Beim Aufbau der Grünen Woche: In jeder Messehalle wächst eine kleine Stadt

Die Pandemie traf Veranstalter von Großveranstaltungen hart. Nach zwei Jahren Pause öffnet die Grüne Woche nun erstmals wieder für Publikum. Ein Vorab-Besuch.

Die Halle 27 ist riesig: Fast 100 Meter lang und 100 Meter breit. Der Aufbau für die Grüne Woche beginnt dort eine Woche vor dem Start der Messe.
Die Halle 27 ist riesig: Fast 100 Meter lang und 100 Meter breit. Der Aufbau für die Grüne Woche beginnt dort eine Woche vor dem Start der Messe.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Am Anfang ist da nichts. Sogar ein sehr großes Nichts. Doch am Ende soll hier eine kleine Stadt stehen. Überall wird es dann Wege geben, die von kleinen Häusern gesäumt werden, von Cafés, von Imbissständen, sogar von einigen Bäumen.

Die Halle 27 ist natürlich kein Nichts, sondern ein riesiger leerer Raum auf dem Messegelände unterm Funkturm. Es ist ein Monstrum an umbauter Luft. Die Halle ist so groß, dass in die 9400 Quadratmeter mehr als zwanzig Kleingärten passen würden. Doch am Freitag dieser Woche soll die große Leere hier endgültig verschwunden sein, dann werden sich hier wieder Zehntausende Menschen durch all die Messehallen tief im Westen von Berlin drängen: Dann beginnt die Grüne Woche.

Bis dahin muss hier auch dieser Stand des Bundeslandwirtschaftsministeriums fertig sein. Und alles beginnt mit den langen weißen Strichen am Boden. „Das sind quasi die Grenzen der Grundstücke, also der einzelnen Messestände“, sagt Marius Heil. Der 35-Jährige ist Projektleiter bei einer Tochtergesellschaft der Messe Berlin und hat diesen Stand mit seinem Team geplant. „Die Linien zeigen, bis wohin die jeweiligen Stände reichen und wo die Wege sind“, sagt der studierte Messe- und Kongressmanager aus Rheinland-Pfalz, der vor fünf Jahren nach Berlin kam.

Für die Messebranche der Hauptstadt ist die Grüne Woche ein großes Fest, das nach der Pandemie allen die Rückkehr eines ganzen Wirtschaftszweigs verkünden soll. Denn die Grüne Woche ist nicht irgendeine Veranstaltung, sondern war mit früher 400.000 Besuchern die größte Publikumsmesse der Stadt. In ihrer 97 Jahre währenden Geschichte ist sie nur neunmal ausgefallen. Doch ab dem Frühjahr 2020 waren alle Messen, Konferenzen, Konzerte und Massenveranstaltungen verboten. Erst ab Frühjahr 2022 durften die Publikumsmessen wieder öffnen. Die gesamte Veranstaltungsbranche war am Ende. Viele Firmen gingen Pleite. Und die Grüne Woche fand gleich zweimal ohne Publikum statt.

Aus Latten und Brettern bauen die Arbeiter aus Polen ein Gestell. Dann kommen außen schön aussehende Holzwände dran, fertig ist ein „Haus“ der temporären Messestadt.
Aus Latten und Brettern bauen die Arbeiter aus Polen ein Gestell. Dann kommen außen schön aussehende Holzwände dran, fertig ist ein „Haus“ der temporären Messestadt.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Nun steht am Rand der Halle alles für den Aufbau bereit: rollbare Schränke voller Werkzeug sowie Paletten voller Spanplatten. Sehr viel mehr ist eigentlich nicht nötig, um eine kleine Messestadt zu bauen. Noch eine Woche bis zum Messestart. Ein Dutzend kräftige Männer laufen entspannt, aber konzentriert umher, auf ihren schwarzen T-Shirts steht in weißer Schrift „Crew“. Sie sehen aus wie die Roadies einer Rockband. Doch es sind Messebauer aus Polen. Sie greifen sich ihre Akkuschrauber, nehmen Latten und Platten von den großen Stapeln, eilen zu den weißen Linien und schrauben los. Das Surren der Akkuschrauber ist die Begleitmusik ihrer Arbeit, nur übertönt vom Jaulen einer Kreissäge am anderen Ende der Halle.

