Berlin - Irgendein Junggesellinnenabschied ist immer. An diesem Abend kommen die Mädels aus Toulouse und tragen alle viel Schwarz und Gold und Glimmer und Glitter. Die älteste der tanzfreudigen Gruppe dürfte um die 60 sein und kurbelt am wildesten mit den Hüften. Beim Junggesellinnenabschied sind alle für ein paar Stunden wieder Mädels und wer sich sträubt, den bringt das Rundumgefunkel dazu: Die Lametta-Wände. Die Diskokugellichter. Strahlende Augen und die Liebe, die überall herumlacht. Als würde sie gerade entdeckt. Auch die tanzenden Paare, ob betagt oder gerade volljährig, ob im Anzug und Abendkleid oder Tank-Top und Jeans, ob der Standards mächtig oder mit Anfängerfreude trudelnd: Sie alle wirken verknallt. Ineinander, in die Nacht, in den Ort.

Mich wundert das nicht, ich verliebe mich auch alle zehn Minuten. In die runde Frau mit dem rotblonden Kraushaar, die so rasant das Becken rotieren lässt. In die beiden Männer vor der Bühne, der eine im gewagt gemusterten 80er-Jahre-Hemd und mit Riesenbrille, der andere irgendwas zwischen Hip-Hop und Hipster, die sich zu einer spontanen Choreografie gefunden haben. In alle, die sie mit Applaus bedenken. Ich verliebe mich kurz in die beiden ernsthaften schlanken Menschen, die den Abend nutzen, um ihren seit Jahren trainierten Disko-Fox zu perfektionieren und sich nicht stören lassen von den Dilettanten ringsherum, deren unbeabsichtigte Rempler sie souverän weglächeln. 

Die Generationen sollten öfter zusammen tanzen 

Und dann in ein anderes Paar: Er sitzt im Rollstuhl, der andere Er wirbelt ihn mehr als er schiebt. Alle machen Platz. Weil man das so macht in Clärchens Ballhaus. Man denkt nicht darüber nach, genauso wenig wie über das Tanzen und das Sich-in-alle-verlieben.

Alle, das sind: Alte, Mittelalte und Junge. Berliner, Neuberliner und Touristen. Fitte, Gehandicapte und Gebrechliche. Der älteste, der mir hier das anno dunnemals in der Tanzschule gelernte in Erinnerung rief, war über 90. Sein Rücken war so krumm wie seine Führung virtuos. Clärchens Ballhaus, benannt nach Clara Habermann, die das Tanzlokal allein weiterführte, nachdem ihr Mann Fritz Bühler im Ersten Weltkrieg gefallen war – vorher hieß es „Bühlers Ballhaus“ – wird im September 106 Jahre alt.

Döblins Franz Biberkopf wollte zu Clärchens und Heinrich Zille zeichnete am Tresen. Und während es oben im Spiegelsaal jahrzehntelang feiner zuging, schwofte und verliebte sich im Erdgeschoss immer schon jeder, der den kleinen Eintritt zahlen konnte. Ob in Seidenstrümpfen oder groben Stiefeln. Ob mit Lippenstift oder Glatze.

Hoffentlich bleibt das weitere hundert Jahre so. Abschied vom Junggesellinnen-Dasein kann man zwar auch anderswo nehmen. Aber wo sonst tanzen alle Stadien des Lebens dabei um einen herum? Es heißt immer, die Generationen driften auseinander, werden sich fremd, kämpfen gar miteinander. Nun, sie müssen sich ja nicht gleich ineinander verlieben. Aber zusammen tanzen, das sollten sie viel öfter.