Weg mit dem Asphalt - und den Autos: SPD will Straße des 17. Juni teilweise entsiegeln 

Auf der wichtigen Berliner Ost-West-Verbindung soll die Fahrbahn schmaler werden. Auch für andere Bereiche wird klimagerechter Stadtumbau gefordert.

Eine Fußgängerin überquert die Straße des 17. Juni im Großen Tiergarten. Geht es nach der SPD Mitte, soll von den drei Autofahrstreifen pro Richtung nur jeweils einer übrig bleiben.
Eine Fußgängerin überquert die Straße des 17. Juni im Großen Tiergarten. Geht es nach der SPD Mitte, soll von den drei Autofahrstreifen pro Richtung nur jeweils einer übrig bleiben.dpa/Britta Pedersen

Als die heutige Straße des 17. Juni vor mehr als drei Jahrhunderten angelegt wurde, war die Verbindung zwischen dem Berliner Schloss und dem damaligen Schloss Lietzenburg nicht asphaltiert. Nun wollen Politiker das Rad wieder zurückdrehen. Die SPD-Fraktion Mitte setzt sich dafür ein, dass die Ost-West-Verbindung zum Teil entsiegelt wird. Ein Fahrstreifen pro Richtung reiche aus, heißt es in der Begründung zu dem Antrag, der am Donnerstag auf der Tagesordnung der Bezirksverordnetenversammlung steht.

„Das Bezirksamt wird ersucht, sich gegenüber der Senatsverwaltung dafür einzusetzen, die Straße des 17. Juni zwischen dem Brandenburger Tor und der westlichen Bezirksgrenze jeweils auf eine Fahrspur pro Richtung klimaresilient umzugestalten“, geht aus der Drucksache 0559/VI hervor. Der Bezirk endet am S-Bahnhof Tiergarten. „Die freiwerdenden Fahrspuren sollen entsiegelt und als Park- beziehungsweise Grünfläche umgestaltet werden.“ Eine Bürgerbeteiligung sei sicherzustellen, so die SPD.

Asphalt aufbrechen als Schutz vor Tropenhitze

Hintergrund ist die Diskussion, dass Städte umgestaltet werden müssen, damit Hitze und Starkregen die Bewohner künftig nicht mehr so stark beeinträchtigen. „Mit deutlich mehr Grün, vor allem neuen Bäumen und mehr Verschattung durch außenliegenden Sonnenschutz sowie Dach- und Fassadenbegrünung lässt sich der Aufenthalt im Freien und die Temperaturen in den Wohnungen wesentlich angenehmer gestalten“, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts. Dunkle Flächen wie Asphalt speichern dagegen die Hitze. Darum setzen sich Experten dafür ein, Straßenbereiche zu entsiegeln. Dort würde die Fahrbahndecke abgenommen, um die Bereiche dann zu begrünen.

Die Straße des 17. Juni ist eine wichtige Ost-West-Verbindung in Berlin. Allerdings wird dieser Abschnitt der Bundesstraße 2 oft für Großveranstaltungen gesperrt. Hier ein Blick von der Siegessäule auf den Berlin-Marathon.
Die Straße des 17. Juni ist eine wichtige Ost-West-Verbindung in Berlin. Allerdings wird dieser Abschnitt der Bundesstraße 2 oft für Großveranstaltungen gesperrt. Hier ein Blick von der Siegessäule auf den Berlin-Marathon.dpa/Andreas Gora

Als Abschnitt der sogenannten Ost-West-Route werde die Straße des 17. Juni ein wichtiger Teil im Radschnellwegenetz Berlins, so die SPD-Fraktion Mitte. „Die aktuellen Planungen der InfraVelo sowie die dazu erstellten Visualisierungen sehen jeweils zwei Spuren pro Fahrtrichtung für den Kfz-Verkehr vor.“ Derzeit sind auf der einstigen Charlottenburger Chaussee, die während der 1930er-Jahre unter den Nazis auf 85 Meter verbreitert wurde, drei Autofahrstreifen pro Richtung die Regel.

„Dabei liegen die aktuellen Nutzungszahlen für Kfz deutlich unter 20.000 Fahrzeugen pro Tag, was den Rückbau auf nur eine Fahrspur pro Fahrtrichtung verkehrsplanerisch rechtfertigt“, so die SPD Mitte. Damit könnte ein nicht unerheblicher Teil der Fläche entsiegelt und klimaresilient umgestaltet werden – nach historischem Vorbild.

Wenn die Fahrbahn schmaler wäre, könnten zudem Fußgänger und Radfahrer leichter queren, hieß es weiter. Der Große Tiergarten, der sich links und rechts der Straße erstreckt, weise viel Fuß- und Radverkehr auf, stellen die Sozialdemokraten fest.

