Berlin - Es waren wahre Wassermassen, die da unaufhörlich vom Himmel fielen. Und das mitten im Sommer. An manchen Stellen waren es bis zu 200 Liter Regen – wohlgemerkt pro Quadratmeter. Eine Badewanne fasst etwa 160 Liter. Der Wolkenbruch, um den es geht, ereignete sich allerdings nicht vor einigen Tagen in der Eifel und löste dort eine Jahrhundertflut aus. Es geht um ein sogenanntes Starkregenereignis, das am 29. Juni 2017, um 12 Uhr als sogenannter Jahrhundertregen über Berlin niederging. Innerhalb von 18 Stunden fiel so viel Wasser auf die Stadt wie sonst in einem Vierteljahr.

Viele erinnern sich noch daran, wie sie aus der U-Bahn kamen und ihnen auf den Treppen Wasserströme entgegenflossen. Jetzt, bei dem verheerenden Hochwasser in der Eifel, fielen teilweise 150 Liter Regen. Das war weniger als damals in Berlin. Aber in der Hauptstadt kam es nicht zu einer Katastrophe. In den derzeitigen Hochwassergebieten wurden Dörfer und Städte überschwemmt, Häuser einfach weggespült, bislang sind 170 Tote zu beklagen.

Dabei ist Berlin eine Stadt des Wassers. Hier fließen Spree, Havel, Panke, Dahme und Wuhle. Es gibt viele Kanäle und mehr Brücken als in Venedig. Zudem ist die Stadt eine relativ zugemauerte Stadt, überall gibt es versiegelte Betonflächen, auf denen nichts versickert. „Entscheidend sind nicht nur die schieren Regenmengen, sondern auch die Topografie, also ob es steile Berge gibt, an denen kleine Bäche zu reißenden Flüssen werden können“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe.

Auch in Berlin überforderte der Starkregen im Juni 2017 alle Vorsorgeeinrichtungen. Normalerweise fallen in dieser Stadt jeden Tag 550.000 Kubikmeter Abwasser an, die über die Kanalisation zu sechs Klärwerken geleitet werden. An jenem Juni-Tag floss aber doppelt so viel Wasser in die unterirdischen Netze und ließen sie überlaufen. Und so strömten etwa 2,8 Millionen Kubikmeter Regenwasser ungereinigt in die Flüsse, Kanäle oder Seen der Stadt, aber auch in Gärten und Parks, über Straßen und in U-Bahn-Schächte. „Es waren noch nie dagewesene Regenmassen“, sagt Natz. Und nicht nur das: Auch 123 Tonnen Sand wurden statt der üblichen sechs Tonnen zu den Klärwerken gespült.

Regenmassen wie nur alle hundert Jahre

Dass Teile der Kanalisation überflutet werden, passiert Dutzende Male im Jahr. Aber für solche Regenmassen, die nur alle hundert Jahre auftreten, kann kein Stauraum geschaffen werden: Die Kanäle – so dick wie U-Bahn-Röhren – wären nicht nur unbezahlbar, es gäbe unterirdisch auch gar nicht genügend Platz, sagen die Fachleute. Außerdem würde es dort stinken, weil meist viel zu wenig Wasser fließen würde. Es ist bundesweit üblich, dass die Kanalisation so gebaut wird, dass sie jene maximalen Regenmengen aufnehmen kann, die beim stärksten Regenfall der vergangenen fünf Jahre gefallen sind. 2017 war es weit mehr.

Gut, dass die Verantwortlichen in der Stadt schon Mitte der 1990er-Jahre begonnen hatten, umzudenken. Die Stadt soll allmählich so umgebaut werden, dass sie das Wasser wie ein Schwamm aufsaugen und bewahren kann – und es dann wieder abgibt, wenn Wasser benötigt wird, etwa bei Dürre.