Doppelt so viele Beschäftige wie die deutsche Automobilwirtschaft

Während die Industrie halbwegs weiterlief, blieben Messen dicht. Die Branche setzte vor Corona 130 Milliarden Euro pro Jahr um und hatte mit etwa 1,5 Millionen Beschäftigten fast doppelt so viele Mitarbeiter wie die starke deutsche Autobranche. Die Messen sind Teil dieser Branche, und Deutschland will nun wieder sein Platz als Messeland Nr. 1 verteidigen. Fünf der zehn weltweit größten Messeveranstalter haben ihren Sitz in Deutschland. Und mit der Grünen Woche kehrt nun auch die weltgrößte Ernährungsmesse zurück.

Doch der Weg war lang. So wie bei jeder Grünen Woche begannen die Planungen bereits im Frühsommer des Vorjahres in den Büros der Messegesellschaft. Konkret wurde es dann kurz vor Weihnachten. Auf den Grundstücken mit den weißen Linien wurden die Anschlüsse für Wasser, Strom und Internet für die jeweiligen Stände verlegt, sagt Projektleiter Marius Heil.

Die riesige Halle wird durch eine Mauer getrennt, besser gesagt, durch eine Wand aus alten Euro-Paletten. Üblicherweise werden sie zum Transport von Waren verwendet und irgendwann weggeworfen. Inzwischen sind sie auf Messen ein allgegenwärtiges Symbol für das Umdenken. „Nachhaltigkeit wird nun sehr ernst genommen“, sagt Marius Heil. Es ist allseits bekannt, dass früher fast alles nach einer Messe weggeworfen wurde, heute wird vieles in Modulbauweise gebaut und vieles mehrfach verwendet. „Und wir haben uns zum Beispiel hier entschieden, komplett auf Teppiche zu verzichten wegen der Müllvermeidung“, sagt Heil. Und die Pflanzen sind nicht mehr exotisch, sondern regional. Der 35-Jährige schwärmt davon, wie beeindruckend es ist, wenn hier in den Hallen innerhalb weniger Tage eine komplette Welt neu gebaut wird. „Und dann steht diese Welt zehn Tage und dann wird sie wieder abgebaut.“

Der „Japaner“ unter den Messebauern

Dort vorn steht der Chef der Firma Neo Expo und kontrolliert die Arbeit der Männer mit den schwarzen Shirts. Es ist Peter Schumacher, ein groß gewachsener Mann, der gern lächelt und seine Anweisungen sehr freundlich gibt. Er wird an diesem Tag 45 Jahre alt, ist aber trotzdem vor Ort. Die Grüne Woche ist nun mal wichtig, für eine Firma, die die Pandemie überlebt hat. „Der Laden muss laufen“, sagt er. Immerhin arbeiten bei ihm 70 Leute, die Aufträge brauchen.

Die Firma ist weltweit aktiv. Das liegt am Chef und seinem ungewöhnlichen Lebensweg. Der gebürtige Hamburger hat Japanologie studiert und wollte unbedingt in dieses fernöstliche Land. Aber das Leben dort ist teuer. Er brauchte einen Job. „Es gab zwei Möglichkeiten“, sagt er, „entweder als Lehrer für Deutsch oder Englisch oder als Messebauer.“ Die gebe es in Japan zwar auch, aber viele können nicht gut Englisch. „Ich entschied mich für Messebau und blieb zehn Jahre“, sagt er. Nach der Hälfte der Zeit gründete er eine eigene Firma, die nun auch Filialen in Polen, China, England und in Kreuzberg hat. Dann kam Corona. „Wir waren kurz vor der Pleite“, sagt er. Die Firma überlebte nur mit Hilfsgeldern und weil die polnischen Mitarbeiter Jobs beim Häuserbauen fanden. „Es war hart, viele andere Firmen haben es nicht geschafft. Dadurch ist nun der Wettbewerb deutlich weniger hart“, sagt er. „Denn für alle Firmen, die überlebt haben, gibt es nun viele Aufträge.“

