-, Schmuck- oder Instrumentenbranche sowie anderen Bereichen mit großer Wertschöpfung und hohem Exportpotenzial.

Zwei Drittel ihrer Bevölkerung hatte die Berliner Geschäfts- und Regierungsstadt im Zuge ihrer City-Werdung verloren. Seither sind wieder Wohnhäuser entstanden.

Doch was, wenn die Zeit der City überhaupt vorbei wäre? Wer braucht monumentale Banken und Kaufhäuser konzentriert in der Innenstadt, wenn doch Geschäftsabwicklung wie private Einkäufe ins Internet abwandern und ganz neue Anforderungen an die City stellen? Schließen dann Malls und ziehen dort Sportstudios für immer gesünder Lebende ein? Wird die City wieder kleinteilig und kehrt die Wohnbevölkerung in erheblicher Zahl zurück?

Was wenn große Verwaltungspaläste nur die Flexibilisierung behindern? Sollte etwa Vielfalt die neue Monumentalität werden?