Berlin - Wächst da Watte aus der Wand? Weißer Flaum bedeckt die Ziegel. Doch er besteht nicht aus Zellstoff, wie sich gleich zeigt. Dietmar Arnold leuchtet mit seiner Stablampe: „Schauen Sie mal, wie das glitzert!“ Viele Lichtpunkte schimmern zurück. Woher kommen die kristallinen Ablagerungen?

Arnold steht in einem versteckten Bauwerk im Berliner Untergrund, in dem es einige Zeitspuren zu enträtseln gilt. Die niedrige gewundene Röhre wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, doch sie hat eine große Bedeutung. Hier, ungefähr sechseinhalb Meter unter der Voltastraße in Wedding, begann hierzulande die Geschichte eines Verkehrsmittels, das heute allein in Berlin jährlich für eine halbe Milliarde Fahrten genutzt wird. Bisher schlummerte der erste U-Bahn-Tunnel Deutschlands hinter verriegelten Türen im Verborgenen, zuletzt stand er gar unter Wasser. Aber nicht mehr lange, dann wird er regelmäßig für Führungen geöffnet.

Führungen beginnen im Frühjahr

Berlins Untergrund ist voll von Tunneln, Bunkern und anderen Bauwerken. Seit mehr als 25 Jahren ist Dietmar Arnold in den Berliner Unterwelten unterwegs. So heißt auch der Verein, den der gebürtige Berliner vor fast genau zwei Jahrzehnten gegründet hat. Der Verein dokumentiert die Welt, die sich im Untergrund auftut, und macht Teile von ihr gegen Eintritt zugänglich. Arnold ist der Vereinsvorsitzende.

„Ich bin schon lange dabei, das stimmt. Aber es macht mir immer noch Spaß“, sagt der Mann in der grellgrünen Warnjacke. Dann zieht er die Mütze zurecht. Hier unten ist es nicht so frostig-kalt wie draußen. Warm ist es allerdings auch nicht.

Der Tunnel unter dem Gelände der einstigen Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), die dort Elektromotoren und andere Güter herstellte, ist das jüngste große Projekt. Von den vielen Arbeitsstunden und den rund 200.000 Euro, die der Verein investiert hat, werden bald Berliner und Touristen profitieren. „Wir planen, ab Frühjahr 2017 regelmäßig Führungen durch den AEG-Tunnel anzubieten“, sagt der Sprecher, Holger Happel. „Wann es damit losgeht, kann man auf unseren Internetseiten erfahren.“

Siemens bekam den Zuschlag

Auf etwas mehr als 280 Metern wird der unterirdische Spaziergang durch den ersten, ältesten Tunnelabschnitt führen, der am 31. Mai 1897 in Betrieb ging. Nicht ganz hundert Meter lang ist das anschließende Teilstück, das um 1910 fertig wurde. Geräumig ist es hier unten nicht, der elliptische Tunnel ist gerade mal 2,60 Meter breit. Dafür ist er überraschend abschüssig.

Die Züge mussten einen beachtlichen Höhenunterschied überwinden, der heute noch 7,18 Meter beträgt. Die einstige AEG-Kleinmotorenfabrik, unter der die Strecke beginnt, liegt auf dem Höhenzug des Barnim. Die alte Apparatefabrik, in der sie endet, befindet sich am Rande des Berliner Urstromtals.

Der Tunnel war ein wichtiges Schaufensterprojekt in einem erbitterten Wettstreit: Wer baut die erste deutsche U-Bahn? Während Siemens eine Metro fast direkt unter dem Straßenpflaster propagierte, bewies die AEG, dass selbst im grundwasserreichen Berlin eine tief gelegene Underground á la London möglich ist. „Die Bahn hat sich vorzueglich bewährt“, meldete das Unternehmen 1899 stolz. Dennoch gewann Siemens den Kampf – und baute die erste Berliner Strecke, die 1902 den Betrieb aufnahm.

Luftschutzraum im Weltkrieg

Arnold und seine Mitstreiter haben viele Stunden gearbeitet. Sie legten Keller trocken, meißelten Asphalt und Beton weg, auf dem eine Zeit lang Elektrokarren gefahren waren. „Auf 340 Meter haben wir die alten Gleise wieder freigelegt“, so Arnold.

An der Decke befinden sich noch zwei Isolatoren aus der Anfangszeit. Warum hat jemand alle 1,30 Meter Löcher gebohrt? „Die waren für die Kanthölzer, auf denen die Sitzgelegenheiten befestigt wurde, als der Tunnel im Zweiten Weltkrieg Luftschutzraum war“, so Arnold. Kratzspuren erinnern daran, dass sich vor einigen Jahren bei einer Kabelverlegung der Treibbolzen in den AEG-Tunnel verirrt hat. „Hätte er jemanden getroffen – der Mensch hätte das nicht überlebt.“

Was hat es nun mit dem Flaum auf sich? „Das ist Salpeter“, so Arnold. Von den Chemikalien, mit denen hier im Ersten Weltkrieg Granaten befüllt wurden, zogen einige in die Wände ein – und treten in einer neuen Verbindung wieder zutage. „Eine Baubiologin hat sich das angeschaut. Sie war begeistert: So große Ausblühungen hat sie noch nie gesehen“, sagt der 52-Jährige. Der erste deutsche U-Bahn-Tunnel hat auch seine ästhetischen Reize.