Pola Böhm, Yogalehrerin und eine der Gründerinnen der Free Yoga Initiative.
Foto: Berliner Zeitung/Sabine Gudath

BerlinWenn Pola Böhm von ihrem Anliegen spricht, dann tut sie dies wohlüberlegt, aber mit deutlichen Worten. Sie redet dabei von „der Perspektive der Konsumierenden“ und einer „Existenz-bedrohenden Lage“. Begriffe, die man normalerweise aus Wirtschaft und Politik hört. Und doch geht es Böhm um etwas anderes. Es geht um Yoga.

Für Pola Böhm ist Yoga Beruf und Leidenschaft zugleich. Die 34-jährige selbstständige Yogalehrerin wurde jüngst zu einer der Mitgründerinnen der „Fair Yoga Initiative“. Diese will unter anderem auf ein Phänomen aufmerksam machen, welches auf den ersten Blick ebenfalls nicht allzu viel mit Yoga zu tun zu haben scheint: Plattform-Ökonomie.

Das Konzept ist schnell erklärt. Ein Unternehmen bietet weder ein Produkt noch eine Dienstleistung an, sondern bringt als eine Plattform Interessenten und Anbieter zueinander. Airbnb verfolgt dieses Konzept genauso wie etwa Lieferando und Uber. Und auch im Sport hat sich das Geschäftsmodell etabliert, hier in der Stadt vor allem durch den Urban Sports Club (USC).

Yoga-Branche immer abhängiger vom USC

Mit knapp 1400 Studios und Trainern aus den verschiedensten Sportarten arbeitet der USC in Berlin zusammen. 1400 Sportanbieter, deren Angebote die Kunden des Start-ups mit nur einer Mitgliedschaft nutzen können. „Aus der Perspektive der Konsumierenden ist das natürlich extrem attraktiv“, fasst Pola Böhm zusammen. Aus Anbietersicht zwar auch, aber eben nicht immer. So ist bei vielen Anbietern, zumindest in der Berliner Yoga-Branche, eine zunehmende Abhängigkeit vom Urban Sports Club und eine sich verändernde Yogakultur zu erkennen.

Um die Kritik der „Fair Yoga Initiative“ nachvollziehen zu können, muss zunächst einmal das Konzept des USC erklärt werden: Kooperiert ein Yoga-Anbieter mit dem USC, wird er in dessen App und Website gelistet. Besucht ein Mitglied einen dort gebuchten Kurs, bezahlt im Anschluss nicht er, sondern der USC einen individuell mit den Anbietern ausgehandelten Betrag an diese. Wie oft ein Mitglied wöchentlich ein einzelnes Studio besuchen kann, hängt von seiner Mitgliedschaft ab. Bei den günstigeren der vier monatlich zwischen 29 und 129 Euro teuren Tarife ist die Anzahl an Besuchen in der Regel begrenzt, bei den teureren weniger.

Entwickelt haben dieses Prinzip Moritz Kreppel und Benjamin Roth. 2012 gründeten die beiden den Urban Sports Club, der mittlerweile Marktführer der europäischen Anbieter von Fitness-Flatrates ist. Kreppel ist noch immer überzeugt vom eigenen Konzept. Anders als andere Anbieter wolle man den Partnern ein Zusatzgeschäft generieren, statt ihnen Konkurrenz zu machen, sagt Kreppel und ergänzt: „Wir bringen den Studios Besucher, erhöhen damit ihre Auslastung und nehmen ihnen durch unsere Plattform viel Arbeit im Bereich Marketing ab.“

Mehr Reichweite, aber niedrige Preise

Pola Böhm bestätigt diese Einschätzung für die Yogaszene nur bedingt: „Man gewinnt tatsächlich an Reichweite und erreicht auch Menschen, die man sonst nicht erreichen würde“, sagt sie. Das Problem ist, dass der USC den Anbietern dennoch Konkurrenz macht, indem er deren Preise unterbietet.

