Berlin verzichtet auf Bus und Bahn: Immer mehr Pendler radeln zur Arbeit

Nicht nur viele Berliner nutzen das Fahrrad für ihren Arbeitsweg, auch im Umland wird aufgesattelt. „Wir erwarten einen weiteren Anstieg des Radverkehrs“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Nach den aktuellsten Zahlen der Behörde ist in den Jahren von 2008 bis 2013 bundesweit der Anteil von Fahrradfahrer am Gesamtverkehr von 11 auf 13 Prozent gestiegen. Laut Studie nutzten 2013 16 Prozent der Berliner das Fahrrad als Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu gelangen.

Doch wie gut geht das? Wer in der Hauptstadt mit dem Rad unterwegs ist, kennt sie: holprige Straßen und verstellte Fahrradwege. Dennoch fahren laut Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) mittlerweile mehr Menschen mit dem Rad zur Arbeit als mit dem Bus oder der Straßenbahn. Im Trend seien „Kombinierer„ - jene, die Rad und öffentliche Verkehrsmittel nutzen.

Verkehrsnetz für Fahrrad-Pendler ungeeignet

„Mutige können jetzt schon mit dem Rad in die Arbeit fahren“, sagt Kerstin Stark von der Initiative „Volksentscheid Fahrrad“. In Berlin sind 1470 Kilometer für Fahrradfahrer ausgelegt. Dass es allerdings kein zusammenhängendes Radverkehrsnetz gibt, kritisiert Stark. Dadurch käme Fahrradfahren im Berufsverkehr oder für längere Strecken für viele Pendler nicht infrage.

Auch in Wohngebieten sieht sie Handlungsbedarf: „Es kommen neue Bügel hinzu, jedoch zu wenige und nicht immer da, wo sie auch gebraucht werden.“ Die Initiative setzt sich für separierte Radwege an Hauptstraßen und Radschnellwegen ein. Sie fordern Verbesserungen in Höhe von 320 Millionen Euro.

Der Etat im Berliner Haushaltsplan für 2016 ist allerdings auf 15 Millionen Euro für die Verbesserung der Infrastruktur des Radverkehrs angemeldet. Rund 3 Millionen Euro sollen in die Sanierung von Radwegen fließen. Der Ausbau von Leihfahrradprojekten und Fahrradabstellplätzen steht ebenfalls auf der Agenda.

Ein Projekt, um mehr sichere Stellplätze zu schaffen, heißt Fahrradbox. Seit Anfang des Jahres können Biker ihre Zweiräder an den Bahnhöfen in Lichtenberg, Karlshorst und am Südkreuz für 1 Euro am Tag im „Fahrradhostel“ unterbringen. Die grünen Metallboxen sollen Schutz vor Diebstahl, Vandalismus und Witterungseinflüssen bieten.

Keine fahrradfreundliche Unternehmen in Berlin

Nach Angaben der Senatsverwaltung befinden sich 27 000 Bike and Ride-Stellplätze an öffentlichen Personennahverkehrsanlagen. An Bahnhöfen und Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel (S-Bahn, U-Bahn, Tram und Bus) sind es derzeit gut 11 000 Fahrradstellplätze. Eine noch geringe Zahl bei 1,5 Fahrrädern pro Berliner Haushalt.

Das Land Berlin, die Verkehrsbetriebe BVG und die S-Bahn fördern die Kombination von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr. Die Mitnahme von Fahrrädern im Regional-Express wurde im Mai 2016 mit der Aktion „Rad im Regio“ erleichtert. „Ich sehe die Verbesserung für Fahrrad-Pendler deutlich. Innen wurden zum Teil Sitze aus den Zugabteilen herausgenommen, um mehr Platz für Räder zu schaffen“, sagt Stephanie Krone vom Bundesverband des ADFC. Für längere Distanzen wie aus dem Brandenburger Umland nach Berlin brauche man neben dem Zug ein Fahrrad, so Krone.

Der ADFC zertifiziert übrigens jährlich fahrradfreundliche Unternehmen. In Berlin konnten sie bisher noch keines auszeichnen. (dpa)