Im Gespräch mit Bürgern und Bürgermeisterin: „In welcher Stadt wollen wir leben?“

Vor einer Diskussion mit der Regierenden Bürgermeisterin Berlins will die Berliner Zeitung wissen: Welches Wort beschreibt die Stadt? Und wie kann sie besser werden?

Sabine Friese (54), Verkäuferin aus Ahrensfelde, bei der Umfrage am Alexanderplatz: „In welcher Stadt möchten Sie leben?“ Ihre Antwort: Vor allem in einer sauberen Stadt.
Sabine Friese (54), Verkäuferin aus Ahrensfelde, bei der Umfrage am Alexanderplatz: „In welcher Stadt möchten Sie leben?“ Ihre Antwort: Vor allem in einer sauberen Stadt.Sabine Gudath

„Dreckig“ – das ist das Wort, das die meisten Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung verwenden, wenn sie die Stadt Berlin in einem Wort beschreiben sollen. Das ergibt eine Online-Umfrage auf der Plattform Instagram, die nicht repräsentativ ist – aber doch etwas erzählt über die Menschen dieser Stadt und ihr Gefühl für ihren Wohnort. Von den etwa 400 Antworten, die die Berliner Zeitung in kürzester Zeit auf ihre Frage bekam, wählten 68 dieses Wort „Dreckig“. Auf Platz 2 landete „Chaos“ mit 61 Nennungen und „Vielfältig“ (40). 

„Dreckig“ ist auch das Wort, das Sabine Friese einfällt, wenn sie Berlin beschreiben soll. Wir treffen sie am Montag am Alexanderplatz. Es stört die 54-Jährige fast jeden Tag, wie schmutzig diese Stadt ist. Handlungsbedarf sieht sie vor allem an den Brennpunkten am Rande Berlins wie etwa Ahrensfelde, wo sie selbst wohnt und als Verkäuferin arbeitet. „Von dem nächsten Bürgermeister erhoffe ich mir mehr Sozialpolitik für alleinstehende Mütter,“ sagt sie. „Es muss einen öffentlichen Nahverkehr bis an die Wohngebiete am Stadtrand geben.“ Für die Wahlwiederholung hat sie sich vorgenommen, dasselbe zu wählen wie 2021 – eher links.

Berlin, Deutschland: Umfrage zu „In welcher Stadt wollen wir leben?“ auf dem Alexanderplatz mit Peter, (74), Rentner aus Spandau.
Berlin, Deutschland: Umfrage zu „In welcher Stadt wollen wir leben?“ auf dem Alexanderplatz mit Peter, (74), Rentner aus Spandau.Sabine Gudath

Doch beileibe nicht alle, die die Berliner Zeitung am Montag auf dem Alexanderplatz trifft, wollen so wählen. Der 30 Jahre alte Tino aus Köpenick will zum ersten Mal in seinem Leben die AfD wählen. Die anderen Parteien sollen gezwungen werden, sich mit der AfD auseinanderzusetzen. „14 Prozent der Menschen wählen diese Partei, aber alle Parteien wollen nichts mit ihr zu tun haben,“ sagt er. „So funktioniert in meinen Augen keine Demokratie.“ Tino störe am meisten die soziale Ungerechtigkeit in Berlin, dort sieht er auch den meisten Handlungsbedarf. „Der nächste Bürgermeister muss mehr auf soziale Probleme achten,“ sagt er. Sein Wort, das Berlin zusammenfasst, lautet: „Durchwachsen“.

Kontroverse Meinungen sollen auch am Montagabend eine Rolle spielen: Am Abend findet eine Diskussion der Berliner Zeitung statt, bei der unter anderem die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey auf dem Podium sitzen wird. Es soll um die Frage gehen: „In welcher Stadt wollen wir leben?“. Mitdiskutieren werden Journalistin Düzen Tekkal, Entertainer Klaas Heufer-Umlauf, die Journalistin Eva Schulz, die Direktorin der Neuköllner Rütli-Schule Cordula Heckmann und Politikchef der Berliner Zeitung, Moritz Eichhorn. Moderiert wird die Veranstaltung von Jo Schück.