Das Surren der Akkuschrauber ist die Begleitmusik zur Arbeit der vielen Messebauer.
Das Surren der Akkuschrauber ist die Begleitmusik zur Arbeit der vielen Messebauer.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Doch die Branche wankt noch immer. Massenhaft Jobs gingen verloren. Denn nach den strickten Verboten 2020, durften auch danach nur Messen für Fachpublikum öffnen. „Deshalb fanden 2021 nur 100 statt 380 Messen statt, es kamen nur zwei statt zehn Millionen Besucher“, sagt Steffen Schulze vom Messe-Fachverband Auma. Der Verband summiert die Verluste für die Gesamtwirtschaft durch ausgefallene Messen auf fast 25 Milliarden Euro im Jahr 2021. „Wir rechnen in diesem Jahr mit einer sichtbaren Erholung, aber wir kommen aus einem wirklich sehr tiefen Tal“, sagt Schulze. Die Firmen, die überlebt haben, werden an den Krediten noch Jahre zu knabbern haben. Dazu kämen die hohen Energiepreise, die Rezession, die Inflation, die gestörten Lieferketten. „Das Vor-Corona-Niveau wird wohl branchenweit erst irgendwann nach dem Jahr 2024 erreicht“, sagt er.

Der Herr der Stühle

Es sind einfach nur zwei glitzernde Luftballons, die hinter dem Eingang der Firma Expofair in Schöneberg hängen. Aber es sind Symbole des Sieges, des Überlebens. Der eine Luftballon ist eine 3, der andere eine 0, zusammen ergeben sie eine 30. „Diese Firma gibt es nun seit 30 Jahren“, sagt Norbert Gruchmann und zupft die Ballons zurecht. Der Firmenchef erzählt, wo und wie sie neulich gefeiert haben. Er sagt das nicht ohne Stolz, denn beim letzten Besuch hier im September 2020 war nicht absehbar, ob die Firma es schaffen würde. Damals waren Messen verboten und die Mitarbeiter seiner Firma in Kurzarbeit. Damals sagte Gruchmann, dass er nicht wisse, wie lange er noch die Miete für das riesige Lager mit den mehr als 30.000 Stühlen und all den anderen Möbeln bezahlen könne. „Aber es gibt uns noch“, sagt der 67-Jährige. „Wir stehen sogar besser da als vor Corona.“

Herr der Stühle: Norbert Gruchmann im Lager der Firma Expofair in der Nähe des Sachsendamms.
Herr der Stühle: Norbert Gruchmann im Lager der Firma Expofair in der Nähe des Sachsendamms.Volkmar Otto

Sein Geschäft ist ganz einfach. Eigentlich. Das Lager ist voller Möbel, vom billigen stapelbaren Massenstuhl, mit dem sich riesige Kongresssäle füllen lassen, bis zum edlen Designersessel für TV-Talkshows, vom Tisch fürs Staatsbankett bis zum Rednerpult. All das vermietet er für Kongresse, Messen, Parteitage oder Aktionärsversammlungen großer Autokonzerne. Wenn er und seine 40 Leute alles perfekt planen, sind die Lager fast leer, weil die Möbel irgendwohin verliehen sind. Doch 2020 waren die Lager randvoll und das Ende nahe. „Ohne das Kurzarbeitergeld und das Hilfsgeld von der Regierung hätten wir nicht überlebt“, sagt er. „Definitiv nicht.“

Nun sind es nicht mal mehr 48 Stunden bis zur Eröffnung der Messe, Gruchmann läuft durch das riesige Lager auf der Suche nach einem feinen grünen Stuhl, den er noch auf die Grüne Woche bringen muss. In einem großen Lagerraum zeigt er auf ein begehbares Regal, dass den hohen Raum in zwei Etagen teilt. „Neu gebaut in der Pandemiezeit“, sagt er. Überall stehen riesige Holzkisten. „Alles voller Möbel, die wir in der Corona-Zeit gekauft haben.“

Große Investitionen trotz Pandemie

Wie das? Er stand doch vor der Pleite. Gruchmann lächelt und sagt. „Wir hatten wirklich ein riesengroßes Glück.“ Aber er erzählt auch, dass es kein Zufall war, dass das Glück den Weg zu ihm fand. Andere Chefs haben ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit gelassen und den Laden erst mal dicht gemacht. „Wir aber saßen im Büro und haben weitergemacht, haben Bewerbungen rausgeschickt“, sagt er. „Und es hat geklappt.“

Nicht weit von ihm stehen 500 Stühle. Übereinander gestapelt in mannshohen Türmen, die in sehr langen Reihen aufgereiht sind. Gruchmann streicht über die Armlehne eines Stuhls. „Die Lehnen dieser doch recht preiswerten Stühle waren Gold wert für uns.“ Denn bei der Ausschreibung ging es um die fünf großen Berliner Impfzentren. „Bedingung waren Stühle mit Lehnen, aber kaum jemand hatte so viele davon vorrätig“, sagt er und schaut auf seine endlosen Stuhlstapel. „Wir hatten sie.“ Das war die Rettung.

