Mehr als 8400 Menschen arbeiten für Air Berlin, davon rund 7200 in Deutschland. Für sie ist das Drama um die Fluggesellschaft eine quälende Hängepartie. Das angeschlagene Unternehmen hat einen langen Sinkflug hinter sich, das Gepäckchaos in Tegel nach dem Wechsel zum Bodendienstleister Aeroground hat den Abwärtstrend beschleunigt. Am Donnerstag ließ der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erkennen, dass er es gut fände, wenn sich die Lufthansa bei Air Berlin engagieren würde. Doch das sehen längst nicht alle Beschäftigten so.

Ein Mitarbeiter von Air Berlin erzählt, wie ihm das Tauziehen zu schaffen macht:

„Die Situation ist stressig für uns. Die Unsicherheit. Die Ungewissheit, wie es weitergeht. Aber kaum einer von uns meldet sich krank. Auch ich nicht. Ich fliege gern, ich mag meinen Beruf. Ich nehme jeden Flug mit, so lange ich das kann.

Das Ganze ist vor allem deshalb so tragisch, weil die Beschäftigten bei Air Berlin gute Arbeit leisten und ein gutes Produkt abliefern, das die Menschen wollen. Die Passagiere fliegen gern mit Air Berlin, und viele sagen uns das auch. Ich komme öfters mal mit ihnen ins Gespräch. Und dann höre ich: Wir stehen hinter Euch. Und einige sagen auch: Lasst Euch nicht von der Lufthansa plattmachen! Denn darum geht es.

Angst in der Verwaltung

Es war schon immer Strategie der Lufthansa, Konkurrenz zu bekämpfen. Nur ein paar Beispiele: German Wings, Air Bremen, Contact Air. Diese und andere Airlines wollten einen guten Linienflugbetrieb aufbauen, doch sie mussten aufgeben. Das bekamen die Passagiere ebenfalls zu spüren. Als German Wings 1990 den Betrieb einstellte, wurden Lufthansa-Tickets teurer. Auch der Aufstieg von Air Berlin, den Joachim Hunold vorantrieb, war der Lufthansa immer ein Dorn im Auge.

Darum waren wir sehr skeptisch, als Thomas Winkelmann von der Lufthansa zu Air Berlin ging und im Februar dieses Jahres unser Chef wurde. Wir fragten uns: Warum wechselt jemand, der einen sehr guten Job bei der Lufthansa hat, zu uns?

Und dann ging es auch schon los. Im März wechselte Air Berlin den Bodendienstleister in Tegel, und das Gepäckchaos begann. Es gibt Verspätungen bis zum Gehtnichtmehr. Das alles schadet nicht nur unserem Image, Air Berlin muss auch hohe Entschädigungen zahlen. Die Personalpolitik ist völlig verfehlt. So müssen wir mit ansehen, wie unser gutes Produkt durch Entscheidungen des Managements vorsätzlich kaputt gemacht wird. Einige bei uns sprechen sogar von Sabotage. Kurz vor der Bundestagswahl ließ man nun die Bombe platzen. Und jetzt wird kräftig auf die Tube gedrückt, indem verbreitet wird, dass der 150-Millionen-Euro-Überbrückungskredit nicht mehr lange reichen wird. Es soll alles sehr schnell gehen. Und es soll sehr schnell Gras über die Sache wachsen. Das ist alles unterste Schublade.

Die Mitarbeiter in unserer Verwaltung sind völlig am Boden. Sie wissen, dass sie nach einer Übernahme nicht mehr gebraucht werden. Die werden auf der Straße landen. Das Cockpitpersonal rechnet damit, dass es weiter fliegen wird, wenn auch wohl für 40 bis 50 Prozent weniger Gehalt als heute. Wenn es dazu kommt, möchten sie aber wenigstens mit Chefs arbeiten, denen sie vertrauen. Hans Rudolf Wöhrl wäre so jemand. Er kennt die Branche und hat im aktiven Airlinegeschäft unter Beweis gestellt, dass er Beschäftigung schaffen, Kunden zufrieden stellen und Gewinne erwirtschaften kann. Herr Wöhrl würde Air Berlin wieder stark machen. Da ist es natürlich völlig klar, dass man ihn draußen halten will.

Vom Senat fühlen wir uns bei Air Berlin allein gelassen. Nicht nur, dass er das Projekt BER an die Wand gefahren hat, was Air Berlin wirklich geschadet hat: Wir können auch nicht erkennen, dass der Regierende Bürgermeister zu unserem Unternehmen steht. Herr Müller sollte nicht nur viel deutlicher für uns Stellung beziehen, der Senat sollte auch prüfen, ob er den Kredit um 50 Millionen Euro aufstockt.

Höhere Preise, öfter umsteigen

Was das Ganze für die Fluggäste bedeutet? Sie werden sich noch wundern, wie die Ticketpreise steigen werden, wenn alles über die Bühne gegangen ist.

Ich bin mir auch sicher, dass das Streckennetz ausgedünnt wird, wenn die Lufthansa bei uns einsteigt, das wird kräftig eingedampft. Das wird Berlin besonders treffen, denn die Lufthansa war noch nie daran interessiert, dass sich hier neben den Hubs in Frankfurt am Main und München ein dritter Knotenpunkt etabliert. Derzeit gibt es bei Air Berlin in Tegel noch täglich in sechs Wellen Umsteigeverkehr. Das wird sicher kaputt gehen, wenn bei uns jemand anders einsteigt.

Ich rechne auch damit, dass die Zahl der Interkontinentalverbindungen zurückgeht. Das wird Berlin ebenfalls in besonderem Maße zu spüren bekommen. Künftig werden die Berliner Passagiere wieder häufiger umsteigen müssen, wenn sie in die Ferne wollen. Wer nicht mit den US-Airlines in die USA fliegen will, muss dann über Frankfurt reisen. So wie früher. Berlin wird leiden.“