Für die Sitzung am 20. Oktober liegen dem Bezirksparlament Mitte weitere Anträge zur klimagerechten Umgestaltung vor. So setzt sich auch die Grünen-Fraktion dafür ein, entlang geplanter Radrouten Bereiche zu entsiegeln. Das Bezirksamt müsse „im Zuge der Planungen der Radschnellverbindungen, die durch den Bezirk Mitte führen sollen, Entsiegelungspotentiale“ ermitteln – etwa die Vergrößerung von Baumscheiben oder die Schaffung neuer Standorte für Bäume und Sträucher.

Grüne fordern: Am Schloss müssen Bäume gepflanzt werden

Eine weitere Forderung der Grünen lautet, auf dem Humboldtforum am Schloss in Mitte Bäume zu pflanzen. „Das Humboldtforum etabliert sich als urbane Hitzeinsel. Es gibt praktisch keine Verschattung“, heißt es in dem Antrag zum Thema. Der Platz und möglichst auch die Innenhöfe des Schlosses müssten mit schnell wachsenden, klimaresilienten Baumarten bepflanzt werden, die große Kronen ausbilden.

Fußgänger laufen über das Humboldtforum am wiederaufgebauten Berliner Schloss. Grün gibt es hier kaum, die Grünen-Fraktion in Mitte will das ändern.
Fußgänger laufen über das Humboldtforum am wiederaufgebauten Berliner Schloss. Grün gibt es hier kaum, die Grünen-Fraktion in Mitte will das ändern.Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Die Grünen nehmen auch den Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee ins Visier. Nach den Plänen des Senats sind die früheren Autostellplätze dort weggefallen, stattdessen wurde ein Grünbereich eingerichtet. Doch er wirkte im Frühjahr und Sommer vertrocknet, so ein dritter Antrag der Grünen. „Bei der großen Fläche der Mittelstreifen bieten sich andere Bepflanzungskonzepte mit Bäumen und/oder Sträuchern besser an. Da der Tunnel der U5 nicht direkt unter dem Mittelstreifen verläuft, können sich die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern hier ausreichend ausbreiten.“

Der Steglitzer FDP-Politiker Andreas Schreiner kritisierte den Entsiegelungsplan für die Straße des 17. Juni. Die SPD Mitte werde mithilfe des rot-grün-roten Senats die Straße des 17. Juni durch Entsiegelung für private Pkw nahezu unpassierbar machen. „Sie werden es tun und diese Verbindung zwischen Ost und West kappen, außer für Lastenräder!“, so Schreiner bei Twitter.

Bezirksstadtrat Ephraim Gothe (SPD) unterstützt die Forderung nach mehr Bäumen in Mitte. „Als Berlin im Barock erweitert wurde, blieben in der Dorotheen- und Friedrichstadt die meisten Straßen ohne Bäume. Unter den Linden war eine Ausnahme. Dieses Konzept ist in den 1990er-Jahren wieder aufgegriffen worden, weshalb noch heute vielerorts keine Straßenbäume geplant sind. In Zeiten des Klimawandels und Erderhitzung müssen wir das jedoch überdenken. Bäume sind wohltuende Allzweckwerkzeuge, um Staub zu filtern, Schatten zu spenden und Feuchtigkeit zu produzieren“, sagte er im Sommer in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Stadträtin kündigt ambitioniertes Entsiegelungskonzept für Mitte an

Stadträtin Almut Neumann, für die Straßen in Mitte zuständig, setzte sich in dem Gespräch für umfangreiche Entsiegelungen ein. „Wir sind als Bezirk dabei, eine ambitionierte Entsiegelungskonzeption zu erarbeiten, um dem Ziel der Schwammstadt näher zu kommen. Das ist in Zeiten der Klimakrise besonders wichtig, um die Stadt in Hitzesommern herunterzukühlen und um bei Starkregenereignissen gegen Überschwemmungen gewappnet zu sein“, so die Grünen-Politikerin.

Der Bezirk werde mit ersten überschaubaren Entsiegelungsmaßnahmen beginnen. „Zum Beispiel mit der Vergrößerung von Baumscheiben, damit bei den Straßenbäumen mehr Regenwasser ankommt. Wir überlegen auch, ehemalige Gehwegradwege zu entsiegeln, sofern dort genug Platz für Fußgänger:innen bleibt. So entstehen zusätzliche Grünstreifen. Ich würde am liebsten sofort ganz umfassend im ganzen Bezirk entsiegeln und beispielweise flächendeckend Parkplätze zu Mini-Parks umgestalten. Aber das ist ein Mammutprojekt und wird nur Schritt für Schritt gehen“, so Neumann.