Dass Berlin und Potsdam so eng verbandelt sind, liegt an einem Mann mit beeindruckender Nase, großen braunen Augen und einem Grübchen am Kinn. Diese drei Merkmale finden sich auf so gut wie jedem Porträt des Großen Kurfürsten – einem der, wenn man so will, frühen Amtsvorgänger des heutigen Ministerpräsidenten. Anders als Dietmar Woidke, der nur das Land um Berlin herum regiert, herrschte Friedrich Wilhelm damals von Berlin aus über die ganze Mark Brandenburg, auch über Potsdam also, das kaum mehr war als ein Havel-Kaff mit Burg.

Leider ist von Friedrich Wilhelm persönlich nicht überliefert, was ihn dereinst zur Stadtflucht bewogen hat: Sonderlich groß war Berlin im 17. Jahrhundert nicht, keine 20 000 Einwohner. Allerdings war Friedrich Wilhelm so ziemlich der prominenteste davon – und daher wohl auch Stress ausgesetzt. Und dem war womöglich am besten abzuhelfen, indem ein ganz neuer Flecken Erde wachgeküsst wird, um ihn hernach nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Um es kurz zu machen: Friedrich Wilhelm kaufte die Güter rund um sein geerbtes Hohenzollern-Schlösschen, ließ es großzügig ausbauen – und machte Potsdam zur zweiten Residenz.

Seitdem, also seit gut 350 Jahren, sind Berlin und Potsdam Geschwister. Die Stadt an der Spree wurde immer größer, die an der Havel immer schöner, so dass es irgendwann Mode wurde zu sagen: „Dort, wo Berlin am schönsten ist, heißt es Potsdam.“ Der Satz mag inzwischen Patina angesetzt haben, falsch ist er dennoch nicht, zumal Potsdam von Berlins Mitte aus inzwischen in einer halben Stunde zu erreichen ist. Wie manch anderer Außenbezirk der Metropole auch.

Werkstatt Babelsberg

Die heutigen (demokratischen) Herrscher sagen tatsächlich Ähnliches, werden sie nach dem aktuellen Verhältnis ihrer Kommunen befragt. Doch man spürt, wie bei jedem Geschwisterpaar, unschwer auch etwas Konkurrenz heraus. Michael Müller etwa, Berlins Regierender Bürgermeister, fällt beim Stichwort Potsdam zuerst „überschaubar“ ein.

Und dann: „Potsdam ist eine perfekte Ergänzung zur quirligen Metropole Berlin.“ Eines könne nicht ohne das andere, insbesondere die Filmbranche zeige dies. Wobei Müller Babelsberg, immerhin der Geburtsort deutscher Filmkunst und wieder ein weltweit begehrtes Studio, nur als „Werkstatt der glitzernden Festivalstadt Berlin“ gelten lässt. Kleine Rangkämpfe müssen eben sein. Müller: „Potsdam ist für Berlin ein liebenswerter Partner, mit dem wir gern in die gemeinsame Zukunft gehen.“

Amtskollege Jann Jakobs, Oberbürgermeister von Potsdam, hält locker dagegen: Potsdam, Berlins „schöne Schwester“, habe sich längst emanzipiert und sei als Standort für Forschung, Medien, Film und die Tourismuswirtschaft außerordentlich beliebt. Er verweist auf die Arbeitslosenquote (nur etwas mehr als halb so hoch wie in Berlin), darauf, dass Potsdam nicht nur wächst, sondern auch sein Wohnungsproblem im Griff habe. Im Übrigen pflege man aber das Verhältnis zu Berlin – so habe Müller „schon einmal eine private Führung in der Potsdamer Mitte“ erhalten. Denn, so räumt Jakobs ein: „Potsdam wäre nicht das, was es ist, wenn Berlin nicht in seiner Nähe wäre.“ Das allerdings hat auch tragische Züge. Bisher sei es obligatorisch, dass Berlin-Besucher immer auch einen Tag Potsdam einplanten. „Wir würden das in Zukunft gerne umkehren“, sagt Jakobs. Nur wie, sagt er nicht.

Kein gutes Wort von Fontane

Der Historiker Peter-Michael Hahn von der Universität Potsdam, Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Landesgeschichte in Brandenburg, pflegt da schon einen skeptischeren Blick auf die eigene Stadt. Lange Zeit waren sich die Berliner und Potsdamer, mal abgesehen vom Kutschen-Shuttle des Herrscherhauses, nicht sonderlich nah, sagt er. Die Berliner mochten den Militär-Tamtam der Garnisonstadt nicht, die Potsdamer waren sich in ihren Kasernen und adretten Beamtenhäusern selbst genug. Fontane etwa verliert kaum ein gutes Wort über Potsdam. Sogar fast gar keins. Auf seinen Wanderungen läuft er an Potsdam immer mehr oder minder vorbei.

Derlei entspannte sich erst allmählich gegen Ende des 19. Jahrhunderts, sagt Hahn. Und zwar auch deshalb, weil die Reichshauptstadt und Industriemetropole Berlin vor sich hin boomte, während Potsdam als Verwaltungs- und Militärstadt schlicht keine Konkurrenz war.

Wilhelm I. wohnte sommers in Babelsberg, Wilhelm II., bekanntlich der letzte Kaiser, im Neuen Palais in Potsdam. Vielleicht tat es ein Übriges, dass ab dem Jahr 1900 die Schlösser und Gärten teils für das gemeine Publikum, also auch für Touristen, geöffnet wurden. Jedenfalls hat sich das Potsdam-Bild der Berliner letztlich bis zur Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg stark ins Positive gewendet, ja geradezu romantisiert.

Und das hat Auswirkungen bis in die Gegenwart. Nach dem Fall der Mauer rückte Potsdam verkehrstechnisch schnell wieder an Berlin heran – und insbesondere wohlhabende bürgerliche Schichten aus dem Westen entwickelten eine stark nostalgische Perspektive auf die Stadt an der Havel. „Ausgerechnet auf die sozialistische Bezirkshauptstadt“, spottet der Landesgeschichtler Peter-Michael Hahn – der vor der Wende übrigens jahrelang an der Freien Universität Berlin forschte. Grenztruppen, NVA-Bataillone, SED-Bezirksleitung, Stasi-Hochschule, dazu die sowjetischen Streitkräfte mitten in der Stadt: Man musste schon hart am Rande zur „Realitätsverweigerung“ auf Potsdam blicken, um nur Schlösser, Parks und Barock wahrzunehmen.

Doch die reichen Neu-Potsdamer – allen voran Prominente wie Günther Jauch, Hasso Plattner, Wolfgang Joop, dazu die halbe Springer-Chefetage – zogen ins herrliche Havel-Arkadien. Am Ende gar aus vergleichbaren Gründen wie einst der Große Kurfürst: weniger Trubel, mehr Platz, möglichst angenehmes Unter-Sich-Sein. So weit wie die Hohenzollern-Könige, die im 18. Jahrhundert selbst dem Adel verboten, nach Potsdam nachzuziehen, um es gänzlich ungestört zu haben, ist es ja nicht gekommen. Es wäre insofern auch gar kein Zufall, dass Potsdam allmählich immer mehr so aussieht wie zu Kaisers Zeiten – insbesondere auch durch üppige Spenden der Zugezogenen.