Es wurde ein Stauraumprogramm gestartet, mit dem überall in der Stadt große und kleine „Abwasserparkplätze“ geschaffen werden. Dort soll bei Starkregen das Wasser aufgehalten werden, damit es nicht ungeklärt in die Flüsse und Seen fließt, sondern nach dem Regen nach und nach in den Klärwerken gereinigt werden kann. Es ist ein Programm, das dem Umweltschutz dient, also der Gewässerqualität, das aber auch bei Extremregen hilft.

Eigentlich sollte das Programm bereits 2020 beendet werden. Doch es dauerte länger. „Bis 2024 soll es abgeschlossen sein“, sagte Stephan Natz von den Wasserbetrieben. „Dann sollen 100 Millionen Euro investiert sein und Becken für 400.000 Kubikmeter Wasser geschaffen worden sein.“

Allerdings fehlt in der Innenstadt der Platz für große Becken, und so werden außerhalb des S-Bahn-Rings drei riesige Behälter gebaut. Dazu kommen viele neue Wehre an Kanälen, um Wasser aufzustauen. Oder es werden neben Kanälen noch Nebenkanäle gebaut. Außerdem wird Wasser so durch die kilometerlangen unterirdischen Kanäle geleitet, dass es möglichst lange gespeichert wird.

Sensoren an Gullys

Die Stadt wappnet sich auch noch mit anderen Mitteln: Es wurde ein sogenannter Überstauatlas erarbeitet. Die Feuerwehr stellte Daten bereit, mit denen dokumentiert wird, wo sie immer wieder abpumpen muss, egal, ob es sich um Straßentunnel handelt oder Mulden. Außerdem werden nun Starkregen-Gefahrenkarten erarbeitet. In Moabit und am Flughafensee ist das modellhaft schon erledigt. In Tegel ist für ein Gebiet von der Größe von 2000 Fußballfeldern bereits festgelegt, wie zu viel Regenwasser ablaufen und dann sechs große Becken füllen kann, bevor es in den Flughafensee gelangt.

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Klärwerk Ruhleben in Berlin. In der Stadt gibt es sechs solcher riesigen Anlagen, die das Abwasser – auch Regenwasser – reinigen.

Außerdem arbeiten die Wasserbetriebe mit der BSR und der BVG und anderen Partnern an einem Vorwarnsystem für Überschwemmungen – egal, ob lokal in einer Unterführung oder in größeren Bereichen. Bei dem Forschungsprojekt „Sensare“ werden Sensoren an Gullys angebracht oder an Schächten oder Stromverteilern, die dann einem Warnnetz melden, wenn Wasser auf der Straße steht und wo es hinläuft.

Es gibt zwei Extreme, die mit dem Klimawandel immer mehr zunehmen: lange Dürren und extreme Regenfälle. Bei heftigen Regengüssen können die trockenen Böden das Wasser gar nicht so schnell aufnehmen, würden abfließen oder für Überschwemmungen sorgen. Deshalb das Konzept Schwammstadt.

Doch es gibt ein massives Problem: Berlin boomt, und es wird immer mehr gebaut. Das heißt: Immer mehr Naturraum und immer mehr alte Brachen werden zubetoniert, bebaut, versiegelt und verlieren ihre Funktion als Speicherplatz für Wasser.

Deshalb ist das Baurecht geändert worden. In Berlin ist bei Neubauvorhaben seit Ende 2017 die Regenwasserbewirtschaftung auf dem eigenen Grundstück sicherzustellen. Das heißt: Es darf kein Regenwasser mehr in die Kanalisation gelangen. Das Wasser soll vor Ort versickern, damit es die Grundwasserspeicher füllt, es soll genutzt werden für die Spülung von Toiletten oder zur Kühlung von Gebäuden. Möglich sind auch Gründächer, begrünte Fassaden oder Teiche, die auf dem Grundstück für ein frisches Mikroklima sorgen. Regenwasser soll nun als wertvolle Ressource genutzt werden.