Ich steh’ an der Kasse bei Real – Gesundbrunnencenter – mein Sternburg ist schon völlig schal – Gesundbrunnencenter – das hält ja keine Sau hier aus ...“, singt die Berliner Band Jeans Team und setzt dem Weddinger Einkaufszentrum ein zweifelhaftes Denkmal. Die Gegend hier ist eine der ärmsten der Stadt. Das trotzig-fröhliche Video zu dem Song spielt ebenfalls im Gesundbrunnen und fängt das heutige Lebensgefühl des früheren Arbeiterbezirks ein.

Hier beginnt die Brunnenstraße, sie führt bis nach Mitte zum Rosenthaler Platz. Dass am anderen Ende der Straße, nur knapp zwei Kilometer entfernt, derzeit auf einem Immobilienportal unter anderem eine Vier-Zimmer-Wohnung, Warmmiete 2944 Euro, zu haben ist, ist hier nicht zu spüren. Die Brunnenstraße verbindet zwei völlig verschiedene Welten. Ist es heute das Kapital oder seine Abwesenheit, das die Gegenden formt und trennt, war es bis zur Wende die Mauer. Wie sah es im Brunnenviertel, dem Bereich zwischen Gesundbrunnen, Mauerpark und Bernauer Straße, früher aus? Wie war das Lebensgefühl damals? Darüber wollen sich einige Anwohner und Interessierte im Nachbarschaftstreff Freizeiteck in der Graunstraße austauschen.

Von Kroatien ins Brunnenviertel

Auf dem Tisch liegt ein großer Bogen Papier, auf den sie eine Skizze des Kiez zeichnen. Dabei werden die Standorte durch Erzählungen lebendig. Die Idee kam Andrei Schnell vom Quartiersmanagement, weil er so oft wehmütige Geschichten von Orten hörte, die es längst nicht mehr gibt. In dem Raum finden sonst Treffen des Vereins Brunnenstraße statt, Nachbarn kommen zum Kochen, Nähen oder Vorlesen.

Milka Buchwald wurde 1968 aus Kroatien von der AEG angeworben. In dem großen Werk in der Ackerstraße wickelte Buchwald Zinndraht für Haushaltsgeräte. Nach einem Jahr begann sie, als Dolmetscherin zu arbeiten. Ihre Freitagabende verbrachte sie bei Berliner Weiße im Manne, einer Arbeiterkneipe in der Scheringstraße. „Aber die ist schon lange tot“, erzählt die 65-Jährige und lacht. Doch die Vergangenheit ist für sie lebendig. An Geburtstagen kamen alle Nachbarn vorbei, die Tapeten waren geblümt, Fleisch gab es nur sonntags, Rinderrouladen und Kassler. Und in der Ackerstraße standen die Prostituierten. Wie viele in der Gegend, bekam sie irgendwann eine Umsetzwohnung zugewiesen, weil ihre Altbauwohnung abgerissen wurde.

Das Brunnenviertel galt in den 1970ern als größtes Flächensanierungsgebiet Europas. Die auf alten Fotos so prachtvollen Gründerzeitbauten waren marode, vom Krieg versehrt und hatten Außenklos. In mehreren Wellen mussten die Häuser den meist grauen oder braunen Neubauten weichen, die bis heute das triste Stadtbild prägen.

Dass sich gegen diese Entwicklung Widerstand formierte, zeigt das Beispiel des Jugendzentrums „Putte“, von dem eine andere Teilnehmerin erzählt. 1974 besetzten junge Leute ein Haus in der Rügener Straße und gründeten einen Kinderladen. Proteste gegen den geplanten Abriss blieben erfolglos, den Verein gibt es an einer anderen Adresse noch heute.

Auch Cecilia Stickler kennt das Brunnenviertel noch aus den 1960ern. Damals studierte die gebürtige Schwedin Kunstgeschichte und verdiente ihr Geld als Fremdenführerin. Sie zeigte schwedischen Schulklassen die Stadt, nach Kudamm und Philharmonie ging es mit dem Bus zur Bernauer Straße. „Ich fuhr mit 35 schlafenden Kindern durch die Gegend, die hat das alles überhaupt nicht interessiert“, erzählt die Übersetzerin. Erst an der Mauer sei wieder Leben aufgekommen, die Kinder wollten Fotos vom Osten machen. Manchmal seien sie dann von der anderen Seite aus geblendet worden. „Natürlich hatten die Leute keine Lust, sich wie im Zoo fotografieren zu lassen. Das war ein Kleinkrieg“, erinnert sich Stickler.

Kanalflucht in den Westen

Wie viel Geschichte in einem sehr kleinen Stück Stadt stecken kann, davon können Dunja Berndt und Holger Eckert berichten. Sie sind ehrenamtliche Paten der Gleim-Oase, einer kleinen Grünanlage am Gleimtunnel. Angelegt wurde sie für Bewohner eines Seniorenheims, dann lag sie lange Jahre brach. Heute bestellen Berndt und Eckert die Beete, organisieren Lesungen und geben Führungen. Weil sie in einem alternativen Reiseführer erwähnt wurden, kommen Besucher aus der ganzen Welt. Und hören Geschichten wie von der Kanalflucht, die mehrere DDR-Flüchtlinge 1961 durch den Kanal direkt unter dem Grünstreifen führte.

„Mitten durch die Fäkalien, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erzählt Eckert. Er zeigt auf den Gullydeckel, an dem die Flüchtenden wieder ans Tageslicht kamen. Eine Freundin der Gruppe, die wenige Wochen später auf diesem Weg folgen wollte, wurde entdeckt und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Zu erzählen gibt es genug.