Am Morgen rufen die Kirchenglocken zum Gottesdienst. Es ist kurz nach halb zehn. Für alle, die eine zweite Aufforderung brauchen, geht es eine knappe halbe Stunde später noch mal los, wieder haut der Schlagring über ein paar Minuten hinweg gegen die Glocke. Eigentlich ist dieses liturgische Ritual ja etwas aus der Zeit gefallen, denn welche Kirchengängerin und welcher Gläubige lässt sich heute tatsächlich noch von einer Glocke an die christliche Pflicht erinnern? Ganz zu schweigen vom Säkularismus, der offenbar doch lückenhaft ist, wenn es um das Zulassen von ziemlich durchdringenden Geräuschquellen geht. So eine Glocke auf dem eigenen Balkon zu installieren und morgens zu bedienen, würde wohl alsbald die Polizei auf den Plan rufen.

Das Kirchengeläut verhilft der Großstadt immerhin zu einer beschaulichen Atmosphäre. Trotzdem verwunderlich, dass in Berlin, dem angeblich atheistischen Zentrum Europas, noch niemand  dagegen auf die Barrikaden gegangen ist. Wo die Menschen hier doch sonst nicht eben meinungsarm sind, wie sich beim Spaziergang am Mittag an den aufgehängten Wahlplakaten erkennen lässt. Manche sind wie gewohnt recht plump verunstaltet, andere dagegen ziemlich lustig. Neben das Konterfei eines wirklich sehr jung wirkenden Kandidaten der Grünen hat jemand mit einem dicken Filzstift notiert: „Ich bin auch schon 14.“

Im Park ein paar Schritte weiter sprühen Wasserfontänen aus den Rüsseln zweier Stein-Elefanten, die eigentlich an heißen Tagen Kindern eine Abkühlung bieten. Warum sie jetzt laufen, ist nicht klar, denn weit und breit ist niemand zu sehen, der sie betätigt haben könnte. Der Park ist nämlich menschenleer, weil es regnet - ergiebig, wie es bei Regen dieser Stärke im Wetterbericht heißt. Der Schleier der Fontäne mischt sich mit den dicken Tropfen aus dem Himmel.

Als der Regen erst nachlässt und schließlich aufhört, trauen sich unzählige Spatzen aus ihrem Versteck, bestimmt hundert von ihnen nehmen in einer riesigen Pfütze ein Bad. Sie alle fliegen rasch beiseite, sobald jemand vorbeigehen will, und stürzen sich anschließend sogleich wieder ins Nass. Dabei unterhalten sie sich angeregt. Wir idyllisch diese Stadt manchmal sein kann, wenn das Wetter nicht danach schreit, nach draußen zu gehen.