Zumindest als Wechselwähler gehört Tino zu einer offenbar größeren Gruppe in dieser Stadt. In der Online-Umfrage der Berliner Zeitung haben mehr als 1000 Berliner teilgenommen und 36 Prozent wollen nicht mehr die gleiche Partei ins Abgeordnetenhaus wählen wie bei der Wahl im Jahr 2021. Etwa 30 Prozent wollen die gleiche Partei wählen, 10 Prozent sind sich noch unsicher und 14 Prozent aller, die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, wollen überhaupt nicht wählen gehen.

Tino (30), Mitarbeiter im öffentlichen Dienst aus Köpenick.
Tino (30), Mitarbeiter im öffentlichen Dienst aus Köpenick.Sabine Gudath

Der 21-jährige Kai wiederum will die gleiche Partei wählen wie 2021. Welche, behält er lieber für sich. Am meisten stören ihn an Berlin extreme Vorfälle wie die Silvesternacht und die schlechte Organisation der Ämter. Handlungsbedarf besteht führ ihn aber vor allem auch bei der Sauberkeit und dem Stadtbild. Sein Schlagwort, das Berlin für ihn zusammenfasst, ist da doch sehr ungewöhnlich. „Wohlfühlzentrum“, sagt er.

Die Frage: „Wo sehen Sie am meisten Handlungsbedarf?“ hat viele Berliner in der Online-Umfrage mobilisiert. Etwa 1200 Antworten gab es bei dieser Frage von Montagmorgen bis zum Nachmittag. Zur Auswahl standen Verkehr, Umwelt, Wohnen und Bildung. Wie sehr die Wohnungssuche die Menschen beschäftigt, ist eindeutig: 69 Prozent der Menschen tippten auf Wohnen als das drängendste Thema. Bildung und Verkehr liegen mit 13 und 12 Prozent etwa gleichauf, Umwelt liegt abgeschlagen bei 5 Prozent.

Traude (79), Rentnerin aus Mitte: „Berlin ist voller Leben.“
Traude (79), Rentnerin aus Mitte: „Berlin ist voller Leben.“Sabine Gudath

Die 79-jährige Traude aus Mitte sieht den Handlungsbedarf ebenfalls vor allem bei der Sauberkeit der Stadt. „Ich mag zwar, wie voller Leben es ist“, sagt sie, „jedoch sollen die Menschen ihren Müll nicht einfach auf den Boden schmeißen.“ Außerdem ärgert sie sich über die vielen Baustellen rund um den Alexanderplatz und darüber hinaus. Sie würde von der Bürgermeisterin oder dem Bürgermeister gern wissen, wie lange denn die Straßenbahnen noch gesperrt sind am Alex. Auch sie wählt bei der Wahl am 12. Februar eine „andere Partei als 2021“. Ihr Wort für Berlin: „Verrückt“.

Auch in der Online-Umfrage gibt es einen klaren Favoriten bei der Frage, was die wichtigste Forderung an den nächsten Regierenden oder die nächste Regierende ist. Ganz vorne steht die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum: Fast jede vierte Antwort berührt dieses Thema: Mietendeckel, günstige Wohnungen im Ring oder gar die Enteignung großer Immobilienunternehmen.

Immer wieder taucht auch die Forderung nach mehr Investition in Digitalisierung auf, in bessere Verwaltung, Bildung oder Gesundheitsversorgung. Auch die Verkehrswende wird immer wieder eingefordert von Leserinnen und Lesern der Berliner Zeitung.  

Am Alexanderplatz will zumindest fast niemand sagen, wen er wählen wolle. Peter B. aus Spandau sagt nur: „Auf keinen Fall CDU oder AfD.“ Auch die 51-jährige Anna F. aus Schöneberg sagt nur: „Ich werde anders wählen.“ Sie finde es schade, dass Berlin immer kultur- und rücksichtsloser werde. „Die Menschen haben sich alle voneinander entfernt“, sagt sie. „Man sieht so selten noch ein Lächeln.“ Peter B. stört vor allem, dass inzwischen eine Kreditkarte für die Benutzung öffentlicher Toiletten nötig sei. Nicht alle Berliner besäßen eine solche. Und wie sind ihre Wörter für Berlin? Anna F. sagt: „Bunt“. Peter B. sagt: „Groß“.

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