„Selbst Kundinnen und Kunden, die lange und loyal bei einem Studio oder einer Lehrerin waren, wechseln jetzt und werden Mitglied der Plattform“, sagt Böhm. Finanziell kommen sie dabei oft günstiger weg. Die Yoga-Anbieter hingegen verlieren an Einkommen. Selbst, wenn die Kunden mit gleichbleibender Regelmäßigkeit zu ihnen kommen. Je nach Kurs, Studio und Lehrer würde eine einzelne Yogastunde in Berlin einen Kunden in der Regel zwischen 12 und 20 Euro kosten, erklärt Böhm. Besucht allerdings ein USC-Mitglied einen Kurs, bekommt dessen Anbieter hierfür – je nach den individuellen, nicht-transparenten Vertragskonditionen – in der Regel lediglich zwischen 6,50 und zwölf Euro. Eine Kooperation mit dem USC rentiert sich also nur dann, wenn es gelingt, die geringeren Einnahmen pro Besuch mit einer deutlich größeren Zahl an Kunden zu kompensieren. Die Konsequenz ist, dass große Studios profitieren, während Studios und selbstständige Lehrer mit kleineren Kursen – das Gros der Berliner Yoga-Anbieter – zu kämpfen haben.

Victoria Larsson ist eine solche selbstständige Yogalehrerin. Die 48-jährige arbeitet seit 2012 als Yogalehrerin. . Sie kritisiert das Plattform-Modell, weil es statt einem Zusatzgeschäft inzwischen die Haupteinnahmequelle für viele Yoga-Anbieter geworden ist: „In den letzten Jahren sind nahezu alle Berliner Yogastudios und -lehrer komplett vom USC abhängig geworden“. So kommen laut Einschätzungen der „Fair Yoga Initiative“ im Schnitt 60 bis 90 Prozent der Teilnehmer von Yogakursen über den USC. Larsson hat, inzwischen jedoch den Entschluss gefasst, nicht länger mit Plattformen wie dem USC zusammenzuarbeiten. Auch weil sie eine Veränderung der Yogakultur festgestellt hat: „Statt Kurse mit 40 oder 50 Teilnehmern anzubieten, will ich meine Schülerinnen und Schüler kennenlernen. Ich will mich um sie kümmern können und ihren Fortschritt sehen.“ Bei zu großen Kursen mit im schlimmsten Fall ständig wechselnden Teilnehmern sei dies schlicht unmöglich.

Anbieter verärgert über kurzfristige Kurs-Streichungen

So wächst nicht nur die „Fair Yoga Initiative“, sondern auch die Zahl der Berliner Yogastudios und -lehrer, die ihre Zusammenarbeit mit dem Urban Sports Club beendet haben beziehungsweise darüber nachdenken, dies zu tun. Nicht zuletzt, weil der USC zuletzt endgültig den Ärger vieler seiner Anbieter auf sich zog: Mit einer Vorlaufzeit von nur einer Woche strich die Plattform zahlreiche ihrer Kurse aus dem extra für die Corona-Zeit geschaffenen Online-Programm. „Dass das bei den Studios nicht gut ankommt, ist uns natürlich bewusst und tut uns sehr leid“, sagt Moritz Kreppel. Als noch junges Unternehmen mit Mitarbeitern in Kurzarbeit hätte man jedoch keine Alternative zu den kurzfristigen Streichungen gehabt, so der Gründer.

Dass der USC mittlerweile ein Stück weit zurückgerudert ist und einen Teil der gestrichenen Kurse zumindest bis Ende Juli wieder ins Programm aufgenommen hat, dürfte den Ärger der Anbieter nur bedingt mindern. Für die Anbieter, so Pola Böhm, ändert die Entschuldigung des Unternehmens nur wenig an den negativen Folgen. „Zahlreiche Yogastudios und -lehrende haben sich in der Corona-Zeit plötzlich in einer Existenz-bedrohenden Lage wiedergefunden“, sagt sie. Die kurzfristige Streichung aus dem Online-Programm hätte diese zusätzlich verschärft und einmal mehr die große Abhängigkeit der Berliner Yogalandschaft deutlich gemacht.

Die „Fair Yoga Initiative“ will nun auf die problematische Seite des Plattform-Modells aufmerksam machen. Der Verein in Gründung will Berliner Yoga-Anbietern einen Rahmen bieten, sich auszutauschen. Idealerweise, „um eine Alternative zur Plattform-Ökonomie zu entwickeln“, so Böhm.