Es scheint fast, als sei die Leere in sämtlichen europäischen Metropolen zum Luxus geworden.
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BerlinZurzeit denke ich häufig an ein Gespräch, das vor ungefähr einem Jahr stattfand. Ich wohnte zu der Zeit noch in Hamburg, meine Freundin Joana in ihrer 3-Zimmer-Wohnung im Bergmannkiez, in der sie in verschiedenen WG-Konstellationen schon seit unserer gemeinsamen Studienzeit gewohnt hatte und in der sie noch heute wohnt. 

Ich habe mich seitdem schon mehrmals von Berlin im Speziellen und dem WG-Leben im Allgemeinen verabschiedet. Vom Blickwinkel des Wohnkomforts aus gesehen, habe ich mich seitdem aber kontinuierlich verschlechtert: als ich 2006 für mein Studium nach Berlin kam, bezog ich eine 1-Zimmer-Altbauwohnung in Schöneberg, für die ich 300 Euro bezahlte. Ich konnte 40 Quadratmeter und einen kleinen Balkon, der zum Hinterhof hinausging, mein Eigen nennen.

Schöneberg hatte die street credibility abgewertet

In meinem Freundeskreis galt ich damit als „bonzig“, zum einen, weil man damals einfach nicht in Schöneberg wohnte, wenn einem seine street credibility als alternativer Hauptstädter etwas wert war, zum anderen, weil ein Mietpreis von 300 Euro in damaligen Studentenkreisen wohl als unerhört verschwenderisch galt.

Nach Erhöhung einiger Nebenkosten konnte ich mir die Wohnung nach wenigen Jahren jedenfalls nicht mehr leisten und gründete mit einer Freundin eine WG in Tempelhof. Trotz verschiedener Jobs in verschiedenen europäischen Städten sollte meine erste Wohnung tatsächlich bis heute die „bonzigste“ Unterkunft bleiben, die ich mir leisten konnte.

Es fällt schwer, aufrichtiges Mitleid zu empfinden

Joana hatte ein anderes Problem, als wir uns unterhielten. Weil sie in Berlin seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr umgezogen ist, wird sie es vielleicht nie mehr tun können. Ihre Mitbewohnerin möchte ausziehen und Joana könnte sich die 900 Euro Miete inzwischen auch alleine leisten.

Eigentlich wäre es aber mal Zeit für einen Tapetenwechsel: „Ich fühle mich hier gefangen, weil ich weiß, dass ich für 900 Euro höchstens eine halb so große Wohnung in einer schlechteren Lage finden würde.“ Wenn Berlinerinnen über steigende Wohnungspreise jammern, erst recht solche, die noch ihre alten Mietverträge haben, fällt es mir etwas schwer, aufrichtiges Mitleid zu empfinden.

Das Rattenloch im Bahnhofsviertel

In Hamburg wohnte ich für 800 Euro in einem dunklen Rattenloch im Bahnhofsviertel. Inzwischen zahle ich 1100 Euro für einen 28-Quadratmeter-Schuhkarton mit Dachterrasse in Amsterdam. Zwar zahlen die meisten meiner Freunde in Berlin auch nicht mehr die kuscheligen Warmmieten der Neunziger und Nuller Jahre, sie wohnen aber ausnahmslos in geräumigen, schönen Altbauwohnungen, die meine Freundin Joana dann absichtlich nur zur Hälfte möbliert, weil ihr Blick sonst „viel zu voll“ sei.

Ihre Einrichtung besteht aus kaum mehr als einer großen Matratze auf weiß lackiertem Dielenboden, neben der sich Bücher stapeln. An den weißen Wänden will sie schon seit Jahren das ein oder andere Bild aufhängen. Jedes Mal, wenn ich sie in Berlin besuche, schaue ich aber an dieselbe angenehm leere Wand, während die Straßen im Bergmannkiez eigentlich von Mal zu Mal voller werden.

Es scheint fast, als sei die Leere, die so normal war, als ich gerade nach Berlin gezogen bin, in sämtlichen europäischen Metropolen zum Luxus geworden ist. In meiner Amsterdamer Dachgeschosswohnung bezahle ich Monat für Monat dafür, wenigstens in einen leeren Himmel zu starren – ein Gefühl, das am Amsterdamer Boden nahezu unbezahlbar ist.