Symbol der Nachhaltigkeit: Bauten aus Paletten finde sich inzwischen fast überall auf der Grünen Woche.
Symbol der Nachhaltigkeit: Bauten aus Paletten finde sich inzwischen fast überall auf der Grünen Woche.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Nun greift sich Norbert Gruchmann den grünen Stuhl für die Grüne Woche und trägt ihn zu seinem Kleinbus. Im Treppenhaus erzählt er, dass sich die Branche völlig gewandelt habe in der Corona-Zeit. Kaum jemand mietet noch ein paar Tausend Stühle für eine Hauptversammlung von Aktionären oder für Parteitage. Vieles findet inzwischen online statt. Auch Messen und Kongresse sind nun digital und nicht mehr „haptisch“, wie Vor-Ort-Messen in der Branche genannt werden.

Also geht Gruchmann mit der Zeit und kauft weniger preiswerte Massenstühle, sondern teure Designerstühle und edle Sessel. Er zeigt ein schwungvolles Teil in Rot. In Fachkreisen ist er als „der Schwan“ bekannt. Ein Teil, das gern von TV-Studios bestellt wird. „Davon habe ich 20 Stück gekauft“, sagt er. „Stückpreis immerhin 3600 Euro.“ Das ist eine von Gruchmanns Großinvestitionen, die er ausgerechnet in der größten Krise seines 30-jährigen Berufslebens tätigte. Damit stellt er sich nun drauf ein, dass nicht mehr nur die Masse zählt, sondern vor allem die Klasse.

Auf dem Parkplatz packt Gruchmann den Stuhl vorsichtig auf die Rückbank seines Busses. Auf der Fahrt zum Messegelände sagt er, dass er trotz seiner 67 Jahre nicht ans Aufhören denkt. „Es ist wie ein Neustart“, sagt er. „Niemand weiß, wie die Branche sich entwickelt, aber wir haben gezeigt, dass wir flexibel sind und kämpfen können.“

Noch ist die Halle 20 nicht ganz fertig. Aber es sind ja noch 48 Stunden bis zur Eröffnung.
Noch ist die Halle 20 nicht ganz fertig. Aber es sind ja noch 48 Stunden bis zur Eröffnung.dpa/Fabian Sommer

Er bringt den grünen Stuhl in Halle 20 und fährt dann zur Halle 27, die er auch beliefern muss. „Möbel von uns stehen eigentlich in jeder Halle“, sagt er. In Halle 27 trifft er Peter Schumacher, den Messebauer, der auch ein Standbein in Japan hat. Die beiden sehen sich zum ersten Mal, Handschlag, ein kurzes Fachgespräch. Der eine baut Stände, der andere stellt später die Tische und Stühle rein. Die beiden Männer sind die Überlebenden in einer hart gebeutelten Branche, zwei Krisengewinner, die es geschafft haben, weil sie nicht aufgegeben haben und auch, weil sie Glück hatten.

Nur noch 48 Stunden bis zur Eröffnung

In der Halle wird es mit jedem Tag dieser Woche lauter und wuseliger. Am Mittwoch sind schon deutlich mehr Arbeiter unterwegs, die Lage ist unübersichtlicher. Die große Leere ist verschwunden, überall auf dem Messegelände stehen am Donnerstag kleine Häuschen, Stände und Pulte für Bildschirme.

Die temporäre Stadt wächst und wächst. Am Freitag um 10 Uhr wird die größte Publikumsmesse Berlins erstmals wieder ihre Tore öffnet. Doch es sieht aus, als würden die Messebauer sehr viel länger brauchen. „Nee, nee“, sagt Peter Schumacher. „Wir liegen voll im Plan.“ Und Norbert Gruchmann sagt: „Es ist bei jeder Messe das Gleiche: Selbst am Abend vor der Eröffnung würde kein Laie daran glauben, dass die Messebauer es tatsächlich schaffen. Aber es klappt immer.“