Berlinale 2012: Gelungener Auftakt der Berlinale

Irgendwas geht da draußen vor. Unheil kündigt sich an, und keiner weiß, wie er sich verhalten soll. Alles ist plötzlich in eine Dimension gerückt, die keiner mehr überschaut. Soll man weitermachen wie bisher, soll man irgendetwas anders machen, um vielleicht Herr der Lage zu bleiben? Oder soll man sich besser erst einmal nur umschauen, auf die Gefahr hin, den richtigen Zeitpunkt mit Gaffen zu verpassen – und plötzlich von den Ereignissen im Moment ihres Überschlagens untergepflügt zu werden?

Es sind weiß Gott aktuelle Stimmungen, die den Eröffnungsfilm der 62. Berlinale prägen. Dabei erzählt das Drama „Les adieux à la reine – Leb wohl, meine Königin!“ des französischen Regisseurs Benoît Jacquot von einem historischen Moment, mit dem sich bereits ganze Bibliotheken auseinandergesetzt haben und der als abgeforscht gelten darf: mit der Französischen Revolution.

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Dieser Film versetzt den Zuschauer jedoch in die Froschperspektive unmittelbaren Geschehens. Er blendet auf am Morgen des 14. Juli 1789 und blendet ab am Abend des 17. Juli 1789. Die Perspektive, aus der erzählt wird, gehört Sidonie: Sie ist die Vorleserin Marie-Antoinettes, eine junge Frau, eingestellt fürs Amüsement der Königin, aber qualifiziert durch ihre Intellektualität, die sie von den gackernden Dienstmädchen rundherum unterscheidet. Als sich am zweiten Tag die Nachricht vom Sturm auf die Bastille von Paris in Versailles verbreitet, läuft Sidonie aufgeregt durch die Gänge des Schlosses, vergisst ihre Pflichten, beobachtet den Hofstaat, hört die verschiedenen Meinungen, ist zugleich distanziert und hineingerissen in das Geschehen.

Figuren flüchten in seltsame Handlungen

Schon flüchten die Figuren in seltsame Handlungen. Marie-Antoinette pflegt ihre privaten Obsessionen; einen Moment später plant sie ihre Flucht, dann wendet sie sich wieder Schmuck und Putz zu. Die Nähe zur Königin, einst ein Privileg, beginnt nun, da das Volk ihren Kopf fordert, zu einer Gefahr zu werden. Als der König nach Paris fährt, entschließt sich Gabrielle de Polignac, die Geliebte Marie-Antoinettes und – aus der Sicht der Revolutionäre – eine der bestgehassten Hofdamen, zur Flucht – in den Kleidern von Dienern. Da bittet die Königin ihre Vorleserin, in den rauschenden Gewändern der Polignac mitzufahren, um im schlimmsten Fall die Aggressionen des Volks auf sich zu lenken.

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„Les adieux à la reine“ beruht auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas und unterscheidet sich doch stark von der Vorlage. Im Roman erzählt Sidonie aus dem Rückblick, der um den Ausgang weiß. Im Film von Benoît Jacquot ist es der Zuschauer, der seine Kenntnis über die Französische Revolution einbringt in die Verworrenheit des unmittelbaren Geschehens. Jacquot gibt keinen historischen Überblick; er bietet vielmehr Gerüchte und schwankende Ansichten. Dieser Zugriff bringt einen von der ersten Einstellung an gebrochenen Kostümfilm hervor. Natürlich ist jedes Bild voll von Requisiten, Kostümen und historischem Kolorit, auch das protokollarische Benehmen wird minutiös dokumentiert. Aber die Kamera von Romain Winding verweilt kaum je selbstzufrieden auf diesen Tableaus. Die Blickwinkel sind eng, die Handkamera ist Sidonie eilig auf den Fersen, und wenn die Perspektiven sich einmal weiter öffnen, herrscht eine seltsame Leere.

Schon ist das Schloss nur noch spärlich erleuchtet, und alsbald, so denkt man sich, ist der ganze Plunder aus Samt und Seide nichts mehr wert. Zusammen mit der dissonanten, nervös treibenden Musik von Bruno Coulais vermittelt Benoît Jacquots Film Unruhe, Zeitdruck; er stiftet eine beeindruckende Atmosphäre von bevorstehendem Zusammenbruch. Sie kommt einem aus der eigenen Ratlosigkeit unangenehm bekannt vor.

Berlinale: Exotik und Zeitgeschichte

Im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale herrscht wieder die bewährte Mischung aus Exotik und Zeitgeschichte. Dem Schwerpunkt Afrika stehen Filme über Um-, Auf- und Ausbrüche gegenüber, dabei sind historische Stoffe aus dem 18. und 19. Jahrhundert, aber auch aus der DDR nicht zu knapp vertreten.

Mit „Les adieux à la reine“ steht ein Film von repräsentativem Zuschnitt, symbolischer Subtilität und inszenatorischer Originalität zugleich im Rampenlicht der Eröffnung. Sein dringlicher Ernst gibt einen Ton vor, der vom Vorwurf des „Wellness-Arthouse“, der im letzten Jahr gegen die Auswahl des Festival-Leiters Dieter Kosslick erhoben wurde, nicht weiter entfernt sein könnte. „Les adieux à la reine“ wäre indes undenkbar ohne eine Schauspielerin wie Léa Seydoux, die als Sidonie den Film trägt. Sie führt uns hinein in eine Welt seltsamer Bräuche und schaut sich für uns um in diesem Durcheinander. Mit ihr suchen wir nach der besten Möglichkeit zu überleben. In ihrem Blick sehen wir schließlich unsere Sorgen und Bedenken.

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Les adieux à la reine – Leb wohl, meine Königin!

10. 2.: 18 Uhr sowie 20.30 Uhr,

jeweils Haus der Berliner Festspiele,

19. 2.: 10 Uhr, Friedrichstadt